Literatur: Am Land festhalten
In einer wunderbar konkreten Sprache beschreibt die österreichische Autorin Clara Heinrich in «Pusztagold» einen Alltag zwischen Kunst, Landwirtschaft und der Pflege des kranken Partners.
Es gibt Klischees, die halten sich so hartnäckig, dass alles Dagegen-Anschreiben vergeblich wirken kann. Die Klischees etwa, die im deutschsprachigen Raum mit dem «Landleben» verbunden werden: romantisch, idyllisch, kitschig. Zurückgeblieben, dumm, reaktionär. Und ja, der Sprachraum spielt eine Rolle: In Spanien, Frankreich oder auch nur schon in der Romandie sind anarchistische und andere widerständige Traditionen auf dem Land denkbar, wenn nicht selbstverständlich. Aber in der Sprachzone, die vom Schweizer Röstigraben bis zur österreichischen Ostgrenze reicht, scheinen sich die Klischees nur immer wieder selbst zu bestätigen. «Vorsicht vor einer ‹Verklärung der guten alten Zeit› auf dem Land ist geboten»: Diese Absage bekommt die österreichische Autorin Clara Heinrich einmal, als sie sich für ein Projektstipendium bewirbt. Ziemlich dreist, wenn man Heinrichs Texte kennt. Sie haben nichts von einer solchen Verklärung.
Heinrich lebt nahe der östlichen Sprachgrenze, im Burgenland, das bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg zu Ungarn gehörte. Jahrhundertelang wurde hier nebeneinander Kroatisch, Ungarisch und Deutsch gesprochen. Landschaftlich gehört ihr Dorf Gols bereits zur ungarischen Steppe, der Puszta, in der Umgebung liegen flache, salzhaltige Seen, die sogenannten Lacken. In einer präzisen, manchmal lakonischen, wunderbar konkreten Sprache erzählt ihr Buch «Pusztagold» vom Versuch, aufs Land zurückzukehren und dort alles mit allem zu verbinden – und der Überforderung, die daraus folgt.
Der Opa sagt: Wir haben hier die meisten Sonnenstunden Österreichs und die grösste Vogelvielfalt und die grössten Windräder, wir sind Heimatort der Weinkönigin, die grösste Weinbaugemeinde Österreichs und Landessieger beim Kürbis-Wettbewerb.
Heinrich ist in einem renommierten biodynamischen Weinbaubetrieb aufgewachsen. Sehr jung verliess sie das Dorf, zog erst nach Wien, dann nach Berlin, fand neue Horizonte in der feministischen Theorie und der Kunst – aber, wie sie schreibt, «trug das Land und die Landwirtschaft mit mir in die Stadt». Im Studium der Politikwissenschaft eckt sie an, weil sie die engen Grenzen der universitären Textvorgaben sprengen will: «Der Betreuer meiner Masterarbeit wiederholt unermüdlich: zu gross, zu viel, zu abstrakt, zu experimentell.»
Die Autorin nimmt das Lesen sehr ernst. Es trifft sie persönlich, dass die US-amerikanische Theoretikerin Joan Tronto, die ihr viel bedeutet, schreibt: «To create a work of art is not care.» Sie zweifelt: Hat Kunst wirklich nichts mit Care zu tun? Und Landwirtschaft?
Schliesslich zieht Heinrich zurück nach Gols, baut einen Gärtnereibetrieb auf und schreibt Literatur. Diese Kombination wäre schon herausfordernd genug, doch dazu kommt noch, dass ihr Partner, im Buch A genannt, an ME/CFS erkrankt ist: Er leidet an chronischer Erschöpfung, starken Schmerzen, Atemnot und Herzbeschwerden. Und wie viele andere vor ihm wird er zuerst nicht ernst genommen, wird von Spezialist zu Spezialistin geschickt und bekommt auch noch ungefragt Tipps aus dem Bekanntenkreis.
Habt ihr schon Globuli, vegan essen, zuckerfrei essen, glutenfrei essen probiert? Vitamin D, Vitamin B12, Kräutertee, Yoga, Meditieren, das innere Kind heilen?
«Pusztagold» erzählt von diesem Alltag zwischen Pflanzen, Kunst und Pflege, einem immer extremeren Klima ausgesetzt. Der Text blendet zurück, beschreibt den Zwiespalt der Jugendlichen mit dem «ungenügenden Körper, der Sehnenscheidenentzündungen hatte, der Schmerzen nicht einfach wegsteckte wie alle anderen, der den Dialekt nicht richtig im Mund ausformte». Oder das Erschrecken des Bruders nach dem Eintritt ins Gymnasium: «Die verwenden Bauer als Schimpfwort.»
Ende Januar ist Clara Heinrich in der Schweiz, eingeladen für eine Veranstaltung. Wir treffen uns im Botanischen Garten Zürich, unter Pflanzen. «Schreiben, Lesen, alles Akademische war auf dem Land negativ besetzt», sagt sie. «Die körperliche Arbeit war in der Stadt negativ besetzt. Diesen Konflikt habe ich mit mir rumgetragen. Die Trennung von Kopf- und Handarbeit tut der Landwirtschaft nicht gut. Dem Lesen auch nicht.»
Der Garten ist umgeben von einem Zaun, der die Hasen, die Rehe, die Hühner abhält. Was er nicht abhält: den Wind, die Ziesel, die Wühlmäuse, die Katzen, die Vögel, die Maulwürfe, die Schnecken, die Reiswanzen, die Kohlweisslinge, die Erdflöhe.
In Gols wird Heinrich zur Beobachterin des Dorfes, seiner ungeschriebenen Regeln – wer um 9 Uhr noch «Guten Morgen» sagt, gilt als faul –, des Leistungsdrucks im bäuerlichen Umfeld, wo man sich sogar am Sonntag als Erstes erzählt, was man schon alles erledigt hat. Wie früher stösst sie sich an der knappen Sprache, die in ihren Ohren wie «ein Bellen, ein Keifen, ein Kläffen» tönt. Wie früher fühlt sie sich allein, wenn sie nicht nur über das Praktische, sondern auch über das Schöne spricht. Sie macht Listen von Gemüsesorten oder Salzseen, die wie Gedichte klingen. Und sie findet eine unerwartete Nähe zu ihrer Oma, die zwar behauptet, sie sei «zu alt für bio», aber Erfahrungen weitergeben kann aus einer Zeit, als auch die kleinbäuerliche Landwirtschaft noch versuchte, alles mit allem zu verbinden, als selbstverständlich Knoblauch und Pfirsichbäume im Rebberg wuchsen und Winzer:innen auch Tiere hielten.
Es gibt einen neuen Mitarbeiter am Hof meiner Eltern. Wir reden viel über Schläuche: wie lang, wie gut, wie dick, wie teuer. Übergangsstück, Kupplung, Schlange, Bajonett, Innengewinde, Aussengewinde, Überwurfmutter, Hebel- oder Kugelventil, eingelegter O-Ring. Es gibt so viele Wörter, die man können muss beim Bewässern. Ich rede auch ein bisschen über die Farbe von Schläuchen, das tut aber sonst niemand.
Ihre Eltern, sagt Heinrich im Gespräch, hätten nach einer sorgsameren Form der Landwirtschaft gesucht – in einer Zeit, als sich in der Region der industrialisierte Weinbau ausbreitete. «Mit der Hinwendung zum ökologischen Landbau ging es wieder mehr um Selbstversorgung, um Kreisläufe, sie hielten wieder Tiere auf dem Hof und machten eigenen Kompost. Sie haben den Weinbau wieder in die Landwirtschaft eingegliedert.»
Selbst arbeitet sie nach den Prinzipien der Marktgärtnerei: Gemüsebau auf kleiner Fläche, mit dichter als üblich bepflanzten Beeten, Mischkultur und einer intensiven Pflege des Bodens. Diese Arbeit gebe ihr Hoffnung, sagt sie. «Man ist im Jetzt, muss jetzt giessen, hat jetzt einen Hagelschaden.» Nach wenigen Jahren sei die Förderung des Bodenlebens spürbar: «Durch die richtige Bewirtschaftung wird der Boden weich und krümelig, das lässt sich beobachten, spüren. Und für eine Käferart oder eine Apfelsorte macht dieser Garten einen Unterschied.»
Wir sitzen am Esstisch, und Papa zählt auf, wie viele Freunde und Kollegen, die früher Spritzmittel ausgebracht haben, schon an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben sind.
Zwei Hände reichen ihm fast nicht beim Aufzählen.
Da ist Schönheit, aber keine Verklärung. «Pusztagold» handelt auch von Überlastung, Erschöpfung, Trauer. «All diese Verluste», sagt Heinrich, «persönlich, lokal, global. Wie kann ich ihnen begegnen? Es ist nicht romantisch, oft geht es nur ums Überleben.»
A geht es zunehmend schlechter.
Der Fuchs holt sich fast alle Hühner.
Am Ende sind es nur noch sechs.
Heinrichs Versuch, die scheinbaren Gegensätze Kopf- und Handarbeit zu verflechten, Landwirtschaft, Kunst, Theorie und Care zu praktizieren, gleichzeitig, entwickelt ein Flirren, eine Intensität, in der ganzen Überforderung auch eine Folgerichtigkeit, der man sich beim Lesen kaum entziehen kann. Das Kümmern um den kranken Partner, die Pflanzen, den Boden, die Wildtiere, die Landschaft – der Zusammenhang wird überdeutlich, weil das alles im Alltag der Autorin so eng verbunden ist. Nach dem Lesen wird wohl niemand mehr bestreiten, dass gute Landwirtschaft Care-Arbeit ist. Und im gemeinsamen Alltag widerlegt Heinrich auch fast nebenbei den Satz von Joan Tronto, der sie so irritiert hat: Care kann auch Kunst werden. Weil A so schwach ist, dass er fast den ganzen Tag im Bett bleiben muss, erfinden die beiden die Welt im Zimmer, zelebrieren das Filmeschauen, als gingen sie ins Kino, wählen jeden neuen Haushaltsgegenstand, die Bettwäsche, die Pyjamas unendlich sorgfältig aus. Heinrich bringt A Nachrichten aus dem Dorf wie aus einem fernen Land.
Wir bauen uns einen Palast, in dem unser gemeinsames Leben Platz hat. Im Palast sammeln wir Erinnerungen, Illusionen, Träume, Wünsche, Spiele, Objekte.
Heinrich betont im Gespräch, dass das Buch auch fiktive Anteile habe. «Ich möchte über ein Thema schreiben, zum Beispiel die Hitze, und erinnere mich an ein Gespräch im Garten, als es heiss war. Aber es hat nicht genau so stattgefunden.» Sie schneide Situationen zusammen, und einige der zitierten Freund:innen seien «Cuvées» aus mehreren Personen. Ein Wort aus der Weinproduktion.
Schreiben helfe auch, wenn Pflanzen dem Hagel, der Dürre, den Insekten zum Opfer fielen. Das schreibend zu begleiten, erleichtere den Verlust. «Die Arbeit verpufft nicht, ich habe sie festgehalten.»
Erneut rollt eine Hitzewelle über uns, die verbrannte Gräser, hängendes Laub und rissige Erde zurücklässt. Die Schotterwege stauben von den Traktoren, den Quads, den Pick-ups, den Hängern, die Wassertanks zu Feldern, Weiden, Bäumen bringen und versuchen, das Schlimmste abzuwenden.
Nach der Dürre kommt am Ende des Buches der Regen und hört nicht mehr auf. Es hagelt viermal in acht Tagen, niemand kann mehr Jungpflanzen setzen. Der Bruder muss den Keller auspumpen. Dann noch einmal. Und noch einmal.
Bei aller Schönheit ist «Pusztagold» auch eine Warnung – eine Botschaft jener, die das immer extremere Wetter im Beruf, in der Existenz, buchstäblich auf der Haut spüren. «Das Klima betrifft alle, aber einige stärker», sagt Heinrich. «Es ist fatal, die Landwirtschaft damit allein zu lassen.»