Bäuer:innen in Palästina: Der Krieg auf den Feldern

Nr. 48 –

Die Olivenernte ist für Palästinenser:innen eine Lebensgrundlage und kulturelles Erbe zugleich. Dieses Jahr wird die Saison von zunehmenden Angriffen durch Siedler:innen überschattet, und Tausende Bäume wurden zerstört.

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Olivenbauer Ajesch Muslih begutachtet einen beschädigten Olivenbaum
«Ein Trümmerhaufen»: Der Grossteil seiner Bäume sei zerstört worden, und für die ­verbleibenden fehlten Wasser und Dünger, sagt der Olivenbauer Ajesch Muslih.

«Ein Haus, in dem es Olivenöl gibt, hungert nie», zitiert Ajesch Muslih ein Sprichwort aus dem Gazastreifen. Er muss es wissen, denn er ist Olivenbauer. Rund 270 Bäume bewirtschaftete er einst in al-Karara, einer kleinen Stadt nahe Chan Junis im Süden des Gazastreifens. Nun sind nur etwa 20 Stück übrig geblieben. Der grösste Teil der Bäume wurde während des Krieges zerstört oder von israelischen Militärs mutwillig entwurzelt, auch die Zitrusbäume sind weg. Die Lagerräume für die Oliven, die Wohnhäuser seiner Geschwister, das gesamte Land wurden planiert – die Lebensgrundlage der Familie zerstört. Eigentlich wäre von Ende September bis in den November hinein Erntezeit in Palästina, doch es gebe kaum etwas zu ernten, sagt der 34-jährige Muslih, der auf seinem Feld zwischen Steinen, trockenen Ästen und verstreutem Müll neben einem seiner verbliebenen Bäume steht. In ganz al-Karara würden nur noch etwa einhundert Olivenbäume stehen; der Rest ist zerstört.

Nach dem Terrorüberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel mit etwa 1200 Toten folgte der zweijährige Krieg mit rund 68 000 Toten in Gaza. Währenddessen nahmen im etwa vierzig Kilometer entfernten Westjordanland die gewalttätigen Attacken extremistischer jüdischer Siedler:innen auf palästinensische Bäuer:innen zu. So berichtete das Uno-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten von 126 Angriffen innert weniger als vier Wochen seit Beginn der diesjährigen Erntesaison. Mehr als 4000 Olivenbäume wurden beschädigt. Ein im Oktober entstandenes Video, das zeigt, wie ein Siedler mit einem Holzstock eine ältere Palästinenserin angreift, verbreitete sich viral. Die Frau erlitt schwere Verletzungen. Immer wieder stellen sich israelische und internationale Aktivist:innen vor die Bäuer:innen, um sie vor den Angriffen zu schützen.

Barfuss in den Süden

Im Westjordanland können die Leute noch ernten. Im Gazastreifen hingegen, wo Muslih lebt, sind von etwa 1,1 Millionen Olivenbäumen eine Million zerstört. Neben der gezielten Zerstörung gingen auch Bäume ein, weil sich niemand mehr um sie kümmern konnte. Die andauernde Präsenz der israelischen Armee, wie sie das derzeit geltende Waffenstillstandsabkommen zulässt, erschwert die Lage. Die Truppen haben sich auf die sogenannte Gelbe Linie zurückgezogen und kontrollieren gut die Hälfte des Gazastreifens. Die No-go-Zone für Palästinenser:innen verläuft entlang der Grenze zu Israel und Ägypten und reicht etwa eineinhalb Kilometer in den Gazastreifen hinein. Innerhalb der Zone liegen die Überreste von Orten wie der südlichen Stadt Rafah, die vor dem Krieg dicht besiedelt war. Aber auch viele landwirtschaftliche Anbauflächen sind besetzt, denn sie liegen vor allem nahe der Grenze und zwischen Ballungszentren wie Gaza-Stadt und Chan Junis.

Vor dem Krieg wurden etwa 41 Prozent Gazas landwirtschaftlich genutzt, heisst es in einem Bericht der israelischen Menschenrechtsorganisation Gisha. Im Juli 2025 waren laut Gisha etwa neunzig Prozent der Flächen «inaccessible», also für Palästinenser:innen nicht betretbar. Die Positionen des Militärs haben sich seitdem kaum verändert.

Auch seine Familie habe zeitweise den Zugang zu ihrem Land verloren, erzählt der Bauer Muslih – und das schon kurz nach Kriegsbeginn, Anfang Dezember 2023, als die israelische Offensive auf al-Karara begann. «Während die israelische Armee uns bombardierte, flohen meine Frau und ich mit unseren drei Kindern barfuss in Richtung Süden.» Sie verweilten erst in Rafah, dann nahe al-Karara. Als das israelische Militär aus ihrem Wohnort wieder abzog, konnte die Familie zurückkehren. «Zwölfmal mussten wir danach wieder flüchten», sagt Muslih, «weil das israelische Militär immer wieder zur Evakuierung aufforderte.» Teile seines Hauses stehen noch, aber nicht die Ställe, in denen er Geflügel, ein paar Kühe und Pferde hielt. Die Tiere leben nicht mehr. Sein Vater habe beim Anblick der Zerstörung einen Herzinfarkt bekommen, von dem er sich zum Glück wieder erholt habe. «Aber alles, was er über Jahre aufgebaut hat – die Ernte seines Lebens –, ein Trümmerhaufen.»

Früher betrieb Muslih eine produktive Farm. Doch jetzt stehe alles still. Auch die zwanzig verbleibenden Bäume tragen in diesem Jahr keine Früchte. Die Pflege von Olivenbäumen sei eigentlich recht einfach: «Man pflanzt ihn und behandelt ihn wie ein Kind. Jeden Morgen wässern wir den Baum, vierzig Tage lang. Wir haben eine Redensart: ‹Nach vierzig Tagen sorg dich nicht mehr darum.›» Sind die Bäume erst einmal gut verwurzelt, wird die Pflege einfacher. «Dann versprühen wir manchmal Pestizide; zwei- bis dreimal pro Woche wässern wir die Bäume. Wir nehmen trockene Äste ab und trimmen die Bäume ein wenig.» Dies sei kein Vergleich zu Obstbäumen oder dem Anbau von Gemüse. Die Olivenernte sei vor dem Krieg recht sicher gewesen. Nun funktionieren die Wasserleitungen nicht mehr. Und Dünger ist auf den Märkten des Gazastreifens kaum zu bekommen, eine angemessene Pflege der Bäume also nicht möglich. Das Öl, das Muslih und die anderen Bäuer:innen sonst im Gazastreifen produzieren, fehlt den Menschen nun. Ebenso mangelt es an Schlachttieren, an Obst, Gemüse, Getreide und Hülsenfrüchten.

Keine Ernte, kein Lohn

Die lokale Lebensmittelproduktion, schreibt die NGO Gisha in einem Bericht, sei völlig kollabiert. Das trifft die Menschen umso härter, weil Israel noch immer zu wenig Hilfslieferungen nach Gaza passieren lässt. Etwa 62 000 Tonnen Lebensmittel, so schätzt die Uno, bräuchten die etwa zwei Millionen Überlebenden Gazas jeden Monat. Im Oktober gelangten laut der zuständigen israelischen Militärbehörde Cogat etwa 27 000 Tonnen Nahrungsmittel nach Gaza. Vierzig Prozent davon importierte der «private Sektor». Die Ware wird also überteuert auf den Märkten verkauft und nicht etwa als Hilfe an die Bevölkerung verteilt.

In einem Gebiet, in dem ein grosser Teil der Bewohner:innen im Lauf des Krieges auch seine Arbeit verloren hat, ergibt sich daraus das nächste Problem. Weil die Ernte ausfällt, bezahlt Muslih in diesem Jahr keine Saisonarbeiter:innen – wie bereits im vergangenen Jahr. Auch für seine Arbeiter:innen, die die Bäume das Jahr über pflegten und bewässerten, Pestizide versprühten und neue Sämlinge setzten, hat er seit Oktober 2023 keine Aufgaben mehr. Das bedeutet eine Einkommensquelle weniger für alle betroffenen Menschen.

Die Kosten für Pestizide, Bewässerung und Arbeiter:innen hätten sich vor dem Krieg auf etwa ein Drittel des Ertrags belaufen, erzählt er. Den verbliebenen Gewinn habe er sich mit seinen Brüdern geteilt. «Wir sind ein Familienbusiness», sagt er und holt aus: «Wir bauen vier verschiedene Sorten von Oliven an. Für die Ernte nehmen wir Netze zu Hilfe, aber wir pflücken grundsätzlich von Hand. Die reifen Oliven sammeln wir dann in Eimern. Je nach Anzahl der Arbeiter dauert die Ernte auf einem Dunum zwei bis drei Tage.» Ein Dunum, eine alte Landeinheit aus osmanischer Zeit, entspricht etwa tausend Quadratmetern.

Die besten Früchte habe er eingelagert, erzählt Muslih, und den Rest zu einer der zwei Ölmühlen gebracht, die es im ganzen Küstenstreifen noch gebe. «Unsere gute Qualität war in ganz Gaza bekannt», sagt er. «Viele Händler wollten von uns kaufen.» Einen Liter Olivenöl habe er dann für etwa 10 Schekel, also rund 2.50 Franken, verkauft, einen Zwanzig-Liter-Container mit sortenreinem Öl für etwa 70 bis 100 jordanische Dinar, also für rund 80 bis 110 Franken. In den palästinensischen Gebieten wird meist in israelischen Schekel bezahlt; bei grösseren Beträgen kommen auch der US-Dollar oder der jordanische Dinar zum Einsatz. Die Währungen sind parallel im Umlauf. Derzeit kostet ein Container Olivenöl in Gaza nur etwa 100 Schekel. «Ich sage das mit Trauer», betont Muslih, «aber die Qualität der Oliven ist halt wirklich schlecht.» Trotz der Knappheit können die Händler:innen deswegen nicht mehr für ihr Öl verlangen.

Schon wieder ein Neuanfang

Es ist nicht das erste Mal, dass Muslih und seine Familie wieder ganz von vorne beginnen müssen. Die Olivenbäume hat er von seinem Vater übernommen. Seit 1962 kultiviert seine Familie das Land. Während des Sechstagekriegs 1967 wurde der Anbau vernichtet. «Meine Vorfahren haben alles wieder aufgebaut, erneut Bäume angepflanzt.» Auch danach sei sein Land immer wieder von den Auseinandersetzungen zwischen dem israelischen Militär und palästinensischen Extremisten betroffen gewesen.

Nun sagt er trotzig: «Solange wir leben, werden wir alles wieder aufbauen – und es noch besser machen, als es einst war.» Er wolle die «stillen Tage», die der Gazastreifen während der halbwegs eingehaltenen Waffenruhe derzeit erlebe, nutzen, um damit zu beginnen – auch wenn die Gelbe Linie und das israelische Militär so nahe seien, dass er Schüsse hören könne. «Israel verletzt alle internationalen Abkommen», sagt er. «Was andere Staaten sagen, interessiert die israelische Regierung nicht. Sogar wenn es die USA sind.» An einen dauerhaften Frieden mag er noch nicht glauben.

Während er spricht, beginnt er, abgetrennte Äste und Holzstücke seiner Bäume einzusammeln. Er will sie als Feuerholz nutzen, sie einem Zweck zuführen. «Der Olivenbaum ist ein gesegneter Baum, er wird im Koran erwähnt», sagt er. «Und er ist ein Symbol für Resilienz: Selbst nach den schwierigsten Bedingungen trägt der Baum wieder Früchte.»