Licht im Tunnel: Briefkästen füllen
Michelle Steinbeck über Unterstützung in der Trauer
Der nationale Gedenktag für die Opfer von Crans-Montana fällt auf den zweiten Geburtstag unseres verstorbenen Kindes. In die Wellen von Erinnerung und Trauer, die um den Jahrestag besonders stark sind, läuten die Glocken. Ich denke an all die Familien. Und an deren Umfelder, die Anteil nehmen, unterstützen wollen. Aber wie? Ich versuche zu sammeln, was uns geholfen hat, was jetzt anderen helfen könnte, vielleicht.
Dabei trauern alle anders. Und die Bedürfnisse ändern sich mit der Zeit, jedoch nicht linear, schon gar nicht vorhersehbar. Ich lese in Pina Kührs Roman «Ein Kind ist ein ganzes Leben» über das Weiterleben einer Mutter nach dem Tod ihres Babys. Nach einer Zufallsbegegnung mit einem Bekannten merkt die Protagonistin, «dass man es ihr im Grunde nicht recht machen kann. Wenn die Leute reden, will sie ihnen das Maul stopfen, weil sie so ziemlich alles taktlos findet, was da gesagt wird. Und schweigen sie, dann ist sie schockiert über die peinliche Unfähigkeit, Mitgefühl zu zeigen.»
Auf der anderen Seite führt die Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun, zur Isolierung von Hinterbliebenen. Der Trauerbegleiter Hendrik Lind attestiert unserer Gesellschaft, dass wir nicht gelernt haben, mit fremder Trauer umzugehen. Für Betroffene werde dies zur zusätzlichen Last, wenn sich aus Ohnmacht schliesslich beide Seiten zurückzögen, sagt er anlässlich der Katastrophe von Crans-Montana im «Echo der Zeit». Kührs Roman zeigt dabei nicht nur die Überforderung, sondern auch den unschätzbaren Wert von Beziehungen zu Menschen, von denen sich die Protagonistin in der Trauer verstanden fühlt. Die weder versuchen, sie aufzumuntern, noch signalisieren, dass sie erwarten, dass sie bald wieder «die Alte» wird – wie der Freund, der sie zum Friseur bringt, damit sie sich die plötzlich ergrauten Haare färben lässt. «Du siehst fast wieder so aus wie früher», sagt er danach. Und sie: «Ist das was Gutes?»
«Trauernde brauchen keine Ratschläge, keine Lösungen», sagt Trauerbegleiter Lind. Laut ihm brauchen sie einzig Verständnis und Zeit: Kapazitäten zum Schaffen eines neuen Selbstverständnisses, «weil ein Teil von uns mitgestorben ist und wir uns neu kennenlernen müssen». Auch der Psychotherapeut Roland Kachler hat das erlebt, als sein Sohn sechzehnjährig bei einem Unfall starb. «Mir wurde klar, dass ich etwas grundlegend Neues zur Trauer sagen muss.» Aus der Erfahrung entwickelte er neue Konzepte: Trauerarbeit, die bisher vor allem als Prozess des Abschiednehmens und Loslassens gegolten hat, wird bei ihm zum Weg «zu einer Beziehung zum Verstorbenen, die gerade kein Ende kennt».
Es gibt unendlich viele Formen, Trauernde auf diesem Weg zu begleiten. Was langfristig zählt, ist wohl dies: die Bereitschaft, es ohne Erwartung zu tun, geduldig, neugierig, liebend.
Meine Therapeutin sagte einmal, das zweite Jahr könnte noch schwieriger werden als das erste, weil das Umfeld wieder in den Normalzustand übergehe. Und so bin ich an diesem Tag, an dem die Glocken läuten, dankbar für jede Nachricht, jede Süssigkeit im Briefkasten, die sagt: «Wir denken an euch, an ihn. Wir haben ihn nicht vergessen.»
Wenn wir diesem schrecklichen Januar etwas entgegenhalten wollen, vielleicht das: Geben wir unseren Trauernden ein Zeichen, dass sie nicht allein sind. Für ein kleines Licht im Tunnel.
Michelle Steinbeck ist Autorin. «Ein Kind ist ein ganzes Leben» von Pina Kühr ist 2025 im März-Verlag erschienen, «Meine Trauer wird dich finden» von Roland Kachler 2017 im Herder-Verlag.