28.10.2004

Zug sehen und auswandern?

Zug ist schön. Zug ist sozial. Zug ist perfekt. Aber Zug ist tot. Und die kleine, reiche Stadt am See ist auch ein Hohlspiegel der Schweiz.

Von Ruedi Weidmann

Als Redaktor einer Fachzeitschrift, die von Zeit zu Zeit eine Ausgabe der Baukultur einer Stadt widmet, komme ich zum Recherchieren nach Zug. In letzter Zeit sind hier einige bemerkenswerte Bauten entstanden, und in Fachkreisen ist der Versuch der Gemeinden Zug, Baar, Steinhausen und Cham bekannt geworden, den letzten freien Spickel der Lorzenebene gemeinsam als Grünzone freizuhalten. Ich habe Zug vorgeschlagen, weil ich es bisher – wie offenbar viele – nur durchs Zugfenster kenne. Wieso bin ich noch nie hier ausgestiegen? Ich war wohl schon in allen Dörfern am Zürichsee und Gotthard, kenne Schwyz, Brunnen, Flüelen und Altdorf. Wieso gab es noch nie einen Grund, in Zug anzuhalten?

Bevor ich nach Zug fahre, schlage ich einige Zahlen nach. Sie sind noch unglaublicher, als was ich zu wissen meinte. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war Zug ein ärmliches, von Bauern und Kleingewerbe geprägtes Städtchen mit zwei, drei Maschinenfabriken. Dann schaffte 1947 das Stimmvolk im Kanton die Staats- und Gemeindesteuern für Holdinggesellschaften ab. Die Folge: Heute ist Zug nach New York, London und Rotterdam der viertgrösste Rohstoffhandelsplatz der Welt. Die Firmen zahlen eine minimale Kapitalsteuer. Weil so viele versammelt sind, hat das Kanton und Gemeinden reich gemacht. Man konnte den Steuersatz senken, was noch mehr Firmen und reiche Privatpersonen anlockte. Heute kommen in der Stadt Zug auf 23 000 EinwohnerInnen 24 000 Arbeitsplätze und 12 000 registrierte Firmen.

Wie sieht so eine Stadt aus? Woran sieht man das? An den vielen gesichtslosen Geschäftshäusern mit den vielen Firmenbriefkästen? Ist Zug so hässlich, wie es vom Zug aus scheint, mit dem man zuerst durch eine planlos voll gebaute Lorzenebene und dann durch Hinterhöfe von Bürohäusern fährt? Oder gibt es vergessene schöne Ecken? Neue urbane Qualitäten?

Eine Kollegin und ein Kollege von der Redaktion begleiten mich. Eine ganze Delegation erwartet uns am Bahnhof, der neue Stadtarchitekt, die stellvertretende Stadtarchitektin, jemand vom Stadtplanungsamt, später stösst noch der Kantonsbaumeister dazu. Es gibt eine Stadtführung, ein Kleinbus steht bereit. Unsere GastgeberInnen sind gut vorbereitet und sehr zuvorkommend. Sie freuen sich offensichtlich, uns die Resultate ihrer Arbeit zeigen zu dürfen.

Wir besichtigen mehrere Schulhäuser, eine Turnhalle und erste Bauten auf dem umgenutzten Landis-&-Gyr-Areal neben dem Bahnhof. Was sofort auffällt, sind die teuren Materialien. Wir merken schnell: Geld scheint keine Rolle zu spielen. Doch die Gebäude sind wirklich schön, durchwegs gute Architektur. Das war in Zug nicht immer so. In den ersten Jahrzehnten des Holdingbooms sind Allerweltsbüroklötze und nur wenige sehenswerte Bauten entstanden. Dafür hat man die Altstadt renoviert. Nun hat man offensichtlich gemerkt, dass man schöner bauen kann, und es kommen vermehrt auch auswärtige Architekturbüros zum Zug. Wir sehen vorbildliche Ökohaustechnik, viel technisches Equipment, Kunst am Bau, Holzintarsien in einem Turnhallenboden und Rinnsteine aus Edelstahl in der Bahnhofstrasse. Zug ist wohl für die Schweiz, was die Schweiz für den Rest der Welt: sagenhaft reich. Wissen das die ZugerInnen? Wissen das wir SchweizerInnen?

Auf der Fahrt von einem Gebäude zum nächsten erhalten wir Informationen über die Stadt. Das Guthirt-Quartier sei sozial instabil, drohe zu einer schlechten Wohnlage zu werden, der MigrantInnenanteil sei hoch. Auf mich wirken die wenigen Strassen nett und sauber. Ein paar Schulen, ein paar Wohnhäuser, ein paar Büros, und ich kann beim besten Willen kein Anzeichen eines Problems entdecken, selbst wenn ich in Abzug bringe, dass soziale Probleme oft nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Ich merke: Problemdefinitionen sind relativ: Was hier als problematisch wahrgenommen wird, das wünschte man sich in anderen Städten. Wo also sind die Probleme von Zug? Ich frage und erhalte Antworten, aber ich kann in dem, was mir unsere Begleiter erzählen, das Problem nicht sehen.

Wir bestaunen den neuen Teil der Kantonsschule. Unter kundiger Führung merkt man, dass im Inneren keine Wand auf der anderen steht, die Zimmerwände des ersten Stockes quer auf denen des Parterres, die des zweiten wiederum um neunzig Grad verdreht auf denen des ersten stehen. Die aussergewöhnliche statische Komplexität ist nicht das Einzige, was sehr viel Geld gekostet hat. Im ganzen Haus sind die Wände aus gestucktem Beton, eine Technik, bei der die Oberfläche des gegossenen Betons von Hand mit Hammer und Meissel bearbeitet wird. Heute, da Material wenig, Arbeit aber viel kostet, eine teure Angelegenheit.

Es war gerade Schulschluss, die Kinder sind schon verschwunden, wir dürfen ein Klassenzimmer besichtigen. Die Fenster stehen offen, lassen die verbrauchte Luft hinaus. Am Pult sitzt der erschöpfte Lehrer, der sich offensichtlich nicht dazu aufraffen kann, den Feierabend in Angriff zu nehmen. Halb unter das Tischblatt gerutscht, den Hemdkragen offen, lässt er die Architekturführung über sich und sein Schulzimmer ergehen. Wir bewundern die schön gearbeiteten Wandschränke und das Mobiliar, insbesondere die Stühle: allesamt Bürosessel auf fünf Rollen. Ich frage den Lehrer, wie es ihm gefalle. Es sei eben nicht alles so gut, meint er matt. Gerade das mit den Stühlen, mit diesen Rollen, das sei grauenhaft! Er könne eigentlich nicht mehr Schule geben. Dauernd sei die ganze Klasse am Hin- und Her- und Vorwärts- und Rückwärtsrollen! Die Tische wackelten auch, da die Schüler sich daran festhielten – eine Unruhe sei das, sagt er halb zu uns, halb aus dem Fenster, also ihn mache das fertig! Beim Hinausgehen begreife ich, dass ich hier nun ein wirkliches Zuger Problem gesehen habe: eine sich abzeichnende Depression, ausgelöst durch Rollen an Designerstühlen.

Mätti, Designer in Zürich, verbrachte seine Schuljugend im Internat auf dem Zugerberg, seine Frau ist in Baar aufgewachsen. Mätti sagt: «Über Zug machst du eine Nummer? Aus Zug muss man weg.» Er ging damals nach Hongkong. «Findest du dort gute Architektur für dein Heftli? Weisst du, wovon es viel hat in Zug? Suizidale vernachlässigte Wohlstandskids auf Drogen.»

Im Kanton Zug gibt es elf Gemeinden. Der Kantonsplaner erwähnt die vorbildliche Steuerharmonisierung. Zwischen dem höchsten und dem tiefsten Steuerfuss im Kanton bestehen nur wenige Prozente Unterschied. Das heisst, alle sind gleich reich. Zu reich für einige. Wer sich die Mieten nicht mehr leisten könne, ziehe über die Lorze nach Sins ins Aargauische. Die Bevölkerung im Kanton hat sich in den letzten vierzig Jahren auf über 100 000 verdoppelt. Sie wächst um 1200 jährlich. Die Bauwut hat aus Zug, Baar, Steinhausen und Cham die achtgrösste Schweizer Stadt gemacht mit etwa 65 000 EinwohnerInnen. Und es würden gerne noch mehr kommen. Das hebt die Bodenpreise und die Mieten auf Zürcher Niveau. Doch vier grosse Dörfer sind noch keine Stadt. Überall weiden Kühe zwischen den Häusern.

Das Industrieareal der ehemaligen Apparatefabrik Landis & Gyr liegt neben dem Bahnhof. Auf dem früher geschlossenen Werksgelände soll ein neuer dichter Stadtteil entstehen, in dem gewohnt, gearbeitet und konsumiert wird. Gebiete mit urbanem Charakter gibt es in Zug bisher kaum. Auch kaum urbanen Lebensstil. Man geht hier über Mittag zum Essen nach Hause. Die ersten Neubauten lassen nichts Gutes ahnen. «Opus» nennt sich ein Werk aus acht Bürogebäuden, von denen fünf schon stehen. Vom Boden bis zum Dach Büros, hermetisch geschlossene Fassaden, nur von Angestellten zu betreten. Der Raum zwischen den Gebäuden ist nicht öffentlicher Stadtraum, sondern Wasserfläche: Eine 200 mal 100 Meter grosse private Wasserburg, für PassantInnen ebenso unattraktiv wie für jene, die darin arbeiten müssen. Nach Büroschluss sind solche Orte tot. Das ist kein guter Anfang für einen neuen Stadtteil im Herzen der Stadt und kein guter Leistungsausweis für eine Planungsbehörde oder deren politische Vorgesetzte, die einem Landbesitzer dieser Grössenordnung offenbar nicht dreinreden mögen, auch wenn er das Potenzial seines Geländes verspielt.

Die im Entstehen begriffene achtgrösste Schweizer Stadt hat nicht ansatzweise eine Urbanität, die ihrer Bedeutung im Welthandel entsprechen würde oder gar den Geldbeträgen, die hier Tag für Tag umgesetzt werden. Die gepützelte Altstadt, der gestaltete Park am See, die Villen am Berg mit ihren gepflegten Gärten, der neue Bahnhof mit Kunst am Bau von James Turrell, jetzt wird auch noch die Ortsdurchfahrt durchgestaltet – ich finde nur einen Ort, wo Zug einigermassen nach Stadt und nicht nach einer künstlichen Einrichtung, nach Themenpark, nach «Swiss miniature» aussieht: Die laute Baarerstrasse mit ihren Waren- und Geschäftshäusern, Tankstellen und weiter draussen einigen alten Fabriken. Hier sind Leute auf der Strasse, und es gibt noch ein paar Ecken, die nicht gestaltet sind, deren Zweck noch nicht oder nicht mehr festgelegt ist, wo sich ein bisschen Staub und Gerümpel ansammeln darf und noch etwas Platz ist zum Stehenbleiben, Absitzen und für eigene Ideen. Cafés zum Zeitunglesen gibt es aber auch hier nicht.

Eine Sehenswürdigkeit dann, die nicht vorgeführt wird, vielleicht weil es zu selbstverständlich ist: die Hertisiedlung. In ihren Hochhäusern und Blöcken wohnt ein Zehntel der Stadtbevölkerung. Eben wird die sechste Etappe gebaut. In der Herti ist es nicht so pittoresk wie in der Altstadt und nicht so aussichtsreich wie am Berg, dafür sind die Mieten bezahlbar. Und in drei Minuten ist man am See. Was andernorts kaum gelungen ist, nämlich Grosssiedlungen mit ausreichender Infrastruktur zu versorgen, damit sie als Stadtteil funktionieren können, das gibt es hier wie selbstverständlich: Schule, Kindergarten, Kirche, Ladenstrasse, Post, Altersheim, Restaurant, auch etliche Arbeitsplätze, Kinderkrippen, Horte, Gärten, Spiel- und Sportplätze. Die Häuser gehören verschiedenen Investoren, Stiftungen, Genossenschaften, der Stadt. Das Land gehört der Korporation (36 alteingesessene Geschlechter, Kern der Ortsbürgergemeinde). Von ihr kam nach dem Zweiten Weltkrieg die Idee, auf der Hertiallmend eine moderne Satellitenstadt zu planen. Die Korporation besitzt die Zuger Allmenden und den Wald, und sie schaut in der Gemeinde nach dem Rechten. Wo es fehlt, versucht sie zu helfen, meistens mit Land. Überall in Zug stehen Siedlungen, Schulhäuser, Sportanlagen, Wohn- und Gewerbehäuser auf Boden, den sie zur Verfügung gestellt hat. Die Korporation achtet auf sozialen Ausgleich, denkt ans allgemeine Wohl, und sie denkt langfristig. Für vieles von dem, was in den grösseren Städten von der Arbeiterbewegung erstritten werden musste, hat in Zug die Korporation gesorgt. Hier kommt integrative Gesellschaftspolitik von konservativer Seite.

Mit einem einheimischen Architekten spreche ich über die Qualität der Zuger Architektur, er sinnt nach Bauten, die sich mit Gewinn für den Rest der Schweiz vorstellen liessen. Das Resultat seines Nachsinnens verblüfft mich: Gerade «verrückt» vieles gebe es nicht. Dankbarer als im Bereich Architektur, meint er, wäre wohl eine Darstellung Zugs in einer soziologischen oder sozialpsychologischen Zeitschrift. Denn die Mechanismen der Entscheidungsfindung in dieser kleinen, reichen, integrativen, aber geschlossenen und rigiden Gesellschaft zu begreifen, würde wohl helfen, die ganze Schweiz besser zu verstehen.

Unterdessen habe ich fünfmal einen Tag in Zug verbracht. Es gibt zwei kleine alte Seebäder an den Enden der Altstadt, ein Restaurant mit einem kleinen Balkon hoch über dem See, den Berufsfischer, der abends die Fischreiher füttert, und den Zugerberg zum Mountainbiken, Katzenstreicheln, Äpfelzusammenlesen. Von überall ist man in fünf Minuten im Grünen. Man sieht in die Berge. Es gibt den Sonnenuntergang über dem See, der, wie mir mehrmals versichert wurde, berühmt ist. Würde ich hier leben wollen? Am Ende meiner Zuger Besuche bin ich ratlos und verunsichert. Ich glaube, weil ich wie in einem Hohlspiegel vergrössert und in konzentrierter Form mein Land und mich selber gesehen habe. Es tut mir Leid, liebe ZugerInnen: Nein, ich glaube, ich würde von hier weggehen, so wie Mätti.

Aber warum? Zug ist gut eingerichtet, es funktioniert. Die Leute sind zuvorkommend, die Probleme sind klein. Zug ist schön. Wegen seiner Lage sowieso, und es wird immer schöner dank guter Stadtplanung und steigendem architektonischem Bewusstsein. Zug ist auch sozial. Der Reichtum kommt den SchülerInnen zugute und der Allgemeinheit, die schön gestaltete Strassen und Pärke und Wohnsiedlungen erhält. Es ist schön in Zug und wahnsinnig klein. Ein Schrebergarten, der einen Gestaltungskredit in Millionenhöhe erhalten hat. Es ist schön und todlangweilig. Alles hier ist schon gemacht, perfekt, fertig.

Noch klarer dünkt mich als vorher schon: Wir haben es gut in der Schweiz, wahnsinnig gut. Wir können eine Planungskultur und Bautechniken entwickeln, die man unter weniger privilegierten Verhältnissen nicht entwickeln kann, zum Beispiel das ökologische Bauen. Ich war in Ländern, in denen es keine Stadtplanung gibt. Das Resultat ist schrecklich. Dort können sich nur einige wenige Reiche die Dinge leisten, die es zu einem einigermassen angenehmen Leben braucht und die bei uns fast allen zur Verfügung stehen. Aber wenn schon ein solcher Standard erreicht ist wie in Zug? Wenn es so nett und sauber, so aufgeräumt und schön ist, wie fast überall in der Schweiz? Kann es zu viel Planung geben? Den Moment, in dem man im Interesse des Allgemeinwohls sagen müsste: Halt! Nicht alles aufräumen, putzen, ordnen, planen! Aufhören zu planen – geht das? Weniger Details zeichnen beim Entwerfen? Weniger aufräumen im Park? Mehr vergammeln lassen? Mehr sein lassen, wie es ist? Damit wir nicht Kinder in eine Welt stellen, in der alles schon in Ordnung ist, in der nichts mehr zu tun bleibt?

Ruedi Weidmann ist Redaktor bei «tec21», Fachzeitschrift für Architektur, Ingenieurwesen und Umwelt.

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