Das Klima : Gegenschlag oder Rückzugsgefecht?

Nr. 51 –

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Achterbahn-Gleise im Winterkleid
Foto: iStock

Der Kampf gegen die Erderhitzung hat 2025 einen schweren Rückschlag erlitten. Doch beginnen wir mit dem Erfreulichen: Sonnenenergie ist immer günstiger. Der Boom hat sich verstetigt, auch in den Ländern des Südens. Prognosen von vor zehn, fünfzehn Jahren sind heute um ein Vielfaches übertroffen. Auch die Kosten für Solaranlagen sind dank der Massenproduktion in China heute weniger als halb so hoch, wie vor zehn Jahren vorausgesagt wurde. Im ersten Halbjahr 2025 haben Wind- und Solaranlagen weltweit mehr Strom erzeugt als alle Kohlekraftwerke zusammen. Zum Boom der Erneuerbaren zählt auch eine immer stärkere Nutzung von Batteriesystemen, die bei Windflauten und fehlender Sonneneinstrahlung als Puffer dienen und das Stromnetz stabilisieren. Die Kosten solcher Systeme sind seit 2010 um 93 Prozent gefallen. Das alles schlägt sich auf die Prognosen der Erderwärmung nieder: Wurde 2015 noch ein Temperaturanstieg von bis zu 4 Grad bis 2100 vorausgesagt, rechnet die Uno-Umweltbehörde jetzt mit 2,8 Grad.

Erster Kipppunkt erreicht

Doch auch eine solche Erwärmung wäre noch immer verheerend. Und bisher ist der Verbrauch fossiler Energien nicht zurückgegangen, im Gegenteil. 2025 wird mehr CO₂ ausgestossen als jemals zuvor. Es wird also einfach immer mehr Energie verbraucht. Das Ziel des Pariser Klimaabkommens, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, wurde verfehlt. Das hat konkrete Auswirkungen: Die letzten drei Jahre waren die heissesten seit Beginn der Aufzeichnungen. Dementsprechend nehmen die Katastrophen zu: Brände infolge Trockenheit wie Anfang des Jahres in Los Angeles; der verheerende Hurrikan Melissa, der im Oktober Jamaika verwüstete, Taifune und Überschwemmungen, die in Südostasien in den vergangenen Wochen Tausende Menschenleben forderten; Hitzewellen und Dürren, wie sie auch dieses Jahr wieder Europa, den Nahen Osten und Afrika heimsuchten. Die Verstetigung führt absehbar zum Kollaps ganzer Regionen, die unbewohnbar werden: Der Iran etwa ist auf dem Weg zum Wasserbankrott, bereits wird über die Evakuierung der Hauptstadt Teheran gesprochen. Und auch wenn viel daran am Missmanagement des Regimes liegt: Wasserknappheit bedroht auf absehbare Zeit auch Teile Europas, Süd- und Nordamerikas.

2025 wurde auch erstmals ein Kipppunkt der Klimaerwärmung erreicht: das grossflächige Absterben der Korallenriffe infolge der immer wärmeren Meerestemperaturen. Kipppunkte im Erdsystem stellen durch ihre potenziell irreversible Natur ein besonderes Risiko der Erderhitzung dar und können diese beschleunigen.

Das Schlimmste verhindern

Mit Donald Trump als US-Präsidenten gibt es in der Klimapolitik global einen Rückwärtstrend. Mit Milliardenhilfe aus der fossilen Industrie ins Amt gewählt, behinderte er vom ersten Tag an Solar- und Windprojekte und fördert neue Öl- und Gasprojekte. Auch international bekämpft die US-Regierung nun Klimaschutzprojekte aktiv und schüchtert Staaten ein, die ihre Klimaziele verstärken wollen. Private Unternehmen werden genötigt, sich aus internationalen Klimaschutzvereinbarungen zurückzuziehen. Doch auch in Europa gibt es Rückschritte: Die EU will etwa den Verkauf von neuen Verbrennerautos auch nach 2035 zulassen. Die Autolobby frohlockt.

Dennoch: Der Druck der letzten Jahre hat viel bewirkt. Ohne NGOs und Strassenproteste, ohne klare Worte der Wissenschaft hätte es das Pariser Klimaabkommen vor zehn Jahren nicht gegeben und wären viele nationale Klimaschutzgesetze nicht verabschiedet worden. Die fossile Lobby fühlt sich offensichtlich bereits so sehr bedrängt, dass sie mit immer rüderen Methoden versucht, sich zu halten. Ihr grösster Verbündeter ist dabei die Verdrängung. Zwar weiss eine grosse Mehrheit der Bevölkerung, wie bedrohlich die Erderwärmung ist, doch Konsumverzicht und eine Veränderung des Lebensstils, die vor allem in den reichen Ländern nötig wären, will kaum jemand freiwillig angehen. Es braucht entsprechende Gesetze, doch selbst linke Politiker:innen reden nicht gern über das notwendige Schrumpfen der Wirtschaftsleistung.

Der Kampf gegen die Erderhitzung bleibt zäh. Doch die Verhinderung jedes Zehntelgrads Erderwärmung zählt, rettet Menschenleben. Dabei geht es nicht um einen Sieg, sondern um das Verhindern des Schlimmsten.