Film: Von Frauen und Monstern

Nr. 11 –

«The Bride!» wirbelt den epochalen Schauerroman «Frankenstein» und seine Folgen wild durcheinander. Das glückt nicht immer, beflügelt aber trotzdem.

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Filmstill aus «The Bride!»: Christian Bale und Jessie Buckley als monströse Gestalten
Feministisch gegen den Strich gebürstet: Regisseurin Maggie Gyllenhaal schickt Christian Bale und Jessie Buckley auf einen wilden Roadtrip aus Filmzitaten. Foto: © 2026 Warner Bros.

«Zuerst dachte ich, man habe mir das falsche Drehbuch geschickt», erzählt der Schauspieler Christian Bale auf dem roten Teppich, der für die Premiere des Films «The Bride!» ausgerollt wurde. Das Skript habe ihm zwar gut gefallen, aber es sei ihm gleichzeitig ziemlich waghalsig vorgekommen: eher «low-budget» und «indie» als ein achtzig Millionen Dollar teures Vehikel der altehrwürdigen Warner-Bros-Filmstudios.

Tatsächlich staunt man auch als Zuschauerin im Kino darüber, dass es dieser Film durch alle strengen Kontrollinstanzen und Testscreenings geschafft hat. Man staunt bewundernd, zwischendurch aber auch stirnrunzelnd über einige nicht ganz so geglückte Einfälle, die einem während gut zwei Stunden beinahe im Minutentakt um die Ohren fliegen.

Manchmal nervtötend

Bale spielt in «The Bride!» das legendäre Geschöpf des hochbegabten, irrlichternden Wissenschaftlers Victor Frankenstein. Dieser hat bekanntlich aus Leichenteilen einen künstlichen Menschen zusammengenäht und mit einem zum Stromstoss gebündelten Blitz zum Leben erweckt. Oft wird dieses Wesen schlicht «das Monster» genannt, was die Wahrheit entscheidend verfälscht. Denn das Geschöpf ist an sich weder gut noch böse, sondern vor allem hilflos. Christian Bale setzt das so virtuos wie berührend um: Seine Kreatur ist einsam und liebesbedürftig und wird erst dann zur Bestie, wenn die Menschen sie, etwa wegen ihres Aussehens, in die Enge treiben.

Die Filmemacherin Maggie Gyllenhaal, die auch das Drehbuch zu «The Bride!» verfasst hat, interessiert sich zweifellos für die Frage, wie Menschen zu Monstern gemacht werden. Vor allem aber nimmt sie Analogien in der Wahrnehmung von Frauen ins Visier: Ihr Projekt ist die Ausgrabung und Wiederbelebung weiblicher Genealogien rund um den bis heute beeindruckenden Schauerroman «Frankenstein», den die knapp zwanzigjährige Mary Shelley, Tochter der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, 1818 nach einem längeren Aufenthalt am Genfersee publiziert hat.

Man könnte auch sagen: Gyllenhaal bürstet den Frankenstein-Mythos und die Filmgeschichte feministisch gegen den Strich, und das allein lohnt den Kinobesuch. «The Bride!» spielt im Chicago der 1930er Jahre: zwischen der brutalen Mafiawelt und den rauschenden Partys nach Aufhebung der Prohibition, mitten im Siegeszug des Tonfilms und kurz nach Erscheinen des ironischen Horrorkinoklassikers und Frankenstein-Sequels «Bride of Frankenstein» 1935.

An einer solchen Party ergreift die Autorin des Urromans, Mary Shelley, wie ein unerlöster rabiater Geist von der widerspenstigen Ida Besitz. Diese Ida trank eben noch ausgelassen mit Freunden Sekt und ergeht sich nun plötzlich in wilden Verrenkungen und Wortkaskaden, spuckt ihrem Gefährten die gerade geschlürfte Auster eklig in den Schoss. Es braucht eine Ausnahmeschauspielerin wie Jessie Buckley, um diese Ineinanderfaltung mehrerer sperriger Figuren glaubhaft zu verkörpern. Denn bald gesellt sich noch eine dritte dazu: die titelgebende Braut. Nachdem die besessene Ida bei einem Treppensturz stirbt, wird sie nämlich wieder ausgegraben – und von einer weiteren Reanimationsexpertin (Annette Bening!) zurück ins Leben geholt, als Gefährtin für Frankensteins einsame Kreatur.

Klingt abgefahren? Ist abgefahren. Und manchmal nervtötend. Aber als wilder Roadtrip aus Filmzitaten, die im weiteren Verlauf von «Bonnie and Clyde» und Film noir über «Bride of Frankenstein» bis zu Musicals und Ginger Rogers reichen, doch erstaunlich kurzweilig. Zumal dieser Braut nach der Neubelebung ein schwarzer Tintenfleck aus dem Mund wächst, der auf ihr derbes Mundwerk ebenso verweist wie auf die Konstruiertheit ihrer Figur und auf alle zum Schweigen gebrachten Frauen, die nun aufbegehren. Gewitzt auch, wie Gyllenhaal mit Wortketten und Namen jongliert, sodass sich in einer Szene etwa der Vorname Ida mit dem Nachnamen eines anwesenden Mafiabosses zu einer kleinen hingetupften Hommage an die Filmpionierin Ida Lupino fügt.

Zitate statt Leichenteile

Uma Thurmans «bride» aus Tarantinos «Kill Bill» muss man sich zu den aufgezählten Filmreferenzen unbedingt dazudenken. Auch sie kämpft sich aus einem Sarg zurück ins Leben, wird zum Racheengel und zur coolen feministischen Ikone. In einer Schlüsselszene schmettert Jessie Buckleys Braut stolz «I’m revolting» in den Raum, was «Ich bin widerwärtig» bedeuten kann, wie es in den Untertiteln übersetzt wird, aber eben auch: Ich rebelliere.

Eine Rebellion ist auch Gyllenhaals Film. «The Bride!» ist ein etwa zu gleichen Teilen grossartig geglücktes, aber eben auch grausam schludrig zusammengeschustertes Filmgeschöpf. Ein Monster-Mash, wie es im Abspann heisst. Oder soll mans gleich eine frankensteinsche Kreatur von einem Film nennen, geformt aus Kino und Kampfgeist statt aus Leichenteilen? Gut möglich, dass das Gyllenhaals volle Absicht war: ein Film, der sich trotzig verweigert und in keine Schublade passt; mit gut sichtbaren schiefen Nähten und fauligem Geruch; eine fröhliche, anarchische Aneinanderreihung von Motiven, Slogans und Ideen, die zuweilen auf halbem Weg den Geist aufgeben. Eine wütende «Hirnattacke». Mit dieser Wortschöpfung wird in «The Bride!» jedenfalls der Hirntumor, an dem Mary Shelley gestorben ist, tollkühn zum feministischen Schlachtruf umgeschmiedet.

«The Bride!». Buch und Regie: Maggie Gyllenhaal. USA 2026. Jetzt im Kino.