Antisemitismus: Nicht wegschauen!
Der Anschlag in Sydney zeigt die Normalisierung von Antisemitismus. Der Kampf dagegen darf nicht erst beginnen, wenn es Tote gibt.
Eben noch ein friedliches Fest, plötzlich ein grausames Blutbad. Nach dem antisemitischen Anschlag auf eine Chanukka-Feier an Sydneys berühmtem Bondi Beach steht Australiens jüdische Gemeinde unter Schock. Am Sonntagabend hatten ein Vater und sein Sohn Dutzende Schüsse auf die fröhliche Gesellschaft abgefeuert, fünfzehn Menschen ermordet und mehr als vierzig verletzt. Zurück bleiben nicht nur Trauer und Trauma vor Ort, sondern auch Angst und Verunsicherung bei Jüdinnen und Juden weltweit. Und die bittere, aber keineswegs neue Erkenntnis, nirgends sicher zu sein.
Seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und Israels darauffolgendem Krieg in Gaza ist der Antisemitismus exponentiell angestiegen. Immer wieder schlägt der Hass in physische Gewalt um, auch in Australien, das geht aus einer Statistik des Dachverbands jüdischer Organisationen hervor: Vor einem Jahr, ebenfalls zu Chanukka, brannte in Melbourne eine Synagoge bis auf die Grundmauern nieder, ein weiterer Anschlag auf ein Gotteshaus folgte im Juli. Es gab Angriffe auf jüdische Einrichtungen, Pöbeleien auf offener Strasse und «Fuck the Jews»-Schmierereien. Die Liste des Grauens ist lang.
Wie bedrohlich weit die Normalisierung von antisemitischen Ressentiments mit all ihren tödlichen Folgen fortgeschritten ist, zeigt auch ein Blick auf andere Länder. Die Attacke auf eine Synagoge in Manchester an Jom Kippur mit zwei Toten, der Doppelmord vor dem jüdischen Museum in Washington sind nur die gravierendsten Beispiele einer fatalen Tendenz, die auch vor der Schweiz nicht haltmacht. Hier verzeichnet der Antisemitismusbericht für 2024 eine Zunahme von Vorfällen um mehr als vierzig Prozent.
Der Anschlag am Bondi Beach hat nach allem, was bisher bekannt ist, einen islamistischen Hintergrund, in der Vergangenheit kam antisemitisch motivierte Gewalt aber auch massgeblich von rechts aussen. Das gilt für Australien wie für die meisten anderen westlichen Länder. Der Hass auf Jüdinnen und Juden findet sich aber auch bei Linken und in der «Mitte der Gesellschaft»: als «Brückenideologie», die nicht an politische Lager oder gesellschaftliche Hintergründe gebunden ist und einen einfachen Sündenbock für komplexe Probleme liefert. Ob «jüdische Weltverschwörung» oder «Zionistenlobby» – es ist der immer gleiche Hass, der jeweils in neuem, zeitgemässem Gewand daherkommt.
Nach dem Terror von Sydney dauerte es nur wenige Stunden, bis die Instrumentalisierung begann. Populistische Scharfmacher riefen wegen der pakistanischen Herkunft der Attentäter nach einer Verschärfung der australischen Migrationspolitik. In Israel wollte die Regierung die Morde als Folge von Australiens Anerkennung eines palästinensischen Staates verstanden wissen. Und in sozialen Medien brachen sich Verschwörungsmythen und antimuslimische Hassnachrichten Bahn. Statt zu versöhnen, wird der Spaltung das Wort geredet.
Eines sollte indes offensichtlich sein: Antisemitismus wird nicht erst dann zum Problem, wenn Menschen ermordet werden. Der Kampf dagegen darf entsprechend nicht erst an diesem Punkt ansetzen. Die Australian Jewish Association hatte gleich nach dem Anschlag politische Versäumnisse kritisiert: «Wie oft haben wir die Regierung gewarnt? Kein einziges Mal hatten wir das Gefühl, dass sie zugehört hat», schrieb die Organisation. Es ist ein Gefühl, das vielen Jüdinnen und Juden vertraut ist. Der Hass auf Minderheiten kann überall dort gedeihen, wo Politik und Mehrheitsgesellschaft wegschauen.
Immerhin hat sich letzte Woche in der Schweiz etwas bewegt: Der Bund präsentierte eine nationale Strategie gegen Rassismus und Antisemitismus, konkrete Schritte sollen 2026 erarbeitet werden. Doch es wäre fatal, allein auf den Staat zu vertrauen. Der Kampf gegen Antisemitismus beginnt in den Köpfen, in Schulen und Betrieben wie auf der Strasse. Mit gutem Beispiel voran ging in Sydney der Obsthändler Ahmed al-Ahmed. Weil er nicht wegschaute und einen der Attentäter überwältigte, rettete er wohl Dutzende Menschenleben.