Nr. 04/2020 vom 23.01.2020

Digitaler Abenteuerspielplatz

Die Berner Band Jeans for Jesus fängt auf ihrem neuen Album «19xx_2xxx_» die Moods der Zeit ein. Und will endlich das Mundartlabel loswerden.

Von David Hunziker

Sarkasmus in Rosa: Jeans for Jesus (Demian Jakob, Michael Egger, Philippe Gertsch und Marcel Kägi). Foto: Anja Wille

Im Herbst 2019 spielte sich im neuseeländischen Parlament eine Szene ab, die dieses ganze Jahr mit seinem offen ausgebrochenen Generationenkonflikt auf den Punkt brachte: Chlöe Swarbrick, eine 25-jährige Abgeordnete der Grünen, hielt eine Rede über die Klimakatastrophe, als ein älterer Kollege eine Bemerkung über ihr Alter dazwischenrief. Statt auf ihn einzugehen, machte sie nur eine abweisende Handbewegung und stellte ihn mit zwei Worten still: «OK boomer.» Aus dieser Phrase, die sich im Verlauf des Jahres im Internet ausgebreitet hat, spricht ganz bewusste Renitenz. Sie ist eine Kampfansage der Jugend an die Generation der Babyboomer und ihren Lebensstil: Erklärt uns nicht die Welt, schliesslich lasst ihr sie uns in denkbar schlechtem Zustand zurück.

Dieser «OK boomer»-Attitüde hat die Berner Popband Jeans for Jesus ein musikalisches Denkmal gesetzt. «babyboomsuperstar» erschien im September als erste Single des neuen Albums «19xx_2xxx_» und klingt wie eine Hymne der gegenwärtigen Jugendbewegung. Im Songtext gibt es treffende Bilder für diesen Boomer und seine raumeinnehmende Selbstverwirklichung: «du wosch hie nid wäg, du bisch uf Sportgrät, du hesch no Dreams gläbt, hei merci für ds». Doch der Sarkasmus kommt hier völlig ohne Ressentiment daher, dafür in strahlendem Rosa. Denn trotz seines zackig tänzelnden Beats und seiner schrillen digitalen Sounds strahlt dieser Song eine hedonistische Wärme aus, der laszive Gesang, die Drumbreaks aus alten Rocksongs und das soulig klingende Stimmsample im Refrain sowieso. In zartem Falsett fordern sie den Boomer zum Abtritt auf: «Superstar gib chli Wäut zrügg».

Da beginnt das Problem

Michael Egger (31) und Demian Jakob (31), die beiden Sänger und Texter von Jeans for Jesus, sitzen in einem Atelier im Zürcher Kreis 4, auf dem Tisch stehen Gemüsesuppe und Rivella blau. «Die Konfrontation mit dieser Figur des Boomer war für uns vor zwei Jahren, als wir den Song geschrieben haben, zunächst vor allem persönlich», erzählt Egger. «All dieser Stuff in den Kellern unserer Elterngeneration oder der Kampf zwischen SUVs und Velofahrern im Zürcher Hottingen-Quartier, wo ich zu dieser Zeit gewohnt habe.» Jakob lebte da gerade auf engstem Raum in einer chinesischen Grossstadt, und die Frage, wie viel Platz ein Leben braucht, war ein wiederkehrendes Thema in den Skype-Gesprächen der beiden. «Dass wir immer wieder einen Nerv treffen, hat sicher auch damit zu tun, dass wir vor dem Schreiben einfach mal darüber reden, was uns gerade interessiert», sagt Jakob. «So kommen wir auf die aktuellen sozialen und politischen Themen.»

Jeans for Jesus wurden 2013 in Bern gegründet. Philippe Gertsch (32) und Marcel Kägi (36) sind für einen Grossteil der Komposition und Produktion zuständig. Bekannt wurden sie bereits mit ihren zwei ersten Songs: dem ulkigen, aber ziemlich cleveren «Kapitalismus Kolleg» und dem abgründigen Sommerhit «Estavayeah». Sowohl ihr Debüt «Jeans for Jesus» (2014) als auch das zweite Album «Pro» (2017) wurden von der Kritik als Meisterwerke des Mundartpop gefeiert. Doch da beginnt schon das Problem.

«Als Band hatten wir schon verschiedene Sinnkrisen», sagt Egger, «aber die grösste ist sicher die Sache mit der Mundart. Die meist generische Chartmusik auf Schweizerdeutsch, die in den letzten Jahren den Markt dominierte, löste schon auch Unbehagen aus.» Es schmeichle ihnen zwar sehr, mit den «guten» Bands wie Züri West oder Stiller Has in eine Reihe gestellt zu werden, aber wichtig seien diese Bands für sie heute vor allem als literarische Tradition. «Es ist doch sowieso völlig sinnlos, heute noch von Genres zu sprechen», sagt Jakob, «aber vor allem stört es mich, wenn Mundart als Genre angesehen wird.» Heute wirkt es geradezu absurd, dass KritikerInnen den Sound von Jeans for Jesus, der von zeitgenössischem R’n’B, Indiepop oder Hip-Hop beeinflusst ist, noch 2017 dafür lobten, dass er nicht so volkstümlich klinge wie der Schlagerrock von Trauffer.

Pedro Lenz, Schriftsteller und Hüter der gepflegten Mundart, war die Verbindung von internationalem Pop und Berndeutsch definitiv zu viel. Lenz ist nicht nur seinem Jahrgang nach ein Boomer, vor allem der saudoofe Text, den er 2017 in der «Schweiz am Wochenende» veröffentlichte, qualifiziert ihn als solchen. Diese jungen Musiker hätten vermutlich mehr Nächte am Bildschirm verbracht als an Kneipentischen, schrieb Lenz über Jeans for Jesus. Sie wüssten zwar viel über Marktstrategien, doch ihrem «parfümierten Edelpop» fehle der Körpergeruch. Ganz egal ist Jeans for Jesus diese Kritik bis heute nicht, in ihrem aktuellen Pressetext fordern sie Lenz gar zum Wetttrinken auf. Aber wieso eigentlich?

Internet für Atombombe

«Wenn ein Linker wie Lenz die künstlerische und politische Kraft der Jeans nicht sieht, macht mich das schon traurig», sagt Egger. Darum sei der Auftritt auf dem besetzten Platzspitz in Zürich 2018 auch ein Höhepunkt der Bandgeschichte gewesen. Jakob nahm die Kritik von Lenz eher belustigt auf: «Eigentlich hätte er uns ja vorwerfen sollen, dass wir nicht noch viel mehr am Computer hängen. Heute treffen Leute sich beim Onlinegaming und heiraten – solche Dinge sind doch viel spannender als das, was du mit deinen Alkoholikerfreunden am Stammtisch erlebst.»

Auf dem neuen Album, «19xx_2xxx_», geht es natürlich ständig ums Internet. In «babyboomsuperstar» bringen Jeans for Jesus die technologische Verfassung der Gegenwart auf ein hintersinniges Gleichnis: «du hesch üs ds Internet gä, wüus Atombombe gid». Was für ein Deal: Für die Möglichkeit der Apokalypse auf Knopfdruck haben wir also diese monströse Kommunikationsmaschine bekommen, die uns ja schon lange höchst ambivalent vorkommt. «Dir heit die Wäut flachdrückt», heisst es im Song «127.0.0.1», benannt nach dem Anfang von IP-Adressen: Irgendwie sind wir im Internet alle gleich, doch tummeln sich da plötzlich auch diese Leute, die wirklich glauben, dass die Erde flach ist.

Doch so schlimm ist es auch wieder nicht, denn da ist auch diese Unbeschwertheit, von der die meisten Jeans-for-Jesus-Songs getragen werden; und eine Ästhetik, die Techeuphorie verströmt. Die Stimme geht oftmals durch Autotune oder andere Verfremdungseffekte, und die Beats und Sounds wirken – auch wenn das neue Album schlanker produziert ist als sein Vorgänger «Pro» – wie frisch vom digitalen Abenteuerspielplatz. «2000&irgendwo» erinnert an eine verwehte Jugend um die Jahrtausendwende, doch der zarte Beat und die blinkenden Tönchen verweigern sich dem verbreiteten Retrotrend, während wir gefragt werden: «Was hautisch du vom Ougeblick?» Im Video zum Song werden Insignien aus jener Zeit, etwa die Logos von MTV, Fila und dem Wu-Tang Clan, von einem Laser ins urbane Nirgendwo projiziert. Auch Nostalgie gibts nur durch den digitalen Filter.

Was die Musik von Jeans for Jesus so zeitgemäss macht, ist auch ihr Impressionismus. Ihre Songs erzählen keine Geschichten, sondern vermitteln Stimmungen – oder eben einen «#mood», wie die Leute auf Instagram ihre Landschaftsbilder markieren. Gut beobachten lässt sich diese Entwicklung zum Beispiel auch im Trap, wo sich einzelne Zeilen und Lautwörter zu emotionalen Gesamtbildern verdichten.

Ein Mosaik aus Reizen

Das heisst nun aber nicht, dass diese Musik uns zur Versenkung einlädt. Im Gegenteil wirkt sie auch darum so frisch, weil sie gar nicht versucht, subtil zu wirken. Auf eine eingängige Hook folgt ein harter Bruch, die Sounds und Samples reiben sich aneinander, und vor Trash schreckt diese Band sowieso nicht zurück. Ein Song von Jeans for Jesus gleicht einem Mosaik aus einzelnen Reizen, die sich nie vollständig in ein Ganzes einfügen. Dazu passen auch die Songtexte, die sich zwischen nachlässiger Dichtung und scharfen Punchlines bewegen. Da gibt es zum Beispiel den Song «mango mango» über einen weichen Mann, wo das Wort «Mango» in der Hook einfach zu «go man go» wird. Irgendwie albern. Aber irgendwie auch saugut.

Live in: Bern Dachstock, Sa, 7. März 2020; Basel Kaserne, Do, 2. April 2020; Zürich Exil, Sa, 18. April 2020; Lausanne Bleu Lézard, Do, 23. April 2020.

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