Pop: Musik aus der Schweiz
Das erste Album von Splendid ist eine Kartografie der hiesigen Lebenswelt von Millennials. Sie klingt urban, müde und ironisch.
Es passt zu unserer kulturell fragmentierten Gegenwart, dass grosse Streamingdienste inzwischen über 6200 Genres unterscheiden. Entdeckt und gehört werden können sie alle, dank der Website «Every Noise at Once», die eine Karte des musikalischen Genrespektrums zeigt. Diese basiert auf Metadaten von Spotify, das Projekt ist aber nicht mit dem Konzern assoziiert.
Auf der ausufernden Karte finden sich die Sammelbegriffe «Classic», «Pop», «Rock», doch bald wird sie granularer, hyperspezifisch, fast pedantisch. So sollte man zum Beispiel nicht «Northeast Indian Hip-Hop» mit «Indian Underground Rap» verwechseln. Hörbeispiele geben Auskunft, dass Ersterer auf traditionelle Instrumente und ihre Melodien setzt, während Letzterer härter und wütender klingt. Von lokalen Mikrogenres wandert der neugierige Blick weiter, entdeckt «Australian Reggae Fusion», «Musica Mexiquense» oder «Japanese Chill Rap» – und trifft bald auf «Mundart».
Eine verblüffend stabile Kategorie. «Mundart» hält sich, auch wenn die darunter versammelten Künstler:innen, von Züri West bis Knackeboul, aus unterschiedlichen Epochen stammen und stilistisch weit auseinanderliegen. Eine jüngere Ausprägung war die Berner Band Jeans for Jesus. Aus diesem Umfeld entsteht nun Splendid, das neue Projekt von Michael Egger, einem der Mitglieder von Jeans for Jesus, und Levin Lucca Dennler.
Genre-Agnostizismus
Auch mit seiner vorherigen Band Hainan setzte Dennler auf schweizerdeutsche Texte: Bereits das selbstbetitelte Album von 2019 war ein überzeugender Vorschlag, wie zeitgenössische Musik mit Mainstreamappeal aus diesem Land klingen könnte. Eine Sensibilität, die sich Dennler wohl in seiner erfolgreichen Arbeit als Produzent für nationale und internationale Künstler:innen wie Trettmann oder Loredana angeeignet hat. Nach Jeans for Jesus und Hainan wagen die beiden Berner nun mit Splendid und einem erneut selbstbetitelten Debüt einen weiteren Vorstoss in Richtung Schweizer Gegenwartspop. Oder Rock? Oder sind diese Zuschreibungen nicht ohnehin alle völlig egal?
Die vierzehn Songs auf «Splendid» zeigen, dass tragfähige Ergebnisse entstehen können, wenn eine zu grosse Eindeutigkeit verweigert wird und die Grenzen fliessend bleiben. Während die Mundart und die Veröffentlichung auf dem Schweizer Label Sound Service (wie Polo Hofer oder Stiller Has) in eine eher traditionsverbundene Richtung weisen, deuten Songtexte und Klangwelt auch in eine andere. Oder genauer: in viele gleichzeitig.
Stadiontaugliche Beats, die an Kanye West in seinen besseren Zeiten erinnern, zurückgenommene Balladen, handgemachte Gitarrenmelodien oder sachte rhythmisierende UK-Garage-Elemente finden organisch zueinander. Es herrscht eine Art Genre-Agnostizismus, ungebunden an nur dieses oder jenes musikalische Ausdrucksmittel oder an eine bestimmte Zeit. Ein solch offener Umgang mit einem weitverzweigten Referenzsystem muss angesichts der künstlerischen Biografien der beiden Beteiligten nicht überraschen, die seit Jahren zwischen Hip-Hop, Indie, Clubkultur und Dialekttexten arbeiten und als Musiker und Produzenten verschiedene Szenen miteinander verbinden. Er folgt einem Popverständnis, das nicht von Genregrenzen ausgeht, sondern von Situationen, Kollaborationen und geteilten Einflüssen.
Splendid machen Musik aus der Schweiz und in Dialekt. Während Mundart lange als Marker eines eher konservativen, nach innen gerichteten Ausdrucks galt, nutzen Splendid die Sprache für Themen und Bilder eines global vernetzten Alltags. Sie singen von Bars, Plattformen und dem Gefühl einer urbanen Gegenwart, die in Zürich ähnlich aussieht wie in London oder Berlin. Sie erzählen von einer Lebensrealität, die lokal verankert ist und gleichzeitig über die Landesgrenzen hinaus anschlussfähig bleibt.
Krypto und Onlyfans
Das Ergebnis ist eine Kartografie der hiesigen Millennial-Lebenswelt. Zwischen Ambition und Erschöpfung pendelnd, ist sie mit der Provinz ebenso vertraut wie mit der Metropole. Die Zürcher Bar 3000 und ihr Fehlen im Nachtleben der Stadt stehen gleichberechtigt neben dem Parfum «Alien» von Thierry Mugler oder Kryptowährungen, Onlyfans neben der vagen Ahnung, dass es eigentlich um die Liebe gehen müsste. Eine präzise Milieubeschreibung: Die Schweiz, von der die Band singt, ist urban, müde, ironisch und international vernetzt. Sie nutzt ihre privilegierte Position als Raum der Selbstbeobachtung. Und sie spricht – öfter als seltener – Dialekt. Nicht als nostalgisches Echo, sondern als kleinsten gemeinsamen Nenner. Als Alltagssprache, die Zugehörigkeit markiert, aber über den eigenen Tellerrand hinausblickt.
Splendid gelingt es, diese Ambivalenzen auszuhalten. Ihre Position liegt dabei irgendwo zwischen kleinem Glück und grossem Unglück, in den Graubereichen einer Zeit, die keine einfachen Antworten kennt. So wie «Every Noise at Once» die Musik dieser Welt in eine ausufernde Genrelandschaft zerlegt, eröffnen Splendid einen Resonanzraum aus Orten, Sprachen, Bildern und Gefühlen. Und vermessen damit eine deutschschweizerische Wirklichkeit im Jahr 2025, die um sich selbst kreist, um zu verstehen, wie sie zur Welt steht.