Ukraine: Keine Schule, keine Ärztin, kein Wasserhahn

Nr. 5 –

In Transkarpatien, im Südwesten der Ukraine, leben viele Rom:nja, die keine Geburtsurkunden oder andere offizielle Dokumente besitzen. Unterwegs mit Aktivist:innen, die versuchen, das zu ändern.

Rada Kalandia feiert mit geflüchteten Rom:nja am 7. Januar Weihnachten in ihrem Aufnahmezentrum
«Die Rom:nja leben hier wie in einem Ghetto, die Diskriminierung ist zehnmal schlimmer als bei uns im Donbas»: Rada Kalandia (Mitte) eröffnete in Mukatschewo ein ­Aufnahmezentrum für geflüchtete Rom:nja – und feiert mit ihnen am 7. Januar Weihnachten.
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Diana Balog schreibt ihre Adresse auf meine Hand. Wir begegnen uns im Stadtzentrum, keine von uns hat ein Stück Papier. Die Buchstaben sind schräg, der Strassenname kaum lesbar. Trotzdem finde ich sie im Rom:njaviertel der Stadt, dem sogenannten Tabor, in dem die 26-Jährige mit ihrer Familie lebt.

Es ist eine der Seitenstrassen dieses Stadtteils von Mukatschewo, einer Stadt in Transkarpatien, ganz im Südwesten der Ukraine. Balog empfängt mich in einem Zimmer, das höchstens acht Quadratmeter gross ist. Über dem Bett, das der ganzen fünfköpfigen Familie zum Schlafen dient, hängen Porträts von Balog und ihrem Partner. Er zeichnet gerne, arbeitet aber in der Stadtreinigung – wie viele Rom:nja. Als Zeichen der Dankbarkeit hat die Stadt sogar ein Denkmal gestiftet: Es zeigt einen Rom mit einem Besen. Balog ist nicht erwerbstätig – jemand muss sich um die drei Töchter kümmern. Die Familie besitzt nicht viel: einen Kleiderschrank und einen Metallofen. In der kleinen Küche nebenan stehen ein Tisch und ein paar Stühle. Auf dem Herd ein Topf mit Nudeln, ohne Sauce.

Es gibt weder fliessendes Wasser noch Strom. Der Stromversorger behauptet, die Familie sei mit einer Rechnung von 70 000 Hrywnja, fast 1300 Franken, im Rückstand. Balog weiss nicht, ob sie so viel verbraucht haben. Die Stromzähler sind so hoch oben auf dem Strommast installiert, dass niemand überprüfen kann, ob die Rechnungen überhaupt stimmen. Die Firma stellte den Strom ab und forderte die Schulden ein. Eine Weile lebte die Familie im Dunkeln. Dann einigte sie sich mit einem Nachbarn und verlegte eine Leitung zu ihm.

Vor einem Jahr dachte Balog noch, ihr Nachname sei Kulcsár. Mithilfe der vom UNHCR finanzierten NGO Neeka kam sie an ihre Geburtsurkunde, aber ihr Nachname stimmte nicht mit dem ihrer Mutter überein. Nach der Heirat hiess ihre Mutter Balog, sie hatte die Tochter aber auf ihren Ledignamen registriert. Aber jetzt ist alles klar, Balog holt ihren Ausweis aus dem Kleiderschrank. Auch wenn sie nicht gut schreiben kann, lesen kann sie.

Diana Balog sitzt auf einem Bett und zeigt ihre Geburtsurkunde
Diana Balog dachte vor einem Jahr noch, ihr Nachname sei Kulcsár. Dank der NGO Neeka kam sie an ihre Geburtsurkunde und hat nun einen korrekten Ausweis.

Beweisen, dass man existiert

«Es gibt zwei wichtige Dokumente im Leben eines jeden Bürgers», erklärt Anwalt Roman Bigunets im Neeka-Büro in der Innenstadt von Mukatschewo. «Eine Geburtsurkunde, die einem seine Identität verleiht, und einen Personalausweis, der die Staatsbürgerschaft bestätigt.» Ohne das eine bekommt man auch das andere nicht. Für viele Rom:nja ist jedoch der einzige Nachweis ihrer Existenz ein Eintrag in den Spitalakten. Darin stehen nur Geburtsdatum und Geschlecht des Kindes. Der ukrainische Staat scheint es eigentlich mit der Bürokratie nicht allzu streng zu nehmen. Eine Geburtsurkunde lässt sich im ersten Lebensjahr des Kindes problemlos beantragen. Danach benötigen die Eltern eine Bescheinigung des Hausarztes und eine Wohnsitzbescheinigung. Rom:njasiedlungen – ganze Dörfer – sind aber oft nicht registriert.

Einen Personalausweis erhält man bereits ab vierzehn Jahren. Bis achtzehn ist es einfach, danach muss man eine Identitätsprüfung durchlaufen. Zeug:innen müssen schriftlich bestätigen, dass man die Person ist, für die man sich ausgibt. «Nur sind diese Menschen oft Analphabeten», gibt Bigunets zu bedenken. «Sie müssen einen Anwalt bevollmächtigen, ein solches Schreiben zu erstellen.» Staatsbürger:innen haben Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung, aber viele Rom:nja besitzen ja keinen Ausweis, der ihre Staatsbürgerschaft bestätigt.

Rom:nja in Transkarpatien

Mukatschewo ist mit 85 000 Einwohner:innen die zweitgrösste Stadt Transkarpatiens im Südwesten der Ukraine. Eingebettet in die Karpaten, an der Grenze zu Ungarn, der Slowakei und Rumänien, beherbergt diese Region die grösste Rom:njabevölkerung des Landes.

Die transkarpatischen Rom:nja sind vielfältig. Jene in Mukatschewo bezeichnen sich selbst als ungarische Rom:nja. Ungarisch ist ihre Muttersprache, Ukrainisch spricht kaum jemand. Vor 1918 gehörte Transkarpatien zu Österreich-Ungarn. 1920 fiel es an die Tschechoslowakei, 1939 wurde es von Ungarn besetzt und 1946 an die Ukrainische Sozialistische Republik abgetreten, die Teil der Sowjetunion war.

Im Jahr 2023 startete in Mukatschewo ein Pilotprojekt zur Dokumentation der Rom:nja. Initiiert wurde es vom Roma Women’s Fund Chiricli, der wohl wichtigsten Rom:njaorganisation in der Ukraine, mit Hauptsitz in Kyjiw. Der ukrainische Ombudsmann und die NGO Neeka, die die Rechtsberatung anbietet, sind beigetreten. Mukatschewo wurde bewusst gewählt: Das dortige Tabor ist das bevölkerungsreichste im Land. Bis zu 12 000 Menschen leben dort, viele ohne klaren Aufenthaltsstatus. Mediator:innen von Neeka und Chiricli begannen, nach papierlosen Rom:nja zu suchen. Sie sammelten 304 Bewerbungen. Bis heute haben 158 Menschen ihre Dokumente erhalten, die übrigen warten noch darauf.

Keine von Diana Balogs drei Töchtern hat eine Geburtsurkunde. Sie werden zum Glück selten krank; ohne Identifikationsnummer, die man mit der Geburtsurkunde erhält, gibt es ärztliche Versorgung nur im Notfall. Balog brachte alle drei Kinder per Kaiserschnitt zur Welt. Der Arzt im Spital sagte, sie könne wegen einer Krankheit nicht natürlich gebären. Sie weiss nicht, welche Krankheit er meinte. Sie hatte ohnehin kein Mitspracherecht. Die älteste Tochter soll bald eingeschult werden – und ohne Papiere kann man offiziell nicht in die Schule, auch wenn es die Schulleitung nicht so genau nimmt. Deswegen meldete sich Balog für das Projekt an.

Alex Rác spielt mit einem Fohlen im Schnee
Alex Rác spielt mit einem Fohlen. Auch im Tabor in Uschhorod leben viele Rom:nja ohne gültige Dokumente.

Wie viele Rom:nja gibt es?

Viele Rom:nja beantragen keinen Personalausweis. Theoretisch benötigt man dafür nur die Geburtsurkunde und eine Wohnsitzbescheinigung. Die Behörden verlangen jedoch von den Rom:nja auch die Personalausweise der Eltern und erheben zusätzliche Gebühren, um diese Hürde zu überspringen. Junge Menschen haben oft keine Möglichkeit, die Behörde aufzusuchen, weil die Mutter im Ausland lebt, ihre Dokumente verloren hat oder gestorben ist. Die Beamt:innen können auch den Ausweis verweigern. «Das ist eigentlich nicht legal», sagt Bigunets. «Aber die Verweigerung erfolgt mündlich, und einem Rom glaubt leider sowieso niemand.»

Selbst wenn man Dokumente besitzt, sind diese oft fehlerhaft. In Spitalakten verwenden Mütter oft die in ihrer Gemeinde übliche Koseform anstelle ihres richtigen Namens. Fehlende Kompetenzen im Umgang mit der Bürokratie seien Teil des Problems, so Bigunets. «Aber nicht nur die Roma sind schuld», betont er. Die Beamt:innen scheinen ständig Fehler bei den Nachnamen der Rom:nja zu machen. «Wir hatten einen Mandanten, der dreimal im Gefängnis sass. Sein Name wurde jedes Mal anders geschrieben.» Er seufzt. «Erstaunlich, dass eine Person, deren Identität nicht ganz klar ist, so einfach ins Gefängnis gebracht werden kann. Gerichte wollen aber jemanden schnell hinter Gitter bringen, und am einfachsten geht das leider mit den Roma.»

Niemand weiss, wie viele Rom:nja in der Ukraine leben. Die letzte Volkszählung von 2001 ergab 47 587 Personen. Dass diese Zahl zu niedrig ist, steht fest. Chiricli schätzt, dass 30 000 Rom:nja keine Dokumente besitzen. János Jónás, der einzige Rom:njaabgeordnete aus Mukatschewo, glaubt, dass die Behörden die Rom:njabevölkerung absichtlich zu tief einschätzen. Denn wenn es offiziell mehr Rom:nja gäbe, müssten sie auch in der Regierung vertreten sein. Der Europarat schätzt die Zahl auf 250 000 bis 400 000. Jónás hält dies für übertrieben, denn je mehr Rom:nja, desto mehr Geld könne mit Rom:njaprojekten gemacht werden. «Nicht die NGOs sollten für unsere Dokumente zuständig sein, sondern der Staat. Aber je länger das Verfahren dauert, desto besser für die Anwälte, also ziehen sie es in die Länge.»

Jónás ist 48 Jahre alt und seit fünfzehn Jahren Abgeordneter. «Das ist der Mann, der uns hilft», sagt ein Jugendlicher, der zufällig vor dem Café steht, in dem wir uns zum Gespräch treffen. Der vierzehnjährige Károly Lakatos, genannt Karcsi, lebt mit seinen acht Geschwistern im Tabor. Die Mutter ist im Ausland, der Vater schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Sie haben kein Wasser, aber Strom. Ich frage Jónás, ob er diesen Jungen kenne. Er betont: «Ich kenne jeden im Tabor vom Sehen.» Selbst lebt er nicht dort.

Auch die fünfzigjährige Rada Kalandia lebt nicht im Tabor, aber sie ist auch keine Einheimische. Nach dem Überfall Russlands harrte sie zwei Wochen lang in ihrem Keller in Wuhledar in der Ostukraine aus. Der Beschuss war unerbittlich. Chiricli organisierte ein Auto und holte die ganze Familie heraus, alle bis auf Kalandias Mann. Edward blieb zurück. «Ich habe mit diesen Händen Menschen begraben», sagt er und streckt sie aus. An einem Finger steckt ein Siegelring mit einem Rubin. «Wir haben die Karussells auf dem Spielplatz abgebaut, die Toten nicht tiefer als einen Meter vergraben. Nach dem Krieg müssen sie exhumiert werden.» Es ist nicht sein erster Krieg. Edward war zwölf, als er während des Georgisch-Abchasischen Krieges 1992 in abchasische Gefangenschaft geriet.

Transkarpatien ist die sicherste Region der Ukraine, nah an Ungarn, das sich mit dem Kreml gut stellt. Luftalarm ertönt selten, es gibt keine Sperrstunde. Deshalb strömen Geflüchtete aus dem Osten hierher, darunter auch Kalandias Familie. In Wuhledar hatte sie in der Organisation Romen gearbeitet und half Geflüchteten aus dem Donbas. Sie beschloss, auch in Transkarpatien aktiv zu werden, zumal während des Krieges die Diskriminierung nicht aufhört. «In Dnipro wollten sie uns nicht in den ukrainischen Evakuierungszug lassen», erzählt sie. «Die Kondukteurin meinte, es sei kein Platz mehr. Wir drängten uns einfach in den Zug. Der Waggon war leer.»

Im äussersten Westen der Ukraine

Karte der Westukraine mit umliegenden Ländern
Karte: WOZ

Zeichen von Rassismus

Im Gebäude des Restaurants Feniks in Mukatschewo eröffnete Kalandia ein Aufnahmezentrum für geflüchtete Rom:nja. Als wir da sind, feiern sie gerade Weihnachten. Auf dem Tisch stehen Kuchen, eingelegter Hering und Sülze. Es ist der 7. Januar. Die orthodoxe Kirche der Ukraine führte 2023 eine Kalenderreform durch, seitdem feiert man Weihnachten im Dezember. «Für uns wurde Jesus am alten Datum geboren», sagt Konstantin Kuznitsow, ein Rom aus Slowjansk. Sein Haus steht noch, ukrainische Soldaten leben dort. «Auf den Sieg!», ruft der 61-jährige Kuznitsow und hebt sein Glas.

In Mukatschewo erlebte Kalandia einen Kulturschock. «Die Rom:nja leben hier wie in einem Ghetto, die Diskriminierung ist zehnmal schlimmer als bei uns im Donbas.» Bald begann sie, als Mediatorin von Chiricli nach papierlosen Rom:nja zu suchen. Für die schlechte Lage macht sie Jónás mitverantwortlich. Sie behauptet, er erpresse Geld von den Rom:nja und verspreche ihnen, Dokumente zu besorgen. Auch der Anwalt Roman Bigunets erwähnt, gefälschte Geburtsurkunden gesehen zu haben. Jónás sagt, er habe nichts damit zu tun, und wirft Kalandia vor, sich in fremde Angelegenheiten einzumischen. In einem Punkt sind sie sich allerdings einig: In Rom:njaprojekten sollte man Rom:nja anstellen. Doch Neeka ist keine Rom:njaorganisation, die einzige Mediatorin für Rom:njafragen ist eine Ungarin, die mit einem Rom verheiratet ist. Jónás kritisiert: «Seit Neeka sich mit Romafragen befasst, haben unsere NGOs kaum eine Chance auf Fördermittel.» Bigunets erwidert: «Viele dieser Fälle können nur von Anwälten bearbeitet werden. Ob es uns gefällt oder nicht, ukrainische Gerichte hören leider nur auf uns.»

Streit gibt es auch über die Definition. Wie sollen ukrainische Rom:nja kategorisiert werden? Neeka spricht von «undokumentierten Personen». Das UNHCR und das Europäische Netzwerk Staatenloser sprechen lieber von «Staatenlosigkeit». Rom:nja-NGOs kritisieren diesen Begriff. Kalandia sieht darin eine Gefahr: weil man damit die Ukraine von ihrer Verpflichtung entbinden würde, sich mit den Problemen ihrer Rom:njabevölkerung auseinanderzusetzen. «Das sind Bürger:innen der Ukraine, die keine Papiere haben. Wir müssen alles dafür tun, dass sie es auch auf dem Papier sind.» Rechtlich sind alle Bürger:innen gleich, in der Praxis sind sie es nicht. Kalandia spricht von «ungleicher Staatsbürgerschaft».

Dass staatliche Behörden von Rom:nja zusätzliche Dokumente oder Geld verlangen, ist für sie ein klares Zeichen von Rassismus. Julia Taips, die stellvertretende Bürgermeisterin Mukatschewos, widerspricht. Die Ukraine teile ihre Bürger:innen nicht nach Nationalität ein, versichert mir die 34-Jährige, die selbst deutscher Abstammung ist. Tatsächlich hat die Ukraine aufgehört, in Geburtsurkunden die Nationalität anzugeben, eine Praxis, die in der Sowjetzeit üblich war. Auch wenn man in Mukatschewo von einer «Romaschule» spricht, ist das einfach eine Schule mit Ungarisch als Unterrichtssprache – eine von zweien in der Stadt, erklärt mir Taips. Da sie in der Nähe des Tabors liegt, schicken die meisten Rom:nja ihre Kinder dorthin. Taips vermeidet das Wort «Tabor», sie spricht von «kompakter Siedlung». «Tabor» bezeichnete ursprünglich eine Gruppe von gemeinsam reisenden Rom:nja und ist kein offizieller Begriff auf dem Stadtplan. Seit 1956 wurden Rom:nja in der gesamten Sowjetunion zwangsweise sesshaft gemacht.

«Ich habe mich unsichtbar gefühlt. Als ob ich gar nicht existierte», erzählt Anastasia Leskowska, genannt Nastia, die hüftlanges, glänzendes Haar hat, so schön, das es unecht aussieht. Die 24-Jährige wohnt in Tschop an der Grenze zur Slowakei. Auf dem Tisch duftet ein selbstgebackener Kuchen. Leskowska besass zwar eine Geburtsurkunde, die war aber nicht korrekt. Ihre Mutter, die selbst keine Dokumente besass, hatte die Tochter unter dem Ausweis einer fremden Frau angemeldet. Neeka fand die Mutter in Deutschland und ordnete einen Gentest an. Im Dezember erhielt Leskowska ihren Ausweis. Eine Kita hat die fünfjährige Tochter aufgenommen, obwohl ihre Geburtsurkunde noch nicht fertig ist.

Auch für die Infrastruktur sind Dokumente wichtig: Um ein Haus anzuschliessen, verlangen die Wasserwerke den Ausweis einer Eigentümer:in. Leskowska hat kein fliessendes Wasser. Sie wohnt eigentlich in einem anderen Haus. Dieses hier gehört ihrer Schwiegermutter, wie sie sagt – obwohl sie formell nicht verheiratet ist. Ihr eigenes traut sie sich uns nicht zu zeigen.

«Wir fokussieren uns bewusst auf Frauen. Denn eine Mutter ohne Papiere vererbt diesen Zustand an ihre Kinder», sagt Bigunets, der Anwalt. Rom:njaeltern leben meist in nichtregistrierten Partnerschaften, die Angaben über den Vater fehlen in Geburtsurkunden des Kindes. «Wenn die Mutter keine Dokumente hat, weil auch ihre Mutter keine hatte, muss man alles vom Anfang an klären», so Bigunets. Er sagt, dass sie bereits Dokumente von vier Generationen nachträglich ausstellen mussten.

Ferenc Lakatos flechet einen Korb, im Hintergrund liegt ein Kind auf einem Bett
Ferenc Lakatos, genannt Feri, wartet seit mehr als drei Jahren auf die Bestätigung seiner Identität.

«Es ist auch mein Land»

Ferenc Lakatos, genannt Feri, flicht Weidenkörbe. Mit einem verdient er 150 Hrywnja. Drei Stunden Arbeit: drei Franken. Trotzdem lohnt es sich für ihn. Sein Haus hat er auch selbst gebaut, ein Zimmer grün, eines orange. Ein Plastikweihnachtsbaum mit einer Lichterkette steht am Fenster. Seine Enkelin liegt auf dem Bett unter einer Decke. Lakatos legt Holz in den Ofen. Draussen sind es minus fünfzehn Grad. Der 54-Jährige lebt in Telek, einem Dorf mit soliden Häusern entlang der Strasse, das offiziell allerdings gar nicht existiert. Die örtlichen Rom:nja arbeiten auf den Feldern. Lakatos wohnt mit seiner Tochter und der Enkelin zusammen. Zum Glück haben die beiden Dokumente. Er selbst hatte nie einen Ausweis. Das Schlimmste daran: dass er nie legal arbeiten konnte. «Meine Mutter hat immer gesagt, wir würden das irgendwann regeln, aber dann ist sie gestorben, und das wars.» Viermal war sie verheiratet, und immer wieder hat sie ihren Nachnamen geändert. «Auf meiner Geburtsurkunde steht Pizsu. Anscheinend hiess sie aber Lakatos, als sie mich geboren hat. Also sollte ich auch Lakatos heissen.»

Lakatos ist eine Ausnahme im Projekt: Männer beantragen so gut wie nie Dokumente. Aus gutem Grund: Ohne Identifikationsnummer muss man nicht zum Militär. «Die Roma hatten schon Angst vor der Einberufung, bevor der Krieg im Donbas begann», sagt Bigunets. «Die Invasion hat alles nur noch verschlimmert.» Nun werden in der Ukraine Männer mit drei und mehr Kindern nicht eingezogen. Roma haben meist mehr, nur stehen sie nicht in ihren Papieren. Und viele Frauen melden sich als alleinerziehend, auch wenn sie einen Partner haben. «Wegen der Arbeitslosigkeit hoffen sie auf Sozialleistungen. Aber eben, ohne Papiere bekommt man sowieso keine.»

Lakatos hat sich bereits vor Beginn des Pilotprojekts an Neeka gewandt. Seit mehr als drei Jahren versuchen die Anwält:innen, seinen Fall zu lösen. Sie konnten bereits in den drei Dörfern, in denen die Familie lebte, bestätigen, dass eine Frau mit Nachnamen Lakatos einen Sohn namens Feri hatte. Lakatos gibt die Hoffnung nicht auf, seine wahre Identität zu erfahren. Ich frage ihn, ob er keine Angst habe, dass er, sobald seine Staatsbürgerschaft bestätigt sei, einberufen werden könne. Bis zu seinem 60. Lebensjahr kann es noch passieren. Nein, sagt er, dazu sei er bereit. «Die Ukraine ist schliesslich auch mein Land.»

Dieser Artikel wurde finanziell durch den Medienfonds «real21 – die Welt verstehen» unterstützt.