«Inzwischen trägt der russische Staat selbst faschistoide Züge» Unter Wladimir Putin sind faschistische Tendenzen in Russland normal geworden. Die uferlose Repression erschwert den Widerstand.
WOZ: Donny Donowitz, wie sind Sie Antifaschist geworden?
Donny Donowitz: Das fing in den nuller Jahren als Jugendlicher an. Zu jener Zeit war die extreme Rechte in Moskau allgegenwärtig – auf der Strasse und bei Konzerten. Ständig kam es zu gewalttätigen Übergriffen auf Menschen, die sich äusserlich von der Masse unterschieden. Im Internet kursierten haufenweise Videos, auf denen zu sehen war, wie Obdachlose oder Migrant:innen mit Messern malträtiert und regelrecht abgestochen wurden.
Bei den Angreifer:innen handelte es sich um total durchgeknallte Randfiguren, die Behörden blieben untätig. Da war es logisch, dass ich dem etwas entgegensetzen wollte. Von der Existenz einer Antifabewegung wusste ich bereits, und so habe ich über Bekannte den direkten Kontakt gesucht und gefunden.
WOZ: Wie ist die Situation heute?
Donny Donowitz: Die neue Generation von Rechtsextremen ist weniger durchgeknallt und greift nicht gleich zum Messer. Auch werden Straftaten eher geahndet, überall hängen Überwachungskameras mit Gesichtserkennung. Zudem kämpfen viele Neonazis von damals inzwischen an der Front für das russische Regime. Aus meiner Sicht ist dieses Bündnis weitaus bedrohlicher. Manche von ihnen kämpfen heute aber auch auf ukrainischer Seite.
WOZ: Welche Rolle spielt das russische Regime in diesem Bündnis?
Donny Donowitz: Inzwischen trägt der russische Staat selbst faschistoide Züge: Es gibt einen Präsidenten auf Lebenszeit, in der Ukraine findet ein Krieg statt, politische Gegner:innen werden getötet, und Kinder und Jugendliche durchlaufen in der Junarmija eine militärisch-patriotische Erziehung. Zudem werden abweichende Meinungen unterbunden, missliebige Personen als «ausländische Agenten» abgestempelt, die Medien kontrolliert, Andersdenkende sind Repressionen ausgesetzt – wie aus dem Lehrbuch. Rechtsextreme, die sich in den nuller Jahren systemkritisch gaben, stehen inzwischen zu weiten Teilen geschlossen hinter dem Staat. Gegen all das braucht es in Russland eine antifaschistische Antwort.
WOZ: Wie funktionieren die antifaschistischen Strukturen, in denen Sie sich bewegen?
Donny Donowitz: Im Moment gehöre ich keiner festen Struktur an. Ich sehe uns als losen Zusammenhang von Personen, deren Koordinatensystem und deren Wertvorstellungen übereinstimmen. Früher haben wir antifaschistische Initiativen vorangetrieben. Als Teil von anarchokommunistischen Gruppierungen und der Hardcore-Musikszene waren wir in der militanten Antifa organisiert und haben uns in der Menschenrechtsarbeit engagiert.
WOZ: Welche Mittel setzt ihr heute ein? Was davon funktioniert – was nicht?
Donny Donowitz: Mit Ausnahme von Selbstverteidigung oder der Verteidigung einer anderen Person haben direkte Aktionen als Mittel ausgedient. Angesichts der totalen Überwachung und verstärkter Strafverfolgung ist das zu riskant. In Russland ufert die Repression aus. Betroffen sind längst nicht nur jene, die sich im antifaschistischen Milieu bewegen. Selbst auf Kommentare im Internet oder Ein-Personen-Plakatkundgebungen reagiert der Staat mittlerweile mit Geldbussen oder Gefängnisstrafen. Als Mensch in Freiheit kann man sich nützlich machen – und sei es nur, um politische Gefangene zu unterstützen.
WOZ: Was war euer grösster Erfolg?
Donny Donowitz: Antifaschismus in Russland ist sicherlich keine Erfolgsgeschichte. Man könnte höchstens anführen, dass es uns zeitweise gelungen ist, unsere Anliegen geltend zu machen. Wir haben die unabhängige Hardcore-Musikszene aufgebaut, Clubs und andere Treffpunkte geschaffen.
Aber der Preis, den wir dafür zahlten, war hoch. Neonazis haben Antifaschist:innen systematisch getötet: angefangen 2005 mit Timur Katscharawa in St. Petersburg, später Alexander Rjuchin, Stanislaw Korepanow, Ilja Borodajenko, Alexei Krylow, Fjodor Filatow, Stanislaw Markelow, Anastasia Baburowa, Ilja Dschaparidse, Iwan Chutorskoi, Konstantin Lunkin. Viele Antifaschist:innen wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt oder mussten das Land verlassen. Bei so vielen ermordeten jungen, aufrechten und talentierten Menschen fällt es mir schwer, von Erfolg zu sprechen.
Donny Donowitz (36) benutzt ein Pseudonym, das sich auf eine Figur des Films «Inglourious Basterds» (2009) bezieht. Darin ist Donny «Bärenjude» Donowitz ein Mitglied der Basterds, einer jüdischen Kampftruppe, die im besetzten Frankreich gegen Nazis kämpfte.