Kostet Klimaschutz zu viel?: Der angebliche Zielkonflikt

Nr. 5 –

Fast die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung hängt direkt von funktionierenden Ökosystemen ab. Trotzdem erklärt die Politik den Klima- und Umweltschutz immer noch zum ökonomischen Bremsklotz – ein teurer Trugschluss.

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Illustration von Franziska Meyer: ein gerahmtes Bild einer Wildbiene

Da sassen sie also bei der Abschlusszeremonie, die Delegierten aus 190 Staaten, und applaudierten sich selbst. Nur zaghaft immerhin. Die letztjährige Konferenz der Vertragsparteien des Uno-Klimarahmenübereinkommens (COP30) war ein kolossaler Flop. Ein verbindlicher Fahrplan für den Ausstieg aus den fossilen Energien kam nicht zustande.

Auch in der EU gilt zwar weiterhin das Ziel einer Emissionsreduktion um neunzig Prozent bis 2040, doch das Paket wurde stark verwässert und soll künftig alle zwei Jahre revidiert werden – natürlich nach unten. Länder wie Polen, Tschechien, Italien oder Frankreich bremsten ambitionierte Klimaziele mit Verweis auf zu hohe Belastungen für die Industrie aus. Der deutsche Kanzler Friedrich Merz warnte im Bundestag vor einer Klimapolitik, die «die industrielle Basis des Landes gefährdet oder gar zerstört» und «den Wohlstand aufs Spiel setzt». Und in der Schweiz argumentieren die Gegner:innen der Klimafonds-Initiative, die im März zur Abstimmung kommt (siehe WOZ Nr. 4/26), der Bund könne sich die Investitionen in den Klimaschutz nicht leisten.

Egal wo: Klima- und Umweltschutz gelten als Kostenfaktor, als Quelle höherer Produktions- und Betriebskosten, als vermeintlicher Wettbewerbsnachteil, als angeblicher Gegensatz zu wirtschaftlichem Erfolg. Dieses Zielkonflikt-Narrativ prägt sowohl die politischen Debatten als auch die öffentliche Wahrnehmung. Es ist jedoch nachweislich falsch.

Der wahre Dienstleistungssektor

Rund die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung – geschätzte 44 Billionen US-Dollar – hängt direkt von Leistungen der Natur ab. Das macht sogenanntes Naturkapital zum wohl wichtigsten Fundament moderner Volkswirtschaften. Intakte Ökosysteme liefern Rohstoffe, regulieren das Klima, reinigen Wasser, schützen vor Naturgefahren. Allein die Bestäubung durch Insekten wird weltweit mit mehreren Hundert Milliarden Dollar pro Jahr bewertet. In der Schweiz beläuft sich allein der geschätzte Wert der Bestäubung durch Wildbienen auf 271 Millionen Franken pro Jahr. Ohne diese Insekten würden Ernten einbrechen, was vor allem die Landwirtschaft hart träfe.

Intakte Wälder und Feuchtgebiete filtern Niederschlags- und Grundwasser, was gewaltige Ausgaben für teure Wasseraufbereitung spart und ohnehin durch keine Technologie der Welt künstlich zu ersetzen wäre. Mangroven und Auengebiete bieten kostengünstigen Hochwasserschutz, Korallenriffe schaffen Fischgründe und Tourismuseinnahmen.

Selbst das World Economic Forum listet den Biodiversitätsverlust als zweithöchstes Risiko für die Weltwirtschaft in den nächsten zehn Jahren. So schrieb die durch und durch neoliberale Organisation 2020: «Der Verlust der biologischen Vielfalt ist für die Wirtschaft und die Menschheit ebenso alarmierend wie für die Umwelt. Business as usual kann nicht weitergehen.»

Hinzu kommen die exorbitanten Schäden durch Extremereignisse. Allein in der EU summierten sich Klima- und Unwetterschäden zwischen 1980 und 2024 auf 822 Milliarden Euro, wobei die vergangenen vier Jahre alle zu den fünf teuersten seit Beginn der Erhebungen zählen. Studien schätzen, dass jeder in den Klimaschutz investierte US-Dollar Verluste oder indirekte Folgen von Katastrophen in Höhe von bis zu zehn US-Dollar oder mehr verhindert.

Wie man es auch dreht: Ein ungebremster Klimawandel sowie der Kollaps zentraler Ökosystemleistungen würden das globale Bruttoinlandprodukt (BIP) massiv schrumpfen lassen. Eine Studie im Fachjournal «Nature» prognostiziert bis 2050 bei einem Szenario ohne zusätzliche Klimaschutzmassnahmen einen Rückgang des globalen BIP von bis zu neunzehn Prozent. Für die Schweiz beziffert der Bund die Kosten eines Nichthandelns bis 2050 auf rund 38 Milliarden Franken pro Jahr, rund vier Prozent des nationalen BIP.

Ob Wirtschaftswachstum überhaupt ein erstrebenswertes Ziel ist, sei für den Moment dahingestellt. Es gibt gute Argumente für Degrowth – sehr gute. Dem Einwand, dass unendliches Wachstum auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen nicht funktionieren kann, lässt sich schwer widersprechen. Doch auch Wachstumskritiker:innen dürften sich einig sein, dass eine durch kollabierte Ökosysteme erzwungene Schrumpfung der Wirtschaft nicht das Ziel sein kann.

Nach dem Verursacherprinzip

Dass Naturkapital von zentraler Bedeutung ist, ist keine neue Erkenntnis. Seit den späten neunziger Jahren arbeitet eine wachsende Gruppe von Ökonom:innen daran, seinen Wert zu beziffern und in politische wie wirtschaftliche Entscheidungen zu übersetzen. Der britische Umweltökonom Partha Dasgupta bündelt drei Jahrzehnte Forschung in seinem kürzlich erschienenen Buch «On Natural Capital» wie folgt: «Wir haben systematisch den Ertrag durch Investitionen in Naturkapital unterschätzt und den Ertrag von produziertem Kapital überschätzt – mit der Folge, dass sich Letzteres anhäuft, während Ersteres fortschreitend zerstört wird.»

Bernd Hansjürgens, Umweltökonom am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig, beschäftigt sich seit zwanzig Jahren mit der Bewertung und der Inwertsetzung der Natur. Er erklärt, dass «Bewertung» die Monetarisierung von Naturleistungen meint, «Inwertsetzung» hingegen deren systematische Berücksichtigung in Entscheidungen, die sie betreffen. Und zwar auf allen Ebenen – von Lieferketten von Unternehmen über die Raumplanung von Gemeinden bis hin zur nationalen Gesetzgebung. Der Ansatz ist anthropozentrisch: Die Natur wird nicht um ihrer selbst willen bewertet, sondern nach ihrem Nutzen für den Menschen.

Kritiker:innen dieses Ansatzes monieren, die Natur auf einen Preis zu reduzieren, suggeriere, sie sei käuflich und letztlich ersetzbar. Der Ökonom hält dagegen, Naturschutz werde oft erst dann politisch wirksam, wenn Kosten und Nutzen sichtbar würden. So gehe es auch nicht um exakte Zahlen, sondern darum, Leistungen wie Klimaregulation, Grundwasserneubildung oder Bodenfruchtbarkeit überhaupt erst in wirtschaftliche und politische Abwägungen einzubeziehen. «Lieber eine Bewertung als gar keine – sonst überlassen wir das Feld jenen, die ausschliesslich über Gewinnmaximierung sprechen», sagt Hansjürgens.

Bewertungsansätze seien zwar unvollkommen und mit Unsicherheiten behaftet, sagt Hansjürgens, böten aber wichtige Orientierung – etwa um den Nutzen eines Bauprojekts gegen den Verlust von Natur und Ökosystemleistungen abzuwägen und Schäden den Verursacher:innen zuzuordnen. Zentral sei dabei die Internalisierung externer Kosten: Wenn ein Unternehmen etwa Schadstoffe in die Luft oder ins Wasser freisetzt, gelten die dadurch entstehenden Schäden als externe Kosten, weil sie nicht vom Unternehmen getragen, sondern auf Gesellschaft, Umwelt und künftige Generationen abgewälzt werden. Der tatsächliche Wert der Güter und Dienstleistungen, die die Natur bereitstellt, wird in den Preisen nicht abgebildet. Ihre Zerstörung und Übernutzung bleibt ökonomisch unsichtbar.

Schnelles Geld gewinnt

Wenn der ökonomische Wert der Natur aber eigentlich bekannt und quantifizierbar wäre, warum gilt Klimaschutz dann immer noch als wirtschaftlicher Bremsklotz? Ein Teil der Antwort liegt in der Kurzfristlogik vieler Debatten. Energieeffizienz- und Dekarbonisierungsmassnahmen verursachen zunächst Investitionskosten: neue Technologien, umgestellte Produktionsprozesse, höhere Anfangsausgaben. Für einzelne Betriebe kann das kurzfristig sinkende Produktivität und geringere Gewinne bedeuten.

Eine aktuelle Untersuchung zeigt zudem, dass Unternehmen, die mit neuen Auflagen wie etwa CO₂-Preisen oder strengeren Emissionsgrenzen konfrontiert werden, zunächst höhere Fremdkapitalkosten tragen müssen. Banken preisen regulatorische Risiken ein, Kredite werden teurer. Doch dieselbe Studie zeigt auch: Sobald Firmen als anpassungsfähig gelten oder als potenzielle Gewinner der Transformation wahrgenommen werden, kehrt sich der Effekt um. Teuer ist für die Unternehmen also weniger der Klimaschutz selbst als die Unsicherheit einer inkonsistenten, schwer kalkulierbaren Klimapolitik.

Eine Studie des Wirtschaftsprüfungsgiganten Deloitte kommt gar zum Schluss, dass Klimaschutz- und Dekarbonisierungsmassnahmen für Unternehmen «erhebliche wirtschaftliche Vorteile» bringen. Firmen mit einer konsequenten Nachhaltigkeitsstrategie seien widerstandsfähiger gegenüber Rohstoffpreisschwankungen, künftigen Regulierungen und absehbaren CO₂-Kosten. Zugleich senkten sie durch effizientere Systeme und Prozesse ihre laufenden Betriebskosten – Energieeffizienz spart Geld.

Doch gerade in grossen Konzernen dominiert kurzfristiges Denken: Investoren drängen auf schnelle Gewinne, und Topmanager bleiben meist nur wenige Jahre in ihren Jobs. Hinzu kommt, dass ihre Boni oft an den Unternehmensgewinn gekoppelt sind und ein Teil ihres Gehalts in Aktien ausbezahlt wird. So wird das Maximieren schneller Renditen belohnt – auf Kosten langfristiger Nachhaltigkeit.

Neben den kurzfristigen Interessen grosser Konzerne, die Fortschritte blockieren, gibt es ein noch tiefer liegendes Dilemma: «Für Menschen, Unternehmen oder Staaten besteht ein Anreiz zum Trittbrettfahren», sagt Sabrina Eisenbarth, die an der Universität St. Gallen zur nachhaltigen Bewirtschaftung erneuerbarer Ressourcen forscht. «Man wartet darauf, dass andere die Kosten für den Klimaschutz tragen.»

Besonders deutlich zeigt sich das beim Waldschutz. Wälder speichern ungefähr 860 Gigatonnen Kohlenstoff und nehmen jährlich fast 16 Milliarden Tonnen CO₂ auf. Beim aktuellen Preis von rund 88 Euro pro Tonne im EU-Emissionshandel entspricht das einem Wert von 1,4 Billionen Euro und somit über einem Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Global gesehen ist Waldschutz somit eindeutig wirtschaftlich sinnvoll. Lokal verursacht er jedoch sogenannte Opportunitätskosten. «Wer Wald stehen lässt, verzichtet oft auf lukrative alternative Nutzungen wie industrielle Landwirtschaft – im Amazonas ebenso wie in vielen anderen Regionen der Welt», sagt ­Sabrina ­Eisenbarth.

Lokale Opportunitätskosten

Klimaschutz funktioniert somit umgekehrt zur Umweltzerstörung: Der Nutzen fällt global an, die Kosten jedoch werden auf wenige Schultern vor Ort verteilt. Jene wenigen hingegen, die die Umwelt zerstören, streichen die dadurch entstehenden Gewinne selbst ein und wälzen die Schäden auf die Allgemeinheit ab.

Eine Lösung laut Sabrina Eisenbarth: gezielte Anreize. Instrumente wie Zahlungen für Ökosystemleistungen sollen private Interessen mit dem Gemeinwohl verzahnen. Wer Wald erhält, solle etwa für die Bindung von CO₂ entlöhnt werden, sodass Schutz ökonomisch attraktiver werde als Abholzung. Solche Modelle existierten bereits, seien jedoch anspruchsvoll in der Ausgestaltung.

Eisenbarth arbeitet am britischen Projekt «Net Zero Plus» mit: Grossbritannien will bis 2050 «netto null» erreichen – und hundert Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr aktiv aus der Atmosphäre entfernen. «Das Projekt setzt insbesondere auf die Kohlenstoffspeicherung in Wäldern, die grosses Potenzial birgt und in der Regel günstiger ist als Carbon-Capture-Technologien», sagt Eisenbarth.

Klimaschutz erscheint hier nicht als Wohlstandsrisiko für einzelne Landbesitzer:innen – sondern als Investition: in neue Industrien, Arbeitsplätze, regionale Wertschöpfung. Selbst wer der herrschenden Form des Kapitalismus und dem Mantra des ewigen Wachstums uneingeschränkt vertraut, muss erkennen: Substanzielle Investitionen in den Umwelt- und Klimaschutz sind nur schon aus nüchtern ökonomischer Perspektive unumgänglich.

Der Klimawandel wirkt tief in Wirtschaft, Gesundheit und Gesellschaft hinein. Extremereignisse mindern die Produktivität, stören Lieferketten, erschweren Investitionen. Krankheiten nehmen zu, Ernteausfälle verschärfen Unterernährung. Sozioökonomisch benachteiligte Gruppen sind stärker exponiert und schlechter geschützt. Überschwemmungen, Dürren, Meeresspiegelanstieg und Wasserknappheit treiben Menschen in die Flucht, es wachsen die Risiken für Konflikte und humanitäre Krisen.

Umso heuchlerischer ist die Rhetorik jener Politiker:innen, die Wachstum beschwören, Migration verteufeln und zugleich ein entschiedenes Handeln im Klimaschutz blockieren. Im Namen der Wirtschaft schützen sie die Interessen einiger weniger Grossunternehmen und untergraben genau jene ökonomische Zukunftsfähigkeit, die sie zu verteidigen vorgeben. Der angebliche Zielkonflikt zwischen Klimaschutz und «Wirtschaft» ist kein Naturgesetz. Er ist politisch gemacht. Und politisch überwindbar.