Graphic Novel: Wuchern in Graustufen

Nr. 4 –

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Cover der Graphic Novel «Soma»
Judith Kranz: «Soma». Reprodukt Verlag. Berlin 2025. 192 Seiten.

Luftdick verpackt in drolligen Ganzkörperanzügen, so stapfen sie durch fein gezeichnete Bleistiftlandschaften: die Angehörigen der Soma in der gleichnamigen Graphic Novel von Judith Kranz. Sind es Menschen oder andere aufrecht gehende Tiere? Auf Anhieb schwer zu sagen, denn die Soma sind stets eingemummt von Kopf bis Fuss. Mit ihren individuell geschnitzten Schutzmasken erinnern sie entfernt an die Dreiaugenwesen von Andy Fischli: jedes Gesicht wie ein grosses Morsezeichen, eine rudimentäre und doch unverwechselbare Identität aus Punkten und Strichen.

Aber wozu dieser Vermummungsaufwand? Weil ihre Welt angeblich lebensbedrohlich verseucht ist: «Trinken wir ihr Wasser, so vertrocknen wir von innen. Atmen wir ihre Luft, zerfallen wir zu Staub.» So die offizielle Version, die der Grosse Rat dieser Overallwesen rituell in Erinnerung ruft – da geistern auch gewisse Echos von Pandemiediskursen durch die Erzählung. Dank ihrer organischen Schutzanzüge haben die Soma gelernt, den lebensfeindlichen Bedingungen draussen zu trotzen. Doch einmal im Jahr müssen sie den Bäumen, aus deren Saft die ganze Gemeinschaft ihre Nahrung gewinnt, ein Opfer bringen. Oder sorgt dieser Lebenssaft vielleicht auch dafür, dass sich die Soma so fügsam ins Kollektiv eingliedern, quasi als staatliche Alltagsdroge?

Eine postapokalyptische Gesellschaft, die in einem totalitären Opferkult dem Baum des Lebens huldigt: Sie wirkt so archaisch wie futuristisch, die Mythologie, die Judith Kranz in ihrer ersten Graphic Novel entwirft. Teile von «Soma» sind im Rahmen ihres Bachelorstudiums entstanden, und daraus hat die deutsche Zeichnerin ein Buch von eigenwilliger Pracht gemacht, haarfein schraffiert in unendlichen Graustufen. In diesen biodystopischen Kosmos eingewoben ist die Geschichte um die Freundschaft zweier Soma, deren gemeinsame Kindheit sich in Rückblenden erschliesst – und die zusammen den Ausbruch aus dem Regime wagen. Im letzten Teil dann psychedelisches Wuchern, denn siehe: Das geht auch in Bleistiftgrau.