Comic: Kurze Zündschnüre am Buffet
Die Ärmste von allen ist Frau Spar, die nicht einmal zur Familie gehört. Die Gastgeberin hatte sie kurz zuvor spontan an die jährliche Familienfeier eingeladen, und wie das so ist, konnte sie irgendwie nicht Nein sagen. Also sitzt sie nun inmitten der versammelten Familienmitglieder, die grösstenteils auch lieber woanders wären: die Kinder und deren Gatt:innen und wiederum deren Kinder, der «lustige Onkel» (Selbstbezeichnung, in Wahrheit eher der übergriffige Onkel), ein Hund.
«Saloon» heisst der zweite, grossartig grausame Comic von Mia Oberländer über eine Familienfeier, die zunehmend aus dem Lot gerät. Der Schauplatz: ein Haus irgendwo in einer surrealistisch anmutenden Westernwüste, durch die Züge aus Proseccoflaschen fahren und wo Werbetafeln Plattitüden verkünden («Der Klügere gibt nach!», «Lieber Arm ab als arm dran!»). Es ist der verschüchterte Sohn der Gastgeberin, der sich die meiste Zeit in Hundeform durch diese Szenerie schleicht, während sich seine Tochter verschanzt und sehnlichst auf ein SMS wartet. Der Onkel gibt derweil markige Sprüche von sich und verzieht sich bald in die Badewanne, die Gastgeberin eröffnet das alljährliche Meeresfrüchtebuffet. Und Frau Spar? Die heisst eigentlich anders, aber das interessiert hier jetzt wirklich niemanden.
So nimmt dieses zermürbende Schauspiel Familienfeier seinen Lauf, bis der Hund auf den Teppich kotzt (Fischallergie) und irgendwann die Krisenintervention an die Tür klopft. Was hilft gegen die jahrzehntelang eingeübten Streitmuster, die Provokationen, Selbstgefälligkeiten und kurzen Zündschnüre? Realistischerweise nicht gerade viel, also versucht man es mit Linedance oder dann, je eins gegen eins im Duell gegeneinander anzutreten. Oberländer zeichnet das eigenwillig und detailverliebt, geht genüsslich den Dynamiken nach, die wohl manchen unerträglich vertraut vorkommen mögen. Warum tut man sie sich immer wieder an? Falsche Frage: Spätestens nächstes Jahr sieht man sich wieder am Meeresfrüchtebuffet.
Ausstellung am Fumetto in Luzern, sic! Elephanthouse, 7.–15. März 2026. www.fumetto.ch.