1. Madrid: «No pasarán» oder die Frage der Gewalt

wobei 2/

Illustration: Strassenszene in Madrid mit «¡NO PASARAN!»-Plakat
Illustration: Anna Egli

Madrid, im Januar 2026: Mittlerweile ist es drei Monate her, dass Mark Bray – Bart, dunkles Haar und ein Lächeln mit Grübchen – mit seiner Familie wegen Morddrohungen aus den USA geflohen ist. Bereits seit dem Sommer hatten seine Partnerin und er diskutiert: Wie schlimm muss es werden? Wann ist es Zeit, zu gehen?

Bray, Geschichtsdozent an der Rutgers-Universität, gibt in New Jersey einen Kurs über Antifaschismus, als US-Präsident Donald Trump am 22. September 2025 beschliesst, «die Antifa» zur «inländischen terroristischen Organisation» zu erklären. Siebzehn Tage später verlassen Bray, seine Partnerin und ihre beiden Kinder das Land.

In den Wochen zuvor hatte Turning Point USA, de facto die Jugendorganisation von Trumps «Make America Great Again»-Kampagne, per Petition die Entlassung von «Dr. Antifa» – gemeint war Bray – gefordert. Auch die Denunziationsplattform Professor Watchlist listete den Historiker auf. Eine der Drohungen, die Bray daraufhin erhält, kündigt an, ihn vor den Augen seiner Student:innen zu töten. Seine Privatadresse wird online veröffentlicht. «Wir dachten uns», sagt der 44-Jährige, «das ist schlimm genug.» Die letzten Tage vor der Abreise verbringt die Familie zu Hause hinter heruntergelassenen Jalousien.

Illustration: Portrait von Mark Bray
Mark Bray Illustration: Anna Egli

Seit Oktober hält Mark Bray sein Seminar online, von Spanien aus. Der Historiker stammt mütterlicherseits aus einer liberalen jüdischen Familie, sein Vater war nordirisch-katholisch erzogen worden. Bereits in der Highschool beginnt sich Bray für die Antiglobalisierungsbewegung zu interessieren. Nach 9/11 engagiert er sich in der Antikriegsbewegung, als Student tritt er einer mit Palästina solidarischen Gruppe bei. 2011 ist er Mitorganisator von Occupy Wall Street, den Protesten nach der Bankenkrise von 2008. Bray schreibt 2013 sein erstes Buch über die Occupy-Bewegung und später seine Dissertation über Anarchismus in Spanien. Er reist nach Polen, wo sein Grossvater mütterlicherseits aufgewachsen ist, und besucht das ehemalige Vernichtungslager Treblinka, wo Nazis 1942 und 1943 eine Million Menschen ermordet haben, darunter auch Tanten, Cousins und Cousinen von Brays Grossvater.

Am Anfang die Revolution

Madrid, im November 1936. Die Truppen von General Francisco Franco stehen vor der Stadt. Doch in der Toledostrasse, nahe der Plaza Mayor, hängt ein Transparent: «No pasarán. Madrid será la tumba del fascismo» – hier kommen sie nicht durch, Madrid wird das Grab des Faschismus sein.

Vier Monate zuvor, im Juli 1936, haben Spaniens Generäle gegen die junge sozialistische Republik geputscht – und so vorangetrieben, was sie zu verhindern suchten: die Revolution. Arbeiterinnen und Bauern schliessen sich zusammen, kollektivieren Fabriken und Landgüter, linke Milizen stellen sich Francos Truppen entgegen. 20 000 Frauen organisieren sich bei den anarchistischen Mujeres Libres, 50 000 bei den kommunistischen Mujeres Antifascistas. Unterstützt werden sie von den Internationalen Brigaden: Rund 35 000 Freiwillige reisen aus über fünfzig Ländern nach Spanien, 800 aus der Schweiz. So stellt sich im November 1936 in Madrid nicht nur eine entschlossene Zivilbevölkerung Francos Truppen entgegen, sondern unter anderen auch das französisch-belgische Commune-de-Paris-Bataillon und das italienische Garibaldi-Bataillon. Der Gegner, von Hitler und Mussolini unterstützt, ist ihnen militärisch weit überlegen. Doch die Stadt erhält den Widerstand aufrecht. Zweieinhalb Jahre lang.

Im April 1939 gewinnen Francos Truppen den Krieg. Spanien wird zu einer der langlebigsten Diktaturen Europas. Hunderttausende Oppositionelle überleben sie nicht. Eineinhalb Millionen Menschen landen im Gefängnis oder in Arbeitslagern, 140 000 verschwinden spurlos, 500 000 flüchten ins Exil. Währenddessen organisiert sich der Widerstand klandestin, unterstützt Gefangene sowie ihre Familien und sichert Fluchtrouten.

Illustration: Portrait von José Martín, Manuel Díaz und Carmen López
José Martín, Manuel Díaz und Carmen López Illustration: Anna Egli

Madrid, Januar 2026: Carmen López, ihr Partner José Martín und sein Freund Manuel Díaz – die alle anders heissen, aber lieber anonym bleiben – sitzen im «Achuri», einem linken Restaurant im Viertel Lavapiés. An den Wänden hängen politische Plakate und eine Fahne für die Unabhängigkeit der von Marokko besetzten Westsahara. «Ich bin Antifaschistin geworden», sagt López, «weil ich einfach nicht verstehen kann, warum Menschen einander hassen, bloss weil sie ein anderes Geschlecht oder eine andere Nationalität haben.» José Martíns Grossvater, ein Anarchist, kämpfte einst im Spanischen Bürgerkrieg.

Die drei erzählen von Carlos Palomino, dem Sechzehnjährigen, der am 11. November 2007 zu einer Demo gegen die rechtsextreme Partei Democracia Nacional fahren wollte. Eine Überwachungskamera zeigt, wie an jenem Morgen an der Metrostation Legazpi etwa hundert Antifaschist:innen in die Linie 3 steigen. Unter ihnen: ein Mann, der einen Pulli von Three Stroke trägt, einer damals bei Neonazis beliebten Marke. Als Palomino dazu eine Bemerkung macht, tötet ihn der Mann mit einem Messerstich ins Herz.

Flyer zum Gedenken an den sechzehnjährigen Carlos
«Kein Vergessen, kein Vergeben»: Flyer zum Gedenken an den sechzehnjährigen Carlos. Foto: todocoleccion.ch

José Martín und Manuel Díaz, gestandene Antifaschisten Ende dreissig, kämpfen mit den Tränen, als sie von jenem Tag erzählen. «Ich war der Erste, der den Anruf bekam», sagt Díaz. Was danach passierte, ist heute ein Durcheinander an Erinnerungen: Die jungen Antifas versammeln sich in einem besetzten Haus, gehen ins Spital, organisieren für den 24. November die erste Demonstration im Gedenken an Carlos. Martín erinnert sich an die Brutalität der Polizei: «Die haben wirklich hart auf uns eingeprügelt.» In den Medien sei der tödliche Messerangriff zunächst als Teil eines unpolitischen «Bandenkriegs» dargestellt worden – bis das Video der Überwachungskamera auftauchte. «Das war einer der schlimmsten Tage meines Lebens», sagt Díaz. Er hat sich das Video angesehen. Ein einziges Mal.

Die beiden beginnen daraufhin, sich in der Coordinadora Antifascista de Madrid zu organisieren, einem Bündnis, das seit 36 Jahren besteht. Gleichzeitig setzen sie auf das, was sie «Strassenantifaschismus» nennen, auf direkte Konfrontation: Schlägereien mit Neonazis. Verletzungen. Verlorene Zähne. Festnahmen. Strafverfahren.

«Wir waren jung, und wir waren nicht viele», erzählt Martín. «Aber wir waren mutig.» Schliesslich hätten die Neonazis tatsächlich an Präsenz verloren und sich bald nicht mehr getraut, offen faschistische Symbole zu tragen. «Sie hatten Angst vor unserer Reaktion.» Heute könnten sich Aktivist:innen in ihrer Nachbarschaft engagieren, ohne Gefahr zu laufen, von Rechten attackiert zu werden. Die Angehörigen und Freund:innen von Carlos organisieren derweil jedes Jahr im November eine Demonstration zu seinem Gedenken. «Carlos vive, la lucha sigue», stand 2025 auf dem Frontbanner: Carlos lebt, der Kampf geht weiter.

«Einen Frieden hat es nie gegeben»

«Manchmal», sagt Miguel Ramos – schwarzer Fred-Perry-Pulli, eine Narbe über der linken Wange –, «sind direkte Aktionen wirklich effektiv.» Der Journalist ist vielbeschäftigt, für einen Kaffee im Café Santagloria reicht es aber.

In seinem Buch «Antifascistas» zeichnet Ramos den Widerstand in Spanien seit den Neunzigern nach. Er selbst ist vierzehn Jahre alt, als 1993 der achtzehnjährige Guillem Agulló in Valencia von jungen Neonazis angegriffen und unter «Sieg Heil»- und «Viva España»-Rufen erstochen wird. Ramos beginnt daraufhin, Zeitungsartikel über die extreme Rechte auszuschneiden, sammelt Fotos, Broschüren und baut über die Jahre ein Archiv auf.

«Guillems Tod schockierte meine Generation zutiefst», sagt Ramos. Geboren ein paar Jahre nach dem Tod Francos 1975 und aufgewachsen während der Transición, des Übergangs zur parlamentarischen Monarchie, wurde er mit der Erzählung gross, der Faschismus sei vorbei. Doch die «bleiernen Jahre» der Transición waren geprägt von Gewalt. «Die extreme Rechte», so Ramos, «war noch immer lebendig und formierte sich neu. Staatsapparat und Polizei blieben mit dem alten Regime verbunden.» Durch die Amnestiegesetze 1977 sicherten sich die Franco-Funktionäre Straffreiheit, viele behielten ihre Posten. «Wir hatten also eine Demokratie», kommentiert Ramos. «Aber es wurde weiter geschwiegen»: über den Bürgerkrieg und die Folter von Oppositionellen auch während der Transición.

Ende der achtziger Jahre politisiert sich eine neue Antifageneration. «Wir merkten: Es hat nie einen Frieden gegeben», erinnert sich Ramos. «Die Faschisten sind geblieben, und sie töten Menschen.» Damit, so Ramos, habe ein neuer «Kampf um die kulturelle Hegemonie» begonnen – den Begriff des italienischen Theoretikers Antonio Gramsci benutzt er mehrmals. «Die Liberalen und die Sozialdemokratie glauben, der Rechtsstaat und die Menschenrechte würden immer gewinnen – aber das stimmt nicht. Wir müssen dafür kämpfen.» Den Strassenkampf versteht Ramos dabei als eine antifaschistische Praxis, die nicht Rache oder Selbstjustiz übt, sondern neonazistische Ideen in ihren Anfängen abzuwehren versucht. Doch auch wenn das auf den Strassen weitgehend gelungen sei: «Was in den Neunzigern die Neonazis sagten, sagt man heute im Parlament», so Ramos. Auch das eine Frage der Hegemonie.

Madrid, 2026, in Mark Brays Wohnung. Der Historiker zeigt auf die Rückseite seines Buches «Antifa. The Anti-Fascist Handbook», für das er 61 Antifaschist:innen aus siebzehn Ländern interviewt hat. Dort steht: «‹Du bekämpfst sie, indem du Briefe schreibst und Telefonanrufe tätigst, damit du sie nicht mit Fäusten bekämpfen musst. Du bekämpfst sie mit Fäusten, damit du sie nicht mit Messern bekämpfen musst. Du bekämpfst sie mit Messern, damit du sie nicht mit Gewehren bekämpfen musst. Du bekämpfst sie mit Gewehren, damit du sie nicht mit Panzern bekämpfen musst.› – ‹Murray› aus Baltimore».

«In den USA bekämpft sie niemand mehr mit Briefen, Telefonanrufen oder Outings», kommentiert Bray trocken, «über diesen Punkt sind wir hinaus.» Wenn inzwischen der Präsident selbst faschistische Dinge sage, sei diese Strategie nicht mehr annähernd so mächtig.

2017, als Bray sein Buch, inzwischen ein «New York Times»-Bestseller, schrieb, war das Jahr, in dem Donald Trump seinen ersten Amtseid schwor – während Zehntausende in Washington protestierten und der Neonazi Richard Spencer vor laufender Kamera einen Schlag ins Gesicht kassierte. Es war auch das Jahr, in dem Rechtsextreme in Charlottesville mit Fackeln aufmarschierten – und einer von ihnen die Antifaschistin Heather Heyer totfuhr.

Bei Trumps Wiederwahl 2024 hat Bray für sich drei Kriterien definiert, um den Zustand in den USA einzuordnen: erstens, freie Wahlen («Noch sind sie angekündigt»). Zweitens, der Status von Recht und Rechtlosigkeit. Drittens, der Aufbau von Parastrukturen («ICE wirkt schon wie eine paramilitärische Miliz»). Die US-Regierung unternehme Schritte auf dem Weg in den Faschismus. Die Frage sei, so Bray, «wie weit sie diesen Weg runtergeht».

historische Aufnahme von antifaschistischen Spanienkämpfern des Garibaldi-Bataillons
Tatkräftige Solidarität aus Italien: Antifaschistische Spanienkämpfer des Garibaldi-Bataillons. Foto: ­Gemeinfrei

Als 1939 Francos Truppen die Macht übernehmen, erwartet die heimkehrenden Schweizer Spanienkämpfer:innen ein Urteil des Militärgerichts und eine Gefängnisstrafe. Viele von ihnen bleiben zeit ihres Lebens als «Kriminelle» stigmatisiert. Erst 2009 werden sie rehabilitiert.

Ebenfalls 1939 wird Adriano Masoni, ein 32-jähriger italienischer Kommunist, der im Garibaldi-Bataillon kämpfte, in Frankreich verhaftet. Doch er wird, sobald er kann, in seine Heimat Reggio Emilia zurückkehren.

In der spanischen Hauptstadt werde derweil, so sagt es Mark Bray, noch heute auf Demonstrationen gerufen: «Madrid wird das Grab des Faschismus sein.»