2. Reggio Emilia: Die antifaschistischste Stadt der Welt oder warum es auch hätte anders kommen können

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Illustration: Denkmal auf der Piazza della Vittoria
Illustration: Anna Egli

Reggio Emilia, 2026, im Geschichtsarchiv Istoreco. «Hier sind sie», sagt Chiara Torcianti und legt drei dicke Kartonmappen auf den Arbeitstisch, «die Akten der über siebzig Spanienkämpfer aus unserer Provinz.» Die leitende Archivarin bittet darum, Plastikhandschuhe anzuziehen, um das vergilbte Papier zu sichten.

Der Akte von Adriano Masoni ist ein kleines Schwarzweissfoto beigelegt. Die Arme um seine beiden Kinder gelegt, steht er in weiten Hosen, dunkler Jacke und Béret da, den Blick in die Ferne gerichtet. 1907 in Reggio Emilia geboren, reist Masoni im Juli 1937 nach Spanien, um sich dem Garibaldi-Bataillon anzuschliessen. Im Februar 1939, kurz vor der endgültigen Machtübernahme Francos, wird er in Frankreich festgenommen und später ins faschistische Italien überstellt. Als Masoni freikommt, reist er zurück nach Reggio Emilia. Er wird Kommandant bei den kommunistischen Widerstandsbrigaden GAP – als Spanienfreiwilliger ist er erfahrener als die anderen, meist blutjungen Partisan:innen.

Adriano Masoni mit seinen zwei Kindern
Adriano Masoni mit seinen Kindern. Foto: Archivo Istoreco Reggio Emilia

Reggio Emilia, 170 000 Einwohner:innen, etwa sechzig Kilometer nordwestlich von Bologna in der Poebene gelegen, ist die vielleicht antifaschistischste Stadt der Welt. Bis heute gilt sie als «rote Hochburg». Alle Apotheken gehören hier der Gemeinde, die Gewinne fliessen in soziale und kulturelle Projekte.

Es waren ehemalige Partisan:innen, die 1965 das Archiv und Geschichtsinstitut Istoreco aufbauten. Zwei Jahrzehnte zuvor, vom Herbst 1943 bis ins Frühjahr 1945, hatten sie im italienischen Norden gegen die deutsche Nazibesatzung gekämpft. Den Süden hatten alliierte Truppen 1943 von der faschistischen Diktatur Benito Mussolinis befreit.

Ein von Arkaden gesäumter Innenhof führt zum Eingang des Istoreco, zu den langen, hohen Gängen voller Aktenregale. An einer Bürotür klebt ein Sticker: «Archivar:innen gegen Faschismus – mit Quellen, wann immer Sie möchten». Das Institut organisiert Gedenkfahrten für Abschlussklassen – dieses Jahr nach Prag, wo 1942 ein Attentat auf den SS-Funktionär Reinhard Heydrich verübt wurde; es arbeitet mit Universitäten, Schulen und Kindergärten, verlegt Stolpersteine in Erinnerung an deportierte jüdische Familien und Oppositionelle und stellt Archivmaterial zusammen wie zuletzt für die Ausstellung «Banditi e ribelli».

«Erinnerungskultur muss man sich immer wieder erstreiten», sagt Matthias Durchfeld. Der Historiker, im Sauerland am Rand des Ruhrgebiets aufgewachsen, lebt seit bald vierzig Jahren in Reggio Emilia. Seine Stadtführung beginnt der Kodirektor des Instituts – weinroter «Istoreco»-Kapuzenpulli, schwarze Mütze, dezente Brille – beim Partisan:innendenkmal. 1958 errichtet, zeigt es keine heroische Darstellung bewaffneter Männlichkeit, sondern, Hand in Hand: eine gebückte Frau, einen jungen Mann mit geschlossenen Augen, einen erschöpften alten Mann – und ein totes Kind, das auf dem Boden liegt.

Den 62-jährigen Durchfeld hat einst die Liebe nach Reggio Emilia gebracht; die Faszination für das antifaschistische Erbe hat ihn bleiben lassen. Sichtlich berührt legt er im Sitzungszimmer des Instituts die Porträtfotos von 25 älteren Frauen Männern auf den Tisch. Alle diese Partisan:innen hat Durchfeld persönlich kennengelernt und über Jahre begleitet – bis zu ihren Beerdigungen. «Ich kann dir zeigen, wo wir damals gekämpft haben», sagten einige zu ihm. Seither organisiert er Wanderungen auf den Pfaden der Partisan:innen.

Auch die Gedenkfahrten, so der Historiker, hörten nie an einem Ort der Verfolgung, sondern immer an einem Ort des Widerstands auf. «Nicht nur vom Tod zu erzählen, sondern auch vom Leben», das ist ihm wichtig. «Von den Entscheidungen, die die Leute trafen.» Und dass es auch anders hätte kommen können. «Es gab immer Menschen, die versuchten, ein bisschen Sand ins Getriebe zu streuen. Oft waren es einfach zu wenige.»

Die Erinnerung wachhalten

Reggio Emilia, 1. August 1923. Der 41-jährige Kapellmeister Carlo Boetti weigert sich, die faschistische Hymne «Giovinezza» zu spielen. Daraufhin passen ihn Faschisten am nördlichen Stadtrand ab und prügeln ihn zu Tode.

Wenige Jahre zuvor, 1919 und 1920, prägte noch die Arbeiter:innenbewegung die italienische Politik. Doch auf das «biennio rosso», die beiden «roten Jahre», folgten 1921 und 1922 die schwarzen, das «biennio nero», in denen die von Benito Mussolini gegründeten Fasci italiani di combattimento als Schlägertrupps die linksrevolutionären Städte im Norden Italiens überfielen – von der Staatsmacht weitgehend geduldet und von Industriellen und Grossgrundbesitzern teilweise finanziert und ausgerüstet.

Als Antwort entstanden 1921 die Arditi del Popolo. Ein Moment, der später als Geburtsstunde des Antifaschismus gelten wird: Anarchistische, kommunistische und sozialistische Mitglieder organisierten zusammen eine proletarisch geprägte, militante Selbstverteidigung. Doch im Oktober 1922 – nach Mussolinis «Marsch auf Rom» – übergab Italiens Königshaus die Macht endgültig dem Faschisten.

In Deutschland stellten sich zur selben Zeit ebenfalls Antifaschist:innen den aufstrebenden Nationalsozialisten entgegen: 1924 gründete die Kommunistische Partei (KPD) den Roten Frontkämpferbund, die Sozialdemokratie das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Ab 1929 verhinderten die anarchistischen Schwarzen Scharen Naziübergriffe auf proletarische Quartiere und linke Veranstaltungen. Und im Mai 1932, nach tätlichen Angriffen von NSDAP-Abgeordneten im Parlament, rief die KPD die Antifaschistische Aktion aus.

Hinter Hecken, versteckt in Maisfeldern

In Reggio Emilia liegt heute die ehemalige Kaserne des Kapellmeisters Carlo Boetti direkt gegenüber dem Istoreco. Hundert Jahre nach seiner Ermordung spielt dort, vor dem Eingangstor des Archivs, eine Blaskapelle in seinem Andenken die «Internationale».

Wie verwoben das Institut mit seiner antifaschistischen Geschichte ist, zeigt sich nicht zuletzt an den Familiengeschichten seiner Mitarbeiter:innen. Da ist der junge Historiker Dario Ferrari Lazzarini, der aus einer Schublade die Karteikarte seines Grossvaters hervorkramt: Antonio Giacomo Ferrari Lazzarini, ein Partisan. Da ist Elisabetta Del Monte, deren Grossvater als Sozialist in deutsche Gefangenschaft geriet und Zwangsarbeit auf Trümmerfeldern verrichten musste. Und da ist Lorenzo Ravà, der als Schüler an einer Gedenkfahrt teilnahm und heute selbst solche Reisen organisiert. Seine Grosstante war aus Reggio Emilia deportiert und in Auschwitz ermordet worden. «Im Istoreco konnten wir Dokumente zu meiner jüdischen Familie finden», erzählt er. «Sogar ein Foto meiner Grosstante.»

Reggio Emilia, Ende März 1945. Die 22-jährige Zelina Rossi ist mit ihrem Velo auf dem Rückweg von Mailand. Ab dem harten Winter 1944 radelt sie mehrmals hin und zurück, eine zweitägige Reise. Rossi ist eine «staffetta», eine Kurierin der Partisan:innen. Sie transportiert heimlich feministische Flugblätter, kommunistische Aufrufe, Entwürfe von Untergrundzeitungen. Doch dieses Mal wird das letzte sein: Unter ihrer Kleidung hat sie die Anweisung des nationalen Befreiungskomitees für den endgültigen Aufstand versteckt. Am 25. April 1945 befreien die Partisan:innen Reggio Emilia.

historische Aufnahme von vier Partisaninnen mit Gewehren
Bis heute zu wenig gewürdigt: Die Rolle der ­Partisaninnen bei der Befreiung vom Faschismus. Foto: ISRN, Domodossola

Von den offiziellen Befreiungsparaden im Land werden Partisaninnen jedoch, weil sie Frauen sind, ausgeschlossen. Auch Zelina Rossi wird nie als Partisanin registriert, auch weil sie nicht bewaffnet kämpfte. Ihre Dokumente, darunter Protokolle ihrer Frauenwiderstandsgruppe, die sich nachts hinter Hecken und inmitten von Maisfeldern koordiniert hatte, bewahrte sie aber zeit ihres Lebens auf. Sie sind, von Rossi sorgfältig mit ihren Initialen versehen, im Istoreco archiviert.

«Auch Frauen schlossen sich den bewaffneten Brigaden in den Bergen an», sagt Gemma Bigi, Kodirektorin des Istoreco. Aber die Rolle der meist sehr jungen «staffette partigiane» sei in der Tat wichtiger gewesen: «Das war eine sehr riskante Arbeit.» Wurden sie erwischt, drohten ihnen Verhaftung, Folter, Tod. «Zum Glück war es für die Faschisten oft nicht vorstellbar, dass Frauen freiwillig ein solches Risiko eingehen würden.»

Die Rolle von Frauen, auch der älteren, die verletzte Partisan:innen im Haus versteckt oder die Brigaden mit Lebensmittel versorgt hätten, sei bis heute zu wenig gewürdigt, sagt Bigi. Die Historikerin ist im Umland aufgewachsen, wo viele Teil der Resistenza waren. «Bei uns war der 25. April mindestens so heilig wie der 25. Dezember. Zur Feier des Tages gab es Cappelletti mit Fleischfüllung! Das hat man sich sonst nie geleistet.»

Illustration: Portrait von Anna Ferrari
Anna Ferrari Illustration: Anna Egli

Reggio Emilia, 2026, Via Luigi Carlo Farini. Anna Ferrari – mit Perlenkette, runder Brille, Pagenschnitt – sitzt hinter ihrem Schreibtisch aus Massivholz. An der Wand hängt ein Blumenkranz, an den eine Palästinaflagge geheftet ist. «Solidarität mit unterdrückten Menschen und Antifaschismus – das gehört zusammen», sagt die 78-jährige Präsidentin des lokalen Ablegers von Anpi, des 1944 gegründeten Partisan:innenverbands Associazione Nazionale Partigiani d’Italia.

In Reggio Emilia zählt Anpi mehr Mitglieder als jede politische Partei; in ganz Italien sind es weit über 100 000. Der Verband hält die Erinnerung an den Widerstand wach, besucht Schulen und kümmert sich um Gedenkstätten. «Wobei wir nicht nur über die Vergangenheit sprechen sollten», betont Ferrari. «Man muss Gedenken mit der Gegenwart verbinden, mit der Politik unserer Regierung, die ich für faschistisch halte.»

Seit Oktober 2022 regiert Ministerpräsidentin Giorgia Meloni von den postfaschistischen Fratelli d’Italia das Land. Der aktuelle «Liberties Rule of Law Report», der Regierungen auf ihre Rechtsstaatlichkeit prüft, resümiert, die Meloni-Regierung zerstöre diese «systematisch und absichtlich» und versuche, abweichende Meinungen «zum Schweigen zu bringen».

Anna Ferrari verkörpert demgegenüber einen selbstverständlichen Antifaschismus, wie es ihn vielleicht nur noch in Norditalien gibt. «Antifaschismus ist eine Lebensentscheidung, der sich meine ganze Familie verschrieben hat», sagt sie. Ihr Vater, Didimo Ferrari, war politischer Kommissar des nationalen Befreiungskomitees und – unter dem Kampfnamen Eros – Kommandant der lokalen Partisan:innen. Falls es zu ihren Lebzeiten noch einmal so weit kommen sollte, dass Freiheiten fundamental eingeschränkt würden, hofft Anna Ferrari, «den Mut zu haben, das zu tun, was meine Familie vor mir getan hat».

Das Konterfei einer grimmigen Frau

Ausserhalb des historischen Stadtkerns von Reggio Emilia, vor der Casa Bettola. Es ist schon dunkel. Drinnen backen Teenager gut gelaunt Pizza im Holzofen. 2009 haben Aktivist:innen das ehemalige Strassenarbeiterhaus besetzt und zum Gemeinschaftszentrum umfunktioniert. Eines der Plakate an der Wand zeigt das Konterfei einer grimmigen Frau. Wie ein Heiligenschein zieht sich der Schriftzug «L’antifascismo è una virtù – Ilaria Salis libera» um ihren Kopf: Antifaschismus ist eine Tugend – Freiheit für Ilaria Salis.

Die 41-jährige Lehrerin aus Monza bei Mailand war lange in Basisbewegungen aktiv. Vorbestraft war sie unter anderem, weil sie vor einem Gefängnis geböllert hatte, und wegen der Beteiligung an einer Besetzung in Mailand. Am 11. Februar 2023 wird Ilaria Salis in Budapest festgenommen – kurz vor dem «Tag der Ehre», für den wie jedes Jahr Neonazis aus ganz Europa in die ungarische Hauptstadt pilgern, um der deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS zu gedenken. Als es 2023 um diesen Tag zu Angriffen auf Rechtsextreme kommt, wird Salis beschuldigt, daran beteiligt gewesen zu sein. Sie verbringt fünfzehn Monate in ungarischer Untersuchungshaft; vor Gericht wird sie in Ketten vorgeführt.

Aber dann fassen die italienischen Linksparteien einen Plan.