Illegale Bars: Ein letzter Besuch beim Frosch

Nr. 7 –

Über 35 Jahre lang traf man sich in einem Zürcher Keller ohne Schanklizenz zum Bier. Was den Reiz einer klandestinen Bar heute ausmacht und wieso es in Zürich früher ganz viele davon gab.

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der Betreiber der Bar steht im Froschbar-Keller
«Willkommen, ich bin der Frosch»: Kurz vor der Schliessung der Froschbar, einem Relikt aus vergangenen Zeiten.

«Wir standen wieder / vor dieser illegalen Bar / wo ich letzte Woche schon drin war / wir sassen rum in alten Autositzen / und lachten wegen den faden Witzen.» – Guz, «In dieser illegalen Bar»

Das Tor aufdrücken, ganz nach hinten gehen, links die Treppe runter: Mit dieser Anweisung gelangt man zum Eingang der Froschbar. Einmal geklopft – und durch die Tür empfängt einen eine warme Wand aus Bluesrock und dicker Luft. Und natürlich der Betreiber der Bar, der die Hand ausstreckt und sagt: «Willkommen, ich bin der Frosch.»

Gäste sind noch keine da, der Abend ist jung. Frosch begibt sich hinter den kleinen Tresen in der Ecke, um ein Bier zu zapfen. Ansonsten gehören zum Interieur der Bar ein bunt bemalter Holztisch, ein paar Stühle, ein Töggelikasten und eine Leinwand, auf die Fotos von Froschs vielen Reisen projiziert werden. Der Rest des geräumigen Kellers wird vom Handwerksbetrieb im Haus genutzt, grosse Töpfe mit Malerfarbe stapeln sich an den Wänden. In wenigen Stunden werden hier ein Dutzend Leute sitzen und stehen, rauchen, trinken, sich unterhalten, eine gute Zeit haben. Papiere, die das Treiben in diesem Keller erlauben würden, hat Frosch nicht, denn das hier ist eine illegale Bar, ein Relikt aus vergangenen Zeiten.

An rigiden Gesetzen vorbei

Klandestine Bars, ohne Bewilligungen geführt: Sie waren einmal ein grosses Ding in Zürich. In den achtziger und frühen neunziger Jahren erlebten «die Illegalen» einen regelrechten Boom. Die Bandbreite reichte von ein paar Harassen und einem Brett bis zu regelrechten Szeneclubs.

Dass sich ausgerechnet in der Schweiz illegale Gaststätten einer so grossen Beliebtheit erfreuten, darf nicht dem Potenzial krimineller Energie zugeschrieben werden – es fehlten schlicht die Alternativen. Denn die Orte, an denen sich jüngere Menschen zu später Stunde treffen und zu einem vernünftigen Preis ein Bier trinken konnten, waren an einer Hand abzuzählen.

Grund dafür war insbesondere die rigide Gesetzgebung, erinnert sich Stephan Pörtner: «Polizeistunde, Tanzverbot, Bedürfnisklausel – Spünten aufmachen war damals extrem schwierig.» Der Autor und ehemalige WOZ-Kolumnist hat nicht nur viele Abende als Gast in illegalen Bars verbracht, er belieferte sie auch mit Getränken. Der von ihm gegründete Getränkelieferant Intercomestibles sei für die Illegalen praktisch gewesen, etwa weil er Barzahlungen akzeptierte. «Ausserdem lieferten wir erst nachmittags um zwei und nicht schon um acht Uhr morgens, das war natürlich ein Vorteil.» Auch die Froschbar, früher als HK-Bar oder Bausyndikatsbar bekannt, belieferte Intercomestibles ab und an.

Hier begann alles 1989. «Oben im Haus arbeitete ein Maurerkollektiv, das im Keller eine Bar einrichtete», erinnert sich Frosch. Soeben von einer Reise zurückgekehrt, schloss sich der gelernte Maurer dem Kollektiv an. Und mischte bald auch bei der Bar mit. «Mir gefiel das hier, die Stimmung war gut, nie abgefräst», so der 65-Jährige, der heute noch Bauprojekte leitet. Am Anfang hätten sich insbesondere Handwerker:innen in der Kellerbar getroffen, später seien auch Bauherr:innen dazugekommen. Ab und zu gab es Konzerte, der Schweizer Musiker Admiral James T. spielte etwa hier. Das ganze Treiben, die Leute, die neu dazukamen, die, die jede Woche wiederkehrten: «Das passte mir irgendwie», sagt Frosch, der die Bar allein führt, seit seine ehemaligen Mitstreiter den Betrieb verliessen oder pensioniert wurden.

Illegale Bars und Partys gab es nicht nur in Zürich. Doch in vielen Städten waren Konzerte in besetzten Gebäuden und kurzlebigere Lokale typischer als permanente. Gleichzeitig erkämpften sich junge Bewegte im ganzen Land autonome Jugendzentren. Einzigartig an Zürichs illegaler Barszene war ihre Dichte: Schätzungen reichen von dreissig, vierzig bis zu über hundert Bars, die es zeitweise gegeben haben soll. Und ganz vorbei war es mit den Illegalen auch dann nicht, als nach der Liberalisierung des Gastgewerbegesetzes eine Vielzahl legaler Bars und Clubs aus dem Boden schoss. Doch nur wenige Orte hielten sich über Jahrzehnte wie die Froschbar. Die Polizei sei schon ein, zwei Mal vorbeigekommen, meint Frosch. «Wir sagten dann, wir seien Arbeitskollegen, die ein bisschen Rauch machen und ein Bierchen trinken.»

«Man redet mit allen»

Es klopft an der Tür, die ersten Gäste treffen ein. Lisa Moser und Jenny Frauchiger begrüssen Frosch mit einer Umarmung und begeben sich hinter die Bar, wo sie sich Drinks mixen. Moser kommt seit etwa einem Dreivierteljahr her, Frauchiger schon länger. «An einem Freitagabend gewinnt in neun von zehn Fällen die Froschbar, weil man weiss, man wird es hier gut haben», erklärt sie, als sie am Tisch sitzt. Beide haben Bürojobs, möchten aber nicht, dass zu viel über ihre Arbeit sowie ihre richtigen Namen in der Zeitung stehen. Schliesslich ist das hier ja doch noch ein bisschen verboten, wenn auch die Verruchtheit eines illegalen Raves, wie sie bis heute stattfinden, selbstredend fehlt.

Wieso kommen die beiden Frauen Woche für Woche in diesen Keller, anstatt einfach in eine normale Bar zu gehen? «Ich komme gerne hierher, oft auch allein, weil ich weiss, dass ich wohl jemanden kennen werde», antwortet Frauchiger. «Und wenn nicht, spielt das auch keine Rolle», ergänzt Moser. Die Gäste der Froschbar gäben einem immer das Gefühl, man gehöre dazu. «Man redet mit allen, das ist der grosse Unterschied zu anderen Bars.» Ist das noch eine Bar oder fast eher ein Vereinslokal? «Vermutlich beides ein bisschen», sagt Frosch.

Inzwischen sind mehr Leute dazugekommen, einige setzen sich an den Tisch, diskutieren mit, andere stehen am Tresen. Etwas später schaut ein bildender Künstler vorbei, andere Gäste arbeiten in der Produktion oder in Büros, sind Skater oder pensioniert. Sicher ist: Um hier zu landen, muss man irgendwen kennen, der jemanden kennt. Das schafft eine gewisse Exklusivität und, wie es scheint, auch Vertrautheit. «Es geht um Geselligkeit», bringt es Frauchiger auf den Punkt.

Enge Kellerräume, in denen Dutzende Menschen ohne Sicherheitskonzepte am Feiern sind: Aus heutiger Perspektive blickt man darauf wohl kritischer als vor dreissig Jahren. In der Froschbar gibt es zumindest kein Ausgangsproblem, eine zweite Treppe führt nach oben in die Geschäftsräume. Und sowieso ist es seit diesem Januar mit der Bar vorbei. «Eigenbedarf der Vermieter», erklärt Frosch mit einem bitteren Lächeln. Am Freitag nach Silvester sass er zum letzten Mal im Keller. Er hätte gerne weitergemacht, ihm ist es hier mit Ausnahme von einer Zeit, in der «immer nur dieselben drei, vier Biersaufer» kamen, nie verleidet. Doch nun geht er erst einmal wieder auf Reisen. Australien, Neuseeland, Fidschi.

Und seine Gäste? Die sind traurig – und suchen nach einem würdigen Nachfolger der Froschbar.