Licht im Tunnel: Hausmänner-Revolution

Nr. 7 –

Michelle Steinbeck über Vorsintflutliches

Diesen Artikel hören (4:01)
-15
+15
-15
/
+15

Nie haben wir so auf den Putz gehauen wie jetzt. Der Luxus einer längeren Elternzeit, nach ausländischem Vorbild, kommt uns teuer zu stehen. Rein finanziell – für die Lebensqualität ist er durchaus empfehlenswert. Nur geht es in der Schweiz halt eben nicht darum.

Selbst die sinnvollsten und andernorts erprobten familienpolitischen Anliegen haben es hier schwer. Die erzkonservativen Zustände werden hingenommen; diese Falle, die nach einer Geburt zuschnappt und zuvor gleichgestellte Paare in vermeintlich überkommene binäre Rollen und Räume einschliesst: Der Mann ist draussen, in der öffentlichen Sphäre, die Frau drinnen, in der häuslichen.

Ich kann es kaum glauben, aber ein Blick in die Kurse der Elternberatung (früher «Mütterberatung») oder in die Statistik zeigt: Nur wenige Väter arbeiten in der Schweiz Teilzeit. Und von diesen reduzieren die wenigsten um mehr als den einen, den sogenannten Papitag. Markus Gygli vom Verband männer.ch sagt dazu in einem Interview: «Männer fürchten, als nicht leistungsorientiert zu gelten.» Auch Frauen kennen dieses Gefühl – doch sind es fast ausschliesslich Mütter, die beruflich zurückstecken und den Grossteil der unbezahlten Care-Arbeit übernehmen. Und sich plötzlich in einem «traditionell» genannten Lebensmodell wiederfinden, das ihnen oft gar nicht entspricht. «Das war traumatisch», sagt eine Freundin auf die Frage, wie es ihr eigentlich ergangen sei, als ihre Kinder klein waren und ihr Mann Vollzeit arbeitete. «Das Ausmass wird mir erst langsam bewusst. Da ist so viel Wut.»

Warum gibt sich das reichste Land mit der armseligsten Gleichstellungspolitik zufrieden? Die Politologin Silja Häusermann meint im Interview mit dem Elternblog mal-ehrlich.ch: «Eltern sind häufig zu beschäftigt für politisches Engagement. Und wenn der Stress abnimmt, verschwindet das unmittelbare Problem. Darum ist es bei Elternthemen häufig so – man organisiert sich irgendwie, wurstelt sich durch, aber es gibt keine strukturelle Lösung.» Ausserdem würden Männerrollen in der Schweiz «noch kaum thematisiert». Ein typisches Frauenleben sei «heute komplett anders als vor wenigen Jahrzehnten. Bei den Männern ist alles ziemlich gleich» – Lohnarbeit von früh bis spät.

Übrigens: Klaus Theweleits Meisterwerk «Männerphantasien» (1977) wurde dank ausgiebiger Vaterzeit geschrieben. «Ohne diese radikal veränderte Lebensform», meint er, «wäre das Buch nie entstanden.» Seine Frau nahm ihre Stelle an der Uniklinik wieder auf; «ich blieb zu Hause mit dem Kind und arbeitete mich durch das Freikorps-Material – wenn immer es die Zeit zuliess». Auch inhaltlich prägten die neuen Lebensumstände das Werk fundamental: «Die Frage nach der Form der eigenen Männlichkeit […]. Was und wie viel vom körperlich terroristischen Vater steckte im eigenen Leib? Wie viel davon war man losgeworden? Und mit wessen Hilfe?»

Vielleicht ist das der wahre Grund für das Festhalten an starren Geschlechterrollen: die Angst, auf welche (potenziell revolutionären) Gedanken Hausmänner kommen könnten. Für eine Partnerin bedeuten solche allerdings nicht unbedingt Entlastung: «Selbstverständlich», erzählt Klaus Theweleit, sei jeder Teil des Buches mit seiner Frau «durchgesprochen worden, oft in Überstrapazierung ihrer psychischen und ihrer Zeitreserven».

Michelle Steinbeck ist Autorin. Selbstverständlich wurde auch diese Kolumne mit dem Vater ihrer Kinder durchgesprochen.