5. Budapest: Der Schauprozess oder Tage der Würde
Budapest, Februar 2026, am Stadtgericht. Die Holzbänke für das Publikum knarzen, die Pressekameras richten sich auf die Tür: Maja T. – starker Blick, schulterlange Haare, blau-rosa Wollpullover – tritt ein, umringt von vermummten Polizisten, an den Händen gefesselt und an einer Kette angeleint. Die 25-jährige nonbinäre Person blickt auf die voll besetzte Tribüne, lächelt Freund:innen und Familie zu.
«Nichts in mir sehnt sich nach Gewalt», wird T. vor der Urteilsverkündung aus einer Erklärung lesen. «Ich will weder Tyrann:in noch Held:in sein. Und so muss ich mich fragen», fährt die wegen Angriffen auf Neonazis rund um den «Tag der Ehre» 2023 angeklagte Aktivist:in fort, «was es bedeutet, wenn Antifaschismus auf der Terrorliste landet; wenn wir alle zu Staatsfeind:innen erklärt werden.»
An jedem der sechzehn Prozesstage versammeln sich Neonazis der Légió Hungária vor dem Gericht. Nur wenige Meter entfernt hat Wolfram Jarosch, der Vater von Maja T., am Morgen eine Pressekonferenz abgehalten. Solidaritätskundgebungen sind verboten, seit «die Antifa» – wie in den USA – auch in Ungarn als Terrororganisation gilt. «Nie wieder Faschismus!», ruft Jarosch am Ende seiner Rede. «Freiheit für Maja!»
Eigentlich hätte es den Prozess gegen Maja T. so nie geben dürfen. Nach T.s Verhaftung 2023 in Berlin verlangte Ungarn die Auslieferung von T. – und von weiteren Beschuldigten: von Gino A. aus Frankreich, von Gabriele M. aus Italien. Frankreich verweigerte dies mit Verweis auf die ungarischen Haftbedingungen; Italien, weil in Ungarn kein fairer Prozess zu erwarten sei.
Deutschland entscheidet im Juni 2024, Maja T. auszuliefern. Sven Richwin, T.s Anwalt, legt postwendend Einspruch ein, informiert das Landeskriminalamt Sachsen, stellt am nächsten Morgen um 7.38 Uhr beim Verfassungsgericht einen Eilantrag. Dieses entscheidet um 10.50 Uhr, eine Auslieferung wäre rechtswidrig. Doch da ist Maja T. bereits auf ungarischem Boden. Mitten in der Nacht hat eine Polizeieskorte T. per Hubschrauber nach Ungarn geschafft.
Auf der Anklagebank
«In diesem Prozess», sagt Martin Schirdewan im Budapester Stadtgericht, «sitzt der Antifaschismus auf der Anklagebank.» Der deutsche Kovorsitzende der linken Fraktion im Europaparlament verpasst keinen Prozesstag und nutzt sein Privileg als Parlamentarier, um T. im Gefängnis zu besuchen. «Die Demokratie gerät in fast allen europäischen Ländern unter Druck, und als eine ihrer Säulen der Antifaschismus ins Visier der Rechten, die mancherorts bereits die Justiz vereinnahmt haben», sagt der Fünfzigjährige.
Zwei Wochen später urteilt das Gericht erstinstanzlich: acht Jahre härtestes Haftregime – wegen «Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung» und «versuchter lebensbedrohlicher Körperverletzung». Die Staatsanwaltschaft forderte 24 Jahre – bis heute hat sie keine Beweise vorgelegt, dass T. direkt an tätlichen Angriffen beteiligt war.
Derweil sitzt Maja T. in Isolationshaft – seit über 600 Tagen. Seit Dezember hat Schirdewan die Erlaubnis, T. bei Besuchen die Hand zu geben. Jede Einzelhaft über mehr als 15 Tage gilt gemäss den Nelson-Mandela-Regeln der Uno als Folter. «Das ist dafür gedacht, einen Menschen seelisch zu zerstören», sagt auch Wolfram Jarosch. Er merke, wie schwer es für sein Kind sei, dem standzuhalten.
Tatjana und Wolfram Jarosch sitzen in einem Café nahe des Budapester Gefängnisses. Einmal im Monat dürfen sie T. für eine Stunde besuchen. Alle, die sein Kind kennten, erlebten einen feinfühligen, liebenswerten Menschen, sagt Wolfram Jarosch. Doch für das autoritäre Regime Viktor Orbáns sei T. das perfekte Feindbild: «Ausländer:in, queer, nonbinär – und Antifaschist:in.»
Der Biologielehrer war alleinerziehend, bis er Tatjana kennenlernte, eine Grundschullehrerin. Nun kämpft das Ehepaar aus Jena unermüdlich für die Freilassung von Maja T. Sie seien beide keine Linken gewesen; «aber es sollte selbstverständlich sein, antifaschistisch zu denken und zu handeln», sagt Wolfram Jarosch. «Mindestens sechzig Millionen Menschen wurden im Zweiten Weltkrieg umgebracht – so etwas darf nie wieder passieren.»
Auch der Schock über den NSU-Komplex sitzt tief: «Dass Leute aus unserer Stadt losziehen, einen Menschen nach dem anderen kaltblütig ermorden; dass diese Verbrechen so kläglich aufgeklärt wurden …», Wolfram Jarosch bricht ab. Als Maja T. 2025 für vierzig Tage in den Hungerstreik tritt – mit der Forderung, nach Deutschland verlegt zu werden –, unterstützt das Paar den Protest mit einem 800 Kilometer langen «Hungermarsch» von Jena nach Budapest. «Tageweise haben uns junge Leute begleitet», sagt Tatjana Jarosch, manche aus ostdeutschen Orten, in denen inzwischen die Mehrheit AfD wählt.
Budapest, 14. Februar 2026, am Donauufer. Das Ehepaar hält eine Pressekonferenz zum «Tag der Ehre». Denn seit dem ersten Aufmarsch Ende der Neunziger gibt es auch Widerstand. Rund 2000 Neonazis reisen jeden Februar aus ganz Europa an – Mitglieder von Blood and Honour, der Identitären Bewegung, Hammerskins, Funktionäre der NPD und des III. Wegs. Manche tragen offen SS-Uniformen mit Hakenkreuzen zur Schau. Auch spätere NSU-Mitglieder sollen einst dabei gewesen sein. Die «historischen Wanderungen», die eines Ausbruchsversuchs der 1945 umzingelten deutschen Wehrmacht und Waffen-SS gedenken sollen, sind – auch 2026 – offiziell bewilligt. Während dieses Jahr alle Gegenproteste verboten sind, auch die Gedenkaktion einer Auschwitz-Überlebenden.
Bernard Rorke – weiss meliertes Haar, punkiger Silberring im Ohr – hat keinen einzigen «Tag der Ehre» verpasst. Der Nordire beobachtet den Anlass, seit er 1997 nach Budapest gezogen ist. «Die Polizei greift nicht ein», sagt er. «Sie tritt eher als eine Art Mitveranstalterin auf.» Rorke arbeitet für das European Roma Rights Centre, eine der wenigen Organisationen in Budapest, die sich gegen das ungarische Verbot «der Antifa» positionieren. Der 67-jährige Politologe kritisiert Orbáns Politik offen. «Rom:nja sind hier die sichtbarste Minderheit, das macht sie besonders angreifbar.» Ende der nuller Jahre haben Neonazis auch in Ungarn gezielte Morde begangen. Sie töteten fünf Rom:nja, verletzten über fünfzig weitere Menschen. «In einem Fall haben sie ein Haus angezündet», so Rorke, «und dann auf die Leute geschossen, die daraus flüchteten.» Der sechsjährige Robika Csorba starb in den Armen seines Vaters. Die Ermittlungen zur Mordserie verliefen schleppend, die Polizei sprach lange von «Familiendelikten».
Widerstand, auch im Exil
Paris, Februar 1942. Drei ungarische Juden, der 43-jährige Joseph Boczor, der 40-jährige Imre Emeric Glasz und der 18-jährige Thomas Elek, haben sich als Partisanen der FTP-MOI angeschlossen. Die Gruppe, die mehrheitlich aus eingewanderten und jüdischen Kommunist:innen besteht, wird als eine der aktivsten der französischen Résistance in die Geschichte eingehen.
Budapest, 2026, im linken Gemeinschaftszentrum Aurora. Bence Nagy nippt an seinem Bier. «Hier in Ungarn sind meine Überzeugungen illegal», sagt der Neunzehnjährige, der zur Sicherheit ein Pseudonym verwendet. 2023 demonstrierte er erstmals gegen den «Tag der Ehre». Viele wie ihn gibt es hier nicht. Für ihn jedoch stand nie in Zweifel, Antifaschist zu sein. «Auch, weil ich jüdisch bin.»
Manchmal frage er sich, sagt Nagy, wann es Zeit sei, das Land zu verlassen. Die Vorstellung, ein politischer Flüchtling zu sein, mache ihm Angst. «Ich stehe am Anfang meines Lebens. Ich will studieren, mich für die Gesellschaft einsetzen.» Trotzdem überlege er sich ab und zu Fluchtrouten, nur für den Fall. Dann erzählt Bence Nagy vom Widerstand, von der Strassenschlacht in der Tompastrasse vor 89 Jahren – «dem militantesten antifaschistischen Aufstand Ungarns».
Budapest, 1937. Als NS-Pfeilkreuzler in einem Arbeiter:innenquartier einen Kongress abhalten wollen, finden sich Hunderte Antifaschist:innen zusammen und greifen die Veranstaltung an.
Budapest, 2026. «Wir wissen nicht, wo das endet», sagt Maja T. im Gericht. «Wir können nur versprechen, nie aufzuhören, das Leben zu schützen und zu verteidigen.»