«Wird jemand angegriffen, schliessen wir uns zur Verteidigung zusammen» In Indonesien ist die Antifa zunehmend mit islamistischem Fundamentalismus konfrontiert. Der Widerstand ist vielfältig und international vernetzt.

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WOZ: Herry Sutresna, wie sind Sie Antifaschist geworden?

Herry Sutresna: Vermutlich über die Musik. In den frühen neunziger Jahren blühte die Musikszene in den urbanen Zentren in Jakarta, Yogyakarta und Surabaya auf: Punk, Rock, Metal. In diesen Szenen kamen wir mit Anarchismus und Antifaschismus in Kontakt. Der Antifaschismus in Indonesien hat eine lange Geschichte, die in die Zeit vor der Unabhängigkeitserklärung von 1945 zurückreicht. Damals ging es um den Kampf gegen die Kolonialisten und japanischen Besatzer.

WOZ: Und heute?

Herry Sutresna: Heute begegnen wir einem neuen Faschismus, der sich von seiner historischen Ausprägung unterscheidet. Viel Gefahr geht dabei von religiösen Gruppierungen aus. Sie verüben regelmässig Angriffe und Überfälle auf Projekte, die ihnen widerstreben. Das Phänomen gab es schon in den 1940er Jahren, damals aber noch weit weniger ausgeprägt. Seit Ende des Jahrtausends wird der islamistische Fundamentalismus immer stärker, und natürlich ist auch der Staat an diesen Angriffen beteiligt. Der Kern des Faschismus ist aber der gleiche geblieben.

WOZ: Was verstehen Sie unter ­Antifaschismus?

Herry Sutresna: Für mich ist er eine Praxis, keine Ideologie. Diese beiden Ebenen nicht zu verwechseln, ist wichtig. Persönlich tendiere ich zu einem anarchistischen Ansatz. Aber auch gewöhnliche Bürger:innen können Antifaschist:innen sein. Es geht primär um Selbstverteidigung: Wenn der Staat oder andere Gruppen und Institutionen uns angreifen, uns zum Schweigen bringen wollen, wird Antifaschismus zur praktischen Notwendigkeit. Die Angriffe auf uns können viele Formen annehmen; politische Stimmen werden zensiert, Veranstaltungen gestört.

WOZ: Welche Taktiken und Strategien wenden Sie konkret dagegen an?

Herry Sutresna: In den nuller Jahren haben wir Bürger:innenmilizen gegründet, um gegen rechte Störaktionen vorzugehen. So konnten wir etwa Hausräumungen verhindern. Danach haben wir für ein paar Jahre etwas an Momentum verloren. Erst ab 2016 kam es wieder zu regelmässigen Massenprotesten. Die Bewegung lieferte sich Strassenkämpfe mit der Ordnungspolizei, am 1. Mai 2019 wurden 600 Antifaschist:innen verhaftet. Heute gehen wir anders vor: In Bandung, wo ich lebe, organisieren wir uns in vielen kleinen Gruppen, die untereinander in Kontakt stehen. Wird jemand angegriffen, schliessen wir uns zusammen, um uns gemeinsam zu verteidigen.

WOZ: Können Sie ein Beispiel nennen?

Herry Sutresna: Als einige Künstler:innen kürzlich in Bandung ein Theaterprojekt lancierten, wurden sie von einer dschihadistischen Miliz angegriffen. Sofort haben sie Notfallnachrichten verschickt. Wir haben uns innert kurzer Zeit versammelt, vor das Theater gestellt und eine Art Barrikade aus Menschen gebildet. Unter uns waren Mitglieder von Lesegruppen und studentischen Organisationen, aber auch Leute aus Boxklubs.

WOZ: In indonesischen Medien werden die antifaschistischen Anarchocommunitys als professionelle, gut organisierte Gruppe dargestellt. Müssten sie es nicht eigentlich besser wissen?

Herry Sutresna: Gehen Sie niemals davon aus, dass die Eliten dumm sind. Sie beschäftigen sich intensiv mit uns – und wissen, wie wir funktionieren. Die Polizei hat ein Spezialdepartement eigens zur Untersuchung von Anarchismus eingerichtet. Ein Freund aus England hat mich einmal darüber informiert, dass an seiner Uni drei Indonesier mehr über Anarchismus lernen wollten. Wir haben dann mehr über sie zu erfahren versucht. Dabei stellte sich heraus, dass es drei Polizisten waren.

WOZ: Ihr seid also auch international vernetzt, obwohl die anarchistische Bewegung eher lokal organisiert ist?

Herry Sutresna: Wir befinden uns ganz grundsätzlich in einer Ära der Dezentralisierung. Das gilt auch für unsere Gegner:innen: Es gibt nicht ein einzelnes Machtzentrum, das die Kontrolle ausübt. Die Macht ist vielmehr wie ein Rhizom, wie Wurzeln in der Gesellschaft verteilt. Wir selbst müssen auch so vorgehen. Die technologischen Möglichkeiten helfen uns dabei: Früher standen wir nur über Briefverkehr miteinander in Austausch. Heute können wir mit Freund:innen in Syrien Onlineworkshops abhalten, mit lokalen Aktivist:innen in Palästina diskutieren und uns mit Gleichgesinnten in Australien austauschen.

Herry Sutresna (51), besser bekannt unter seinem Pseudonym Ucok, ist Mitglied des indonesischen Hip-Hop-Kollektivs Homicide und seit Jahrzehnten antifaschistisch organisiert.