Auf allen Kanälen: Demokratie verdunkelt

Nr. 7 –

Jeff Bezos zieht der «Washington Post» sozusagen den Stecker. Seine Milliarden pumpt er jetzt in die Muskeln des Militärapparats.

Diesen Artikel hören (5:00)
-15
+15
-15
/
+15
Symbolfoto: ein Stromstecker

Als Jeff Bezos 2013 die «Washington Post» kaufte, rief er eine «neue goldene Ära» aus. Die Zeiten der Kürzungen müssten vorbei sein, sagte er beim ersten Treffen mit der renommierten Redaktion, sonst lande man «im besten Fall in der Irrelevanz und im schlechtesten Fall bei einer Auflösung». Bezos ging es damals zwar gewiss nicht allein um die Liebe zum Journalismus, doch zumindest wurde nach aussen hin ein Anspruch formuliert: Wer in der Medienlandschaft bestehen möchte, müsse mit Mut investieren.

In der vergangenen Woche nun gab Bezos – mit rund 230 Milliarden US-Dollar Vermögen einer der reichsten Menschen der Welt – bekannt, ein Drittel der gesamten Belegschaft der Zeitung zu entlassen. Allein im Newsroom sind 300 Festangestellte betroffen. Das Literaturressort, die Sportredaktion und der bekannteste Politpodcast: komplett eingestampft; die lokale Berichterstattung in Washington D. C.: rigoros verkleinert. Etlichen Auslandskorrespondent:innen wurde gekündigt. Auch in den Bereichen Klima, Tech und Gesundheit sind kaum noch Reporter:innen übrig. Von «einem der dunkelsten Tage in der Geschichte der Organisation» spricht der ehemalige Chefredaktor Martin Baron. Oder, um bei den Worten des Eigentümers zu bleiben: Bezos schrumpft seine eigene Zeitung Richtung Irrelevanz.

Noch nicht rechts genug?

Als Gründe für die Massenentlassungen nannte die Führungsspitze finanzielle Schwierigkeiten durch technologische Entwicklungen und verändertes Konsumverhalten. Chefredaktor Matt Murray stellte auch die Ausgewogenheit der eigenen Berichterstattung infrage: «Wir schreiben zu oft aus einer Perspektive, für einen Teil des Publikums.» Angesichts der internen und politischen Lage ist völlig klar, was er meint: Die Zeitung sei zu liberal, lautet die Botschaft, es brauche zum Ausgleich mehr konservative Perspektiven. Diese Aussage ist geradezu lächerlich, wenn man bedenkt, wie sehr die «Washington Post» in den vergangenen Jahren bereits nach rechts gerückt ist.

Während die Zeitung 2017, also zu Beginn von Donald Trumps erster Amtszeit, noch den Slogan «Democracy Dies in Darkness» (Demokratie stirbt in der Dunkelheit) einführte, steht Eigentümer Bezos heute ganz öffentlich an der Seite Trumps. Um diese Verschiebung zu verstehen, muss man Bezos’ gesamtes Geschäft betrachten, vor allem seinen Konzern Amazon, den marktdominierenden Onlinehändler und Cloud-Computing-Anbieter, und das Raumfahrtunternehmen Blue Origin.

Bezos will mit aller Macht Steuern und Regulierungen vermeiden. Als die Biden-Regierung 2022 forderte, Firmen wie Amazon müssten ihrer Abgabenpflicht nachkommen, reagierte er gereizt. Spätestens als Trump im Wahlkampf 2024 ankündigte, «feindliche» Unternehmen bestrafen und «freundliche» bevorzugen zu wollen, wird für Bezos klar gewesen sein, wen er unterstützt. Im Oktober 2024 verhinderte er eigenhändig, dass die Redaktion der «Washington Post» eine Wahlempfehlung für Trumps Konkurrentin Kamala Harris aussprach. Rund 250 000 Menschen kündigten daraufhin ihr Abo.

Kurz danach wurde bekannt, dass Amazon eine Dokumentation über Trumps Ehefrau Melania produzieren wird. Trumps Amtseinsetzung half Bezos mit einer Million US-Dollar vergolden, bei der Zeremonie sass er vorne mit dabei. Im Februar 2025 verkündete er, dass die Meinungsseite seiner Zeitung ab sofort nur noch Ansichten zulasse, die «persönliche Freiheiten und freie Märkte» unterstützten. Übersetzt: Wer ein Problem mit Trumps Klassenkampf von oben hat, muss leider woanders publizieren.

Noch nicht reich genug!

Für Bezos hat sich das Ganze gelohnt: In Sachen Steuern und Regulierungen wird er weitestgehend in Ruhe gelassen. Amazon hat seine Verträge mit der Abschiebebehörde ICE ausgebaut. Und erst vergangene Woche beglückwünschten er und «Kriegsminister» Pete Hegseth sich gegenseitig zur Kooperation zwischen Blue Origin und dem Pentagon.

Auch wenn vielen Zeitungen das Geld fehlt: Es ist keine gute Idee, wenn Überreiche die Kommunikationsinfrastruktur kontrollieren. Auch Patrick Soon-Shiong, Eigentümer der «Los Angeles Times», bat die Redaktionsleitung, nicht mehr so hart mit Trump umzugehen. Auf der Plattform X sind seit Elon Musks Übernahme Neonazis ausdrücklich eingeladen. Am Ende ziehen die meisten Milliardäre den Profit der Demokratie vor.