Nr. 09/2018 vom 01.03.2018

Wie man aus einer Kirche ein Paradies baut

Goldgesprühte Toilettenräume, Sitzplätze, die sich in Skaterampen verwandeln lassen – und die MacherInnen wähnen sich in einem «richtig geilen» Jugendzentrum der neunziger Jahre: Willkommen im «Horst» in Kreuzlingen.

Von Benjamin von Wyl (Text) und Milad Ahmadvand (Foto)

Ist das «Horst» ein Spielplatz für alt gewordene Buben und Mädchen? Oder einfach ein gemeinschaftlicher Ort für alle?

Es klingt nach dem Felsen, auf dem eine Kirche errichtet werden soll. «Am Anfang waren es nur die blanken Mauern!», ruft Benni Kreibich. Im Sommer 2014 konnten Kreibich und seine Freunde das Gebäude an der Kirchstrasse in Kreuzlingen übernehmen. Vormieterin war eine evangelische Freikirche. Heute erinnert fast nichts im «Horst»-Klub daran, dass hier einmal Gottesdienste stattgefunden haben. Das «T» im Logo ist ein umgedrehtes Kreuz.

Kreuzlingen (Schreibweise auf «Horst»-Plakaten «X-lingen») kennen viele SchweizerInnen als Durchfahrtsort. Die meisten davon – vorwiegend EinkaufstouristInnen in Konstanz – fahren Auto. Die Anziehungskraft von Konstanz geht so weit, dass die Juso Thurgau auch in Deutschland Unterschriften für Schweizer Initiativen sammelt.

Unkomplizierter als in Konstanz

Kreuzlingen, mit seinen 22 000 EinwohnerInnen viermal kleiner als Konstanz, ist die verschmähte der Zwillingsstädte. Das hat auch Vorteile. «Gentrifizierung ist in Konstanz ein Thema. Hier im Thurgau ist die Mentalität gemütlicher», sagt Daniel Stadelhofer, der im «Horst» inoffizieller Hausmeister ist. Seine Fähigkeiten als gelernter Gipser waren auch beim Bau der Beton-Bowl zum Skaten im Innenhof gefragt. Stadelhofer ist der Skate-Nerd im «Horst»: Immer mittwochs bietet er Workshops für Jugendliche an; einmal pro Jahr organisiert er einen Contest mit dreissig bis fünfzig TeilnehmerInnen. «Everything is skateable!», ruft er der italienischen Band Marsha Bronson zu, die an diesem Freitagabend ihr Equipment auf die Bühne trägt. Im Konzertsaal sind in allen Ecken Skaterampen angebracht, die mit zwei Handgriffen zu Sitzflächen umfunktioniert werden. Die Türen des Saals sind mit alten Sofapolstern isoliert und schliessen sich über ein Drahtseilkonstrukt. Die Toilettenräume sind ganz in Gold gesprüht – reibt man mit dem Finger über den Verputz, färbt es ab. Das «Horst» ist ein Do-it-yourself-Paradies.

«Ein ungezwungener, ein gemeinschaftlicher, ein offener Ort. Jedes Mal, wenn ich reinkomme, erlebe ich die Neunziger. Es erinnert alle an ein richtig geiles Jugendzentrum – meine Jugend war halt in den Neunzigern», steigert sich Stadelhofer in Euphorie. Obwohl er nicht zu den Jüngsten im Team gehört, ist er längst nicht der Älteste. Das vegane Catering für die mehr als hundert Konzerte im Jahr kocht ein pensionierter Arzt – unentgeltlich. An diesem Abend werden die übrig gebliebenen Tofuspiesse an Team und Gäste verteilt.

Auch die Konzertplakate werden von einer Illustratorin unentgeltlich gestaltet. Und wer an der Bar steht, tut das ebenso ohne Bezahlung. Der einzige Lohn ist die mit dem Bardienst einhergehende Kontrolle über den Plattenspieler. Die Eintrittspreise sind niedrig, Drinks gibt es für unter zehn Franken; lockt eine Band besonders viele Gäste an, schlägt man ihr was auf das Honorar drauf. «Bei Bier für drei Franken ist es schwierig, ein finanzielles Polster aufzubauen», sagt Kreibich. Das Crowdfunding vom vergangenen Sommer angestossen hat die anstehende Stromsicherheitsabnahme. Weitere Verwendungszwecke des Geldes: Dach abdichten, Toiletten flicken, funktionierende Technik.

Als ein Stammgast seine Wohnung verlor, durfte er etwa anderthalb Monate im «Horst»-Backstage überbrücken. An diesem Abend erzählt dieser, dass er sich seither mitverantwortlich fühle. Bis heute behalte er das Barportemonnaie im Blick, auch wenn er eigentlich nur herkomme, um ein Bier zu trinken.

Bier, Gitarrenmusik, Skateboards – ist das «Horst» ein Spielplatz für alt gewordene Buben? Stadelhofer und Kreibich verneinen. Das «Horst» ermögliche ein ausgeglichenes Miteinander für Menschen aller Geschlechter. Sexuelle Belästigungen seien keine zu verzeichnen. Wenn es Probleme gebe, dann am ehesten wegen lauter Gäste auf dem Heimweg. «Wie alle Clubs der Welt haben auch wir diesen einen notorisch lärmempfindlichen Nachbarn», sagt Kreibich, der im Brotberuf in einem Konstanzer Kulturlokal arbeitet. Für den Ernstfall stehe ein Anwalt parat, unentgeltlich natürlich. Laut Kreibich ist das aber kaum je nötig: «Die Kommunikation mit der Gemeinde ist definitiv unkomplizierter als in Konstanz. Wenn etwas ansteht, setzt man sich zusammen an einen Tisch und redet.»

54 Prozent der EinwohnerInnen von Kreuzlingen haben keinen Schweizer Pass, viele davon sind deutsche StaatsbürgerInnen. Die Minderheit, die nicht vom Wahlrecht ausgeschlossen ist, wählt für den Thurgau recht progressiv: 27 Prozent wählten bei den letzten Nationalratswahlen SP und Grüne – gegenüber 18 Prozent auf kantonaler Ebene. Kein Wunder, handeln viele Bargespräche vom Aufwachsen in Nazidörfern. Marsha Bronson, die italienische Garage-Punk-Band, die an diesem Abend spielt, wird mit «Kreative Guerilla. Solide Gewalt» promotet. Kreibich winkt ab: «Das ‹Horst› ist kein politischer Ort. Als Deutscher, der in Deutschland lebt, hab ich mich nie wirklich mit Schweizer Politik auseinandergesetzt.» Andere Stammgäste und Aktive tun das umso intensiver. Die Juso Thurgau versammelt sich im «Horst» und malt hier auch ihre Transparente.

Linker Lokalpatriotismus

Im Frühling steht Sören Kohlhuber, Journalist und als solcher der Dokumentation von Naziaufmärschen verpflichtet, zwischen den Stoner- und Psychedelic-Rock-Konzerten auf dem Programm. Womöglich wird auch Monchi, Sänger der Rostocker Band Feine Sahne Fischfilet, einen Stopp im «Horst» einlegen (siehe WOZ Nr. 35/2016). Mitbringen will er auch den Dokfilm «Wildes Herz» von Charly Hübner und Sebastian Schultz über die Punkband und ihren Kampf gegen den Rechtsradikalismus in Mecklenburg-Vorpommern. Monchi, der renitent linke Lokalpatriot, würde sich in der Exfreikirche vermutlich wohlfühlen: Anders als Rostock liegt Kreuzlingen zwar nicht am Meer, sondern nur am Bodensee; und wahrscheinlich gibt es in Mecklenburg-Vorpommern auch mehr Nazidörfer als im Thurgau – aber die Gespräche im «Horst» erinnern an Feine-Sahne-Fischfilet-Texte. Hier engagieren sich Menschen abseits der Grossstädte für einen lebenswerten Ort. Für Gemeinschaft, die auf Solidarität (und Bier) beruht.

Das «Horst» mag nicht explizit politisch sein, aber sicher ist: Im «Horst» bilden alle Anwesenden eine Community. Alle, die da sind, sind von hier.

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