Jazz: Bodenlose Lücken

Nr. 3 –

Diesen Artikel hören (2:45)
-15
+15
-15
/
+15
Album-Cover «Vesper Sparrow» von JJJJJerome Ellis
JJJJJerome Ellis: «Vesper Sparrow». Shelter Press. 2025.

Vielleicht ist das der elementarste Gedanke, den man sich zu Musik überhaupt machen kann: Es ist die Stille, die alle Musik ermöglicht und schützt. JJJJJerome Ellis erzählt gerade, wie immer wieder auf diesem Album, von der eigenen Arbeitsweise, genauer der Granularsynthese. Bei diesem Verfahren wird Klang in sehr kurze Fragmente zerteilt, quasi akustische Pixel, die beliebig kombiniert und bearbeitet werden. Die so von Ellis erzeugten Klangflächen tragen unverkennbare Spuren ihres Ursprungs – Flöten, Hackbrett oder Saxofon –, klingen aber auf eine Weise fremd und entrückt, wie nur ein Computer sie erzeugen kann: eine Art digitales New Age. Als definierter Raum zwischen den Fragmenten ist die Stille vollends kontrollierbar, doch für Ellis zeigt sie sich auch als Kontrollverlust, der gemeinhin als Behinderung gilt: Ellis stottert.

«Vesper Sparrow» heisst das Album, zwischen Ambient, Jazz, Spoken Word, Gospel und Audioessay ist es nur schwer zu verorten. Was sofort fasziniert: Es ist genau so intellektuell wie bewegend, dringlich wie tief gelassen. Ellis, unter anderem Saxofonist:in, Komponist:in und eine Weile Dozent:in für Sounddesign in Yale, beginnt mit einem Satz, der als ästhetisches Programm fungiert: «A stutter c…c…can be a musical instrument», das Stottern als musikalisches Mittel, verstanden als Lücke, die das Zeitkontinuum unerwartet bricht, einen Raum für neue Möglichkeiten aufreisst.

Dieses Prinzip reicht auf dem Album von der Klangtextur bis zur Dramaturgie. Das vierteilige Stück «Evensong», in dem sich das Bisherige abspielt, bildet den Rahmen. Nach Teil zwei bricht ein Satz ab: «Wenn ich ein Musikstück schreibe …» Das Stottern öffnet hier auch ein Zeitportal in Schwarze Geschichte: Das Herz bilden zwei umwerfende Versionen des Gospels «His Eye Is on the Sparrow», geschrieben 1905, einmal mit Jazzklavier und eindringlichem Gesang («Vesper Sparrow»), einmal mit Orgeldrones, eine Hommage an die Grossmutter und Kirchenorganistin, und suchend-explosivem Saxofonsolo («Savannah Sparrow»). Danach ist die Stille eine andere.