«Hamnet»: Ein seltsam befreiender Schmerz

Nr. 4 –

Chloé Zhaos Verfilmung der privaten Familientragödie von William Shakespeare verschachtelt alle grossen Themen der Menschheit: Liebe, Tod, Trauer und ihre Aufhebung in der Kunst.

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Filmstill aus «Hamnet»: Jessie Buckley als Williams Frau Agnes, umgeben von traurigen Menschen
Für einmal ins Zentrum gerückt: Williams Frau Agnes (Jessie Buckley) spielt in der Shakespeare-Forschung meist nur eine marginale Rolle. Foto: Agata Grzybowska, Focus Features

Versteht man Shakespeares «Hamlet» besser, wenn man weiss, dass der Dichter einen Sohn hatte, der Hamnet hiess? Wohl kaum. Aber einfach zur Seite schieben kann man dieses Wissen auch nicht. Shakespeares Sohn Hamnet starb 1596 im Alter von elf Jahren, womöglich an der Pest, die damals immer wieder tödliche Schneisen durch Europa riss. Viel mehr ist über ihn nicht bekannt. Das öffnet Raum für Spekulationen. Zumal die verschlungenen Verbindungen und Verschiebungen zwischen Literatur und Leben bis heute immer wieder zum Gegenstand von emotional geführten Debatten werden – nicht nur bei Shakespeare.

Verbürgt ist dies: Ein paar Jahre nach dem Tod seines Sohnes brachte Shakespeare sein Stück «Hamlet» auf die Bühne. Das Drama handelt jedoch nicht von einem toten Kind, sondern von einem toten Vater. Ein abrupt ums Leben gekommener König sucht seinen Sohn Hamlet als Geist heim. Er müsse seine Ermordung rächen. So lautet der Auftrag an Hamlet, den ihm der irrlichternde Wiedergänger seines Vaters abringt. Hamlet zaudert, schützt Wahnsinn vor, verliert sich in den Intrigen des korrupten Hofs. Er wirkt als genuin modernes, zerrissenes Subjekt überfordert vom Chaos einer Zeit, die «aus den Fugen ist» – nur eines von vielen Bonmots aus «Hamlet».

Auf den ersten Blick

Die Zeit war auch aus den Fugen, als Maggie O’Farrells Roman «Hamnet» 2020 mitten in der weltweiten Coronapandemie erschien. Wohl um diese Verbindung mit der Gegenwart zu betonen, wurde einigen Ausgaben des Buchs der reisserische Untertitel «ein Seuchenroman» aufgepfropft. O’Farrell entspinnt darin eine kühne literarische Fantasie zum Zusammenhang zwischen totem Sohn und berühmtem Stück. Es ist ein Glücksfall, dass die neue Verfilmung von Chloé Zhao («Nomadland») nun nochmals einen frischen, pandemiebefreiten Blick auf diesen Romanstoff erlaubt – und ihn entscheidend erweitert.

In Zhaos Anverwandlung geht es zu Beginn weder um die Pest noch um das Kind, sondern um eine Anziehung auf den ersten Blick. Agnes (Jessie Buckley) verliebt sich in William (Paul Mescal), den Lateinlehrer und Sohn des Handschuhmachers, und umgekehrt. Allein für die kurzen, präzis gespielten Szenen, in denen die beiden wie in einem unaufhaltsamen ekstatischen Sturz zusammenkommen, lohnt sich der Kinobesuch.

Auf O’Farrells Spuren erzählt Zhao diese Beziehung als grosse Liebesgeschichte, was vielleicht eine Beschönigung der Realität dieses Paars ist, über das wiederum wenig Gesichertes bekannt ist. Vielleicht ist es aber auch einfach die selbstbewusste Korrektur einer alten Ungerechtigkeit. Denn mit der Liebe rückt Shakespeares Frau ins Zentrum, die in der Forschung jahrhundertelang nur eine marginale Rolle spielte.

Ansatzweise korrigiert hat diese Vernachlässigung bereits 2007 die australische Feministin Germaine Greer. Mit «Shakespeare’s Wife» schuf sie eine glaubhafte weibliche Biografie für diese Agnes (oft auch Anne) Hathaway – und konnte etwa aufzeigen, dass sie zum Zeitpunkt der Heirat die bessere Partie war als der seltsame William Shakespeare. Zhao greift diesen Aspekt wieder auf, indem sie ihre Agnes als eigensinnige Kräuterheilkundlerin einführt, von Teilen des Dorfs zwar misstrauisch beäugt, aber respektiert, in sich ruhend und mit einem sechsten Sinn für alles Natürliche und Kreatürliche.

Die attraktive Erdung, die antastbare Souveränität, die Chloé Zhaos Figuren immer auszeichnet, findet in Jessie Buckley eine ideale Verkörperung. Ihre Agnes steht mit beiden Füssen fest auf dem moosigen Waldboden und bleibt dabei trotzdem verletzlich. Sie unterstützt ihren Mann pragmatisch bei der Verwirklichung seiner schriftstellerischen Ambitionen. Den Haushalt kann sie gut allein führen. Man glaubt ihr das sofort.

Zu Literatur geformte Trauer

Ihre Liebe zerbricht dann trotzdem beinahe über dem toten Hamnet. Shakespeare eilt nicht rechtzeitig aus London herbei – steht schliesslich hilf‌los am Bett des qualvoll verstorbenen Sohns, flüchtet sich bald wieder zurück in die Arbeit und seine Theaterkarriere. Seine Frau verzeiht ihm vor allem nicht, dass er zu spät gekommen ist. Und sie wirft ihm vor, nicht aufrichtig zu trauern.

Als wollte er ihr beweisen, dass es nicht nur einen wahren Weg gibt, mit Tod und Trostlosigkeit umzugehen, formt er seine Trauer zu Literatur. Darüber hat der Shakespeare-Forscher Stephen Greenblatt lange vor Maggie O’Farrells Roman einen brillanten Essay geschrieben – in dem er daran erinnert, dass Shakespeare kurz vor Erscheinen von «Hamlet» auch seinen Vater verloren hat.

Greenblatt entwickelt die Theorie, dass «Hamlet» eine moderne Form persönlicher Trauerverarbeitung sei: entstanden aus Shakespeares tiefer Unzufriedenheit mit den christlichen Totenritualen, die er als entleert, wenig trostreich und unzeitgemäss empfunden habe. Das Theater als die bessere Totenmesse.

Zugleich habe Shakespeare mit «Hamlet» neue Wege gefunden, um das Seelenleben, diesen «inneren Aufstand» seines Helden, wie Greenblatt es nennt, nach aussen zu kehren und zugleich manches «strategisch im Dunkeln» zu lassen. Mit dieser doppelten Operation – dem nach aussen gekehrten Innern und dem trotzdem bewahrten Geheimnis – sei es ihm gelungen, das Theaterpublikum in einer noch nie dagewesenen Intensität mitzureissen und für seine Hamlet-Figur einzunehmen.

Seit mehr als vier Jahrhunderten leuchtet so dieses tausendfach interpretierte, aber noch lange nicht auserzählte Stück stets neu in jede verwirrte Gegenwart hinein. Dabei wird es immer noch reicher an Facetten, zu denen Chloé Zhao nun eine weitere hinzufügt. Und zwar weniger wegen des biografischen Schlüssels, sondern weil sie – ganz im Sinne Greenblatts – eine existenzielle Dimension des Dramas offenlegt, die nicht nur mühelos mehr als 400 Jahre überspannt, sondern auch alle Menschen gleichermassen in den Bann zieht. Wie schon zu Shakespeares Zeit alle Schichten der Gesellschaft im Theater zusammenfanden, um sich von einer mit einfachsten Mitteln hergestellten Illusion den Kopf verdrehen zu lassen – bis sie alle hingerissen auf die Bühne starrten, wie Verliebte.

Selbst Hartgesottene weinen

Es kann kein Zufall sein, dass Zhaos Film mit der Liebe beginnt und endet. Und dass diese herausragende Filmemacherin von Anfang an ein beziehungsreiches Spiel treibt mit Türen, Räumen und Fenstern; mit dem Kontrast zwischen der Weite des Waldes und dem engen Geviert einer Küche; mit den sichtbaren und unsichtbaren Schwellen zwischen aussen und innen, zwischen Licht und Dunkel, zwischen Sein, Schein und Nichtsein. Bis Zhao dann zum Ende von «Hamnet» ihr Spiel in einer magischen Theaterauf‌führung zur Vollendung bringt: mit einem aufgemalten Kulissenwald, in den ein einziger schwarzer Bühneneingang geschnitten ist. Die ganze Welt als einfache Holzbühne.

Dramen, Romane und Filme verarbeiten und konfrontieren die Realität auf Umwegen. Sie können Tote zum Sprechen bringen und uns auch mit anderen Tricks hinter die Fassaden der Welt und der Menschlichkeit blicken lassen. Das birgt Einsichten, erschliesst aber vor allem einen sehr direkten Zugang zu unseren Gefühlen.

Die letzten – so emotionalen wie klugen – Minuten von «Hamnet» dürften selbst Hartgesottene zum Weinen bringen. Und sobald diese merkwürdig erlösenden Tränen der Rührung getrocknet sind, lohnt es sich, weiter nachzudenken. Nicht nur über den Film, sondern auch darüber, was «Hamlet», das Originalstück, uns heute zu sagen hat: über Tod, Trauer, Wahn, Rache und unsere Zeit, in der altes Chaos gerade wieder in ein neues Gewand steigt.

«Hamnet». Regie: Chloé Zhao. Grossbritannien / USA 2025. Jetzt im Kino.