Tagebuch: Hätte sie das gewollt?

Nr. 4 –

Die vier Jahre nach Joan Didions Tod unter dem Titel «Notizen für John» veröffentlichten Therapieprotokolle der Autorin sorgen für Diskussionen.

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Portraitfoto von Joan Didion
Joan Didion: Bei einer Autorin ihrer Grösse war voraus­zusehen, dass der Nachlass früher oder später auf dem Ladentisch landen würde. Foto: Sonia Moskowitz, Imago

Eine ernst in die Kamera blickende Joan Didion, die Arme verschränkt, als wolle sie die Betrachter:innen auf Distanz halten. Die in kühle Farben getauchte Fotografie stammt von Annie Leibovitz, einer der bekanntesten lebenden Porträtfotograf:innen. Äusserlich kommt das kürzlich auf Deutsch erschienene Buch «Notizen für John» anders daher als Didions sonstige Bücher, mit seiner ungewohnt schlichten Typografie und den gedämpften Farben. Und es verweigert sich auffallend jeder Vermittlung. Kein Klappentext, keine namentlich erwähnte Herausgeber:innenschaft – als käme dieses Buch aus dem Nichts.

Das löst ein leises Unbehagen aus. Dieses mag aber auch mit dem Wissen um die Umstände, unter denen das Buch entstanden ist, zu tun haben. Dessen Inhalt stammt von Didion, doch hinter der Veröffentlichung stehen ihre Nachlassverwalter:innen. Vor gut vier Jahren ist die US-Autorin, der man aufgrund ihres unverwechselbaren Stils, dieser Melange aus messerscharfer, präziser Analyse und subjektivem Blick, bereits zu Lebzeiten Kultstatus zugesprochen hatte, 87-jährig gestorben. Seither kam ein Essayband («Was ich meine», 2022) heraus – und vor kurzem «Notizen für John». Diese setzen sich zusammen aus den Protokollen einer Gesprächstherapie, die Didion in den nuller Jahren in New York besucht hatte. Adressat dieser Notizen war ihr Ehemann, der Schriftsteller John Gregory Dunne.

Nahe am O-Ton

Über zwei Jahre hinweg hat Joan Didion Anfang der 2000er Jahre ihren Therapeuten wöchentlich aufgesucht, um über ihre Tochter Quintana Roo zu sprechen. Diese litt an einer schweren Alkoholsucht, hatte immer wieder Rückfälle, und die Eltern hatten Angst, sie würde sich das Leben nehmen. Die Aufzeichnungen lassen vermuten, dass Didion während der Sitzungen ein Tonbandgerät mitlaufen liess: Sie scheint in den Notizen nahe am O-Ton geblieben zu sein, um später auf Basis des Geschriebenen mit ihrem Mann das Besprochene nochmals durchzugehen.

Wie bei Therapien letztlich auch, gilt: Am interessantesten sind sie für die Person selbst, um deren Leben sich das Ausknäueln der eigenen Muster dreht, deren Fäden Woche für Woche wieder aufgenommen werden. Oder anders gesagt: Verschriftlicht wirken diese Gespräche oftmals redundant, fern von Didions literarisch geformten Reportagen, Essays und Romanen, an denen die Autorin laut eigener Angabe stundenlange Lektorate vornahm, zunächst sie selbst und später ihr Mann, bevor diese ein Verlag zu sehen bekam.

Während Didion im deutschsprachigen Raum für autobiografische Bücher wie «Das Jahr des magischen Denkens» (2006) und «Blaue Stunden» (2012) bekannt ist, in denen sie vor allem über die erlittenen Verluste erst ihres Mannes und zwei Jahre später ihrer Tochter schrieb, ist «Notizen für John» kein literarisches Buch, keine Reportage, sondern ein privates Dokument. Man erfährt darin, dass Didion an Brustkrebs erkrankt war und niemandem ausser ihrem Mann davon erzählte. Didions Therapeut, Roger McKinnon, ganz «Freudianer alter Schule», richtet seinen analytischen Blick auf Didions Kindheit und ihr Verhältnis zu den Eltern, auf ihre «übermässige Ängstlichkeit» und Depression: «Sie müssen sich anschauen, wie lange Sie in Ihrem Leben schon das Schlimmste erwarten.» Man erfährt, welche Bedeutung das Schreiben in ihrem Leben einnahm, das für sie stets auch Strategie war, sich emotional zu distanzieren: «Statt mich einzulassen, arbeite ich.» Als Leser:in lauscht man während dieser Lektüre auf der Couch mit, wie sich diese kluge, reflektierte Schriftstellerin mit existenziellen Fragen befasst, sich bedingungslos offenbart. Zuweilen fühlt sich das voyeuristisch und auch etwas invasiv an – darf man überhaupt hier sein?

Unsorgfältig begleitet

«Notizen für John» hat medial eine rege Diskussion losgetreten um die Frage: Hätte Joan Didion dieser Veröffentlichung zugestimmt?

Die rund 150 Seiten Therapietagebuch hat man nach ihrem Tod in einer Schreibtischschublade gefunden, das Einverständnis zur Veröffentlichung hat sie nie gegeben. Doch für eine Autorin ihrer Grösse war wohl vorauszusehen, dass alles, was in ihrem Nachlass zu finden war, früher oder später auf dem Ladentisch landen würde. Im anonymen Vorwort heisst es lediglich, dass die Erben das Didion-Dunne-Archiv in der New York Public Library einrichteten, wo dieses «frei zugänglich» sei. Ob Geldmacherei oder die ernsthafte Bemühung, Didions Person für die Nachwelt zu «vervollständigen»: Eine verantwortliche Herausgeber:innenschaft, die das Material verortet und kontextualisiert, hätte dem Text gutgetan.

Unsorgfältig begleitet wie jetzt läuft diese Veröffentlichung Gefahr, eine Deutungsmacht über Didions Biografie zu beanspruchen, die ihr nicht zusteht: etwa, dieses krisengeschüttelte Jahr als logische Vorstufe ihrer späteren Verluste zu lesen. Oder als unvollendetes literarisches Stück durchzugehen. Dazu hatte sich Didion zu Lebzeiten klar geäussert. In einem Essay über die posthume Veröffentlichung unvollendeter Tagebücher Ernest Hemingways etwa hatte sie ein ähnliches Vorhaben als «unsinnige Bemühung» kritisiert: Die Kraft seines Schreibens beruhe auf der strengen Kontrolle über sein Handwerk. Und eine solche, in jedem Satz kontrollierte, präzise Schreiberin war auch sie.

Buchcover von «Notizen für John»
Joan Didion: «Notizen für John». Aus dem Amerikanischen von Antje Rávik Strubel. Ullstein Verlag. Berlin 2025. 256 Seiten.