Film: Schuld und Sühne

Nr. 48 –

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Filmstill aus «Kontinental ’25»: zwei Frauen auf der Strasse
«Kontinental ’25». Regie: Radu Jude. Rumänien 2025. Jetzt im Kino.

Es ist nicht ihre Schuld. Gerichtsvollzieherin Orsolya (Eszter Tompa) hat ihr Möglichstes getan, um Ion (Gabriel Spahiu) zu helfen. Einen Aufschub hat sie für ihn ausgehandelt, und bei der Suche nach einer neuen Bleibe hätte sie ihm auch geholfen. Nicht ihre Schuld, dass der arbeitslose Alkoholiker den Heizungskeller, in dem er haust, verlassen muss, weil das alte Gebäude im Zentrum von Cluj einem Boutiquehotel weichen soll. Nicht ihre Schuld, dass sich Ion in den zwanzig Minuten, die ihm zum Packen gewährt werden, mit einem Draht an einem Heizkörper erhängt.

Nicht ihre Schuld, und zumindest rechtlich habe sie sich nichts vorzuwerfen: So versichern es ihr die Kolleg:innen, Freund:innen und Bekannten, mit denen sich die schuldgeplagte Orsolya im Lauf von Radu Judes Film «Kontinental ’25» trifft. Und sie schildern ihre eigenen Erfahrungen mit jenen, denen halt nicht mehr zu helfen ist (und die besser wieder da hingingen, wo sie herkamen): Obdachlose, «Zigeuner», Ausländer, Ungarinnen. Ein Fahrradkurier lässt mittels blinkender Schrift auf seinem Rucksack alle wissen, dass er Rumäne ist. Ansonsten, erklärt Orsolyas ehemaliger Student, müsste er immer damit rechnen, angefahren zu werden.

Wo also noch Trost finden? Im Wissen, dass man sich rechtens verhalten hat und dass andere noch weniger Mitgefühl gezeigt hätten? Beim Pfarrer, der weiss, dass der Selbstmörder immer der Schuldige ist? Bei der ungarischen Mutter, für die Viktor Orbán kein Faschist sein kann, weil er ja demokratisch gewählt worden sei, und die die eigene Tochter, als sie widerspricht, als «Nutte» beschimpft? In den absurden Weisheiten des Zen, der die Erleuchtung in der Akzeptanz der Sinnlosigkeit zu finden hofft?

Oder eben im wütend-erleuchteten Humor von Radu Jude, der hier erneut mit minimalen Mitteln (und mit halb ironischer Reverenz an Roberto Rossellini) seinen Mittelfinger in die grotesken Wunden steckt, die der Spätkapitalismus (hier in der Variante EU-Osterweiterung) verursacht hat. Nicht unsere Schuld, aber wir haben es nicht anders verdient.