Angriffe auf den Libanon : Die Suche nach Sahra

Nr. 16 –

Nach dem bisher heftigsten Bombardement der israelischen Luftwaffe in diesem Jahr: ein Wochenende vor den Trümmern eines Mehrfamilienhauses im Herzen von Beirut.

ein Auto welches neben einem zerstörten Gebäude steht
Das zerstörte Haus im Viertel Ain al-Mreisseh.

Die eine Hälfte des Gebäudes steht noch. Links neben der Eingangstür: sechs Stockwerke, breite Balkone, eine Velovermietung im Erdgeschoss. Im ersten Stock hat jemand kaputte Fensterrahmen ans Balkongeländer gelehnt. Sie ragen gefährlich weit über die Strasse.

Rechts von der Eingangstür steht gar nichts mehr. Meterhohe Berge aus Tonnen von Schutt türmen sich an der Stelle, dazwischen verstreut die Habseligkeiten zerstörter Leben: Tonband- und VHS-Kassetten, Floppy-Disketten, zerrissene Magazinseiten und vergilbte Fotografien, Kleiderfetzen, Matratzen, Dokumente, Notizblätter mit Schulaufgaben.

Es ist Freitag, zwei Tage nach dem israelischen Bombenangriff auf dieses Haus ganz im Norden Beiruts gleich hinter der Küstenstrasse im Viertel Ain al-Mreisseh. Ein gelber Bagger steht neben dem kleineren der beiden Schuttberge. Langsam greift die Schaufel in die Trümmer, trägt Meter um Meter an einer Stelle ab und wirft sie an anderer wieder hin. Eine junge Frau in Uniform spritzt Wasser gegen den aufwirbelnden Staub, damit ihre Kolleg:innen vom Zivilschutz und die Freiwilligen, die helfen, nach den Toten in den Trümmern zu suchen, bessere Sicht haben.

Noch immer werde hier eine Frau vermisst, sagt einer der Männer in Uniform: die 26-jährige Sahra. Er hat sich eben am Strassenrand hingesetzt. Seinen Namen will er nicht nennen – der Teamleiter beim Zivilschutz darf eigentlich nicht mit der Presse reden. Doch dann erzählt er trotzdem. Davon, dass er kaum geschlafen habe seit dem israelischen Grossangriff vor zwei Tagen, davon, dass sein Team beim Zivilschutz mehrheitlich aus Freiwilligen bestehe, weil dem Staat das Geld fehle, um sie anzustellen. «Ich kann dir nichts zu den Opferzahlen sagen, ausser dass sie weiter steigen», sagt er. Wenig später wird ihn ein junger Mann darüber informieren, dass nun noch eine Meldung über eine zweite vermisste Person hereingekommen sei: ein Junge, der im zerstörten Teil des Gebäudes gelebt hat und den seine Familie in keinem Krankenhaus findet.

Der Angriff an jenem Mittwoch war der grösste im Libanon seit der Eskalation Anfang März. Über hundert Ziele im Südlibanon, in der Bekaa-Ebene, den südlichen Vororten Beiruts und im Herzen der Hauptstadt selbst traf die israelische Luftwaffe innerhalb weniger Minuten. Die vorläufige Opferzahl: über 350 Tote und mehr als 1000 Verletzte. Während die israelische Armee von Angriffen auf Hisbollah-Ziele spricht, bezeichnet die libanesische Regierung die Luftschläge als Massaker. Am Tag nach dem Angriff blieben Schulen und Behörden geschlossen, Flaggen wurden auf Halbmast gesetzt, um der Opfer zu gedenken. In Beirut herrschte Grabesruhe.

ein Helfer mit Helm steht auf den Trümmern des zerstörten Hauses in Beirut
Im Visier der israelischen Armee: Drei Bomben trafen das Haus in Beirut, zwanzig Menschen wurden getötet.

Keine Regeln mehr

Samstagvormittag, drei Tage nach dem Angriff. In der pakistanischen Hauptstadt Islamabad treffen sich die Verhandlungsteams der USA und des Iran, um über einen Ausweg aus dem verheerenden Krieg zu diskutieren. Vor dem Haus in Beirut ist der Bagger weg. Dafür steht Abdulrahman Muhanna auf der Strasse vor dem Eingang. Er wohnte in der linken Haushälfte. «Das war eine sichere Gegend hier», sagt er. «Wir hätten so etwas nie erwartet.»

An jenem Mittwoch, erzählt Muhanna, habe ihn der Angriff aus dem Schlaf gerissen. Drei aufeinanderfolgende Bomben trafen das Haus, die Hälfte des Gebäudes stürzte ein. Zum Glück blieb das Treppenhaus verschont. Muhanna habe zu seiner Mutter gesagt, sie solle hinunter. Er selbst, noch benebelt vom Schlaf, habe erst gedacht, er könne noch Kaffee kochen, bis der Hauswart ihm zugeschrien habe, dass er sofort raussolle – aus Angst, der Rest des Gebäudes könnte ebenfalls noch einstürzen.

In einer Einfahrt gegenüber dem Haus liegen auf der Haube eines Autos ein paar verstaubte Dokumente und Gegenstände, die offenbar in den letzten Tagen aus dem Schuttberg gezogen wurden. «2008, Damaskus» steht auf einer laminierten Karte. «Ich glaube, das sind die Studierendenausweise unserer Nachbarin», sagt Muhanna. Und über einen anderen Papierstapel: «Die hier gehören Karim. Er hat zum Glück überlebt.»

Portraitfoto von Abdulrahman Muhanna
«Das war eine sichere Gegend hier, wir hätten so etwas nie erwartet»: Abdulrahman Muhanna.

Die meisten der Bewohner:innen leben schon seit Jahrzehnten hier. Das Haus sei über achtzig Jahre alt, erzählt Muhanna. Heute steht es in einer kleinen Seitenstrasse, die parallel zur Küstenpromenade verläuft. Früher, als sein Vater hier als Kind lebte, sei die Küstenstrasse noch direkt vor dem Haus verlaufen. «Er erzählte mir, wie er jeweils vom Balkon aus den Feiernden am Meer zuschauen konnte.»

In den sechziger Jahren war Ain al-Mreisseh eine der schicksten Gegenden Beiruts, in den umliegenden Luxushotels stiegen Filmstars wie Marlon Brando und Brigitte Bardot ab. Auch heute noch befinden sich in der Gegend um das Haus luxuriöse Wohntürme, Restaurants und Hotels: Es ist eine Gegend weit weg von den Hochburgen der Hisbollah im Süden Beiruts.

Doch die ungeschriebenen Regeln, die die früheren Kriege zwischen Israel und der Hisbollah für viele Menschen berechenbarer machten, gelten nicht mehr. Es sind längst nicht mehr nur die Gebiete der Hisbollah, die Israel ins Visier nimmt. Bereits in den ersten Tagen des Krieges etwa griff Israel zwei Hotels mit Drohnen an, in denen sich mutmasslich Mitglieder der Miliz befunden hatten.

Verdunkelte Scheiben

Was am Mittwoch geschah, hat nun das letzte Gefühl von Sicherheit hinweggefegt. In Beirut selbst wurde in diesen wenigen Minuten rund ein Dutzend Gebäude angegriffen, viele davon wurden dem Erdboden gleichgemacht. Allein im Haus in Ain al-Mreisseh wurden über zwanzig Menschen getötet, darunter die Frau und der Schwiegervater von Hassan Maseh. Maseh nimmt uns mit zur Rückseite des Gebäudes, wo sich die Wohnung seiner Eltern befand. Er und seine Frau leben eigentlich im Südlibanon, in der Nähe der Stadt Tyros. Doch als der Krieg Anfang März eskalierte, flohen sie mit den Schwiegereltern in die Hauptstadt und kamen in der Wohnung seiner verstorbenen Eltern unter. Zum Zeitpunkt des Angriffs sei er ausser Haus gewesen, er habe Freunde in einem Café getroffen. Als er vom Angriff auf sein Haus gehört habe, sei er sofort ins Taxi gestiegen. «Als wir in den Stau gerieten, bin ich raus- und losgerannt.» Der Zivilschutz habe nur noch seine Schwiegermutter lebend aus den Trümmern bergen können, um drei Uhr morgens.

Zurück auf der Vorderseite des Hauses, sieht Abdulrahman Muhanna eine Handvoll vergilbte Fotos durch. Familienbilder, Babyfotos, junge Männer und Frauen, die im Badeanzug vor einem Swimmingpool sitzen. Auf die Frage, ob ausser der Familie Maseh alle Bewohner:innen schon länger hier lebten, schüttelt er den Kopf. Zwei Familien seien nach Ausbruch des Krieges neu eingezogen – die beiden Väter mutmasslich Hisbollah-Mitglieder. «Wir haben die Verwaltung gebeten, mit ihnen zu reden», sagt Muhanna. «Doch die meinte, das gehe sie nichts an. Und jetzt sind die Leute tot.»

Muhanna sagt, dass seit dem Einzug der Familien regelmässig Autos mit getönten Scheiben vorgefahren, Leute ins Haus gekommen und wieder verschwunden seien. «Ihr versteckt euch zwischen den Leuten, und sie kommen und töten uns?», sagt er mit vor Wut gepresster Stimme.

Seine Mutter habe vergangene Nacht laut geschrien. Sie habe sich an das Bild ihres Nachbarn erinnert, der bei der Bombardierung in Stücke gerissen wurde. Ihm selbst gehe nicht mehr aus dem Kopf, wie nach dem Angriff ein anderer Nachbar zum zerstörten Haus gekommen sei. Er habe gesehen, dass seine Wohnung zerstört war – und verzweifelt gefragt, wo seine Familie sei. «Er wollte nicht glauben, was passiert ist», sagt Abdulrahman Muhanna.

Die beiden Familienväter hingegen seien zum Zeitpunkt des Angriffs nicht im Haus gewesen. Einer von ihnen sei danach zum Haus gekommen und habe seine Frau und seine Kinder tot aufgefunden. Anscheinend, so Muhanna, hatte er sein Telefon zu Hause gelassen.

Überprüfen lässt sich das, was er sagt, nicht. Plausibel ist es dennoch: So berichtete die israelische Zeitung «Haaretz», dass der israelische Geheimdienst offenbar IP-Nummern der Teilnehmenden eines Onlinetreffens abgefangen und lokalisiert hatte. Würde das stimmen, so hiesse das: Für die zwei Leute, die an diesem Ort mutmasslich das Ziel waren, hat die israelische Luftwaffe das halbe Gebäude in Schutt und Asche gebombt und über zwanzig Menschen getötet.

Muhanna glaubt, dass Israel darauf gewartet hat, bis sich die Hisbollah-Mitglieder zwischen den Leuten verstecken. Doch genauso wütend ist er auf die Miliz selbst: «Das sind Feiglinge, die sich hinter ihren Frauen und Kindern verstecken», sagt er, und dann, fast drohend: «Es kann nicht sein, dass meine Mutter noch verrückt wird und anfängt, mit sich selbst zu reden, euretwegen.»

Die Stimmung im Land ist aufgeheizt. Am Vortag demonstrierten Hisbollah-Anhänger:innen gegen die direkten Verhandlungen mit Israel, die die libanesische Regierung nun aufnimmt (vgl. «Historischer Small Talk»). Es ist der verzweifelte Versuch einer schwachen Regierung, den Krieg doch noch auf diplomatischem Weg zu beenden. Der Vorsitzende der Hisbollah wiederum, Naim Kassim, kündigte bereits an, die Miliz werde weiterkämpfen – unabhängig vom Ergebnis der Verhandlungen. Und das israelische Militär hat inzwischen zwar seine Angriffe auf Beirut und die südlichen Vororte eingestellt, bombardiert dafür aber die Dörfer und Städte im Süden des Landes umso heftiger, und die Bodentruppen rücken weiter vor.

Habseligkeiten von Hausbewohner:innen verstreut im Schutt
Verstreut im Schutt: Habseligkeiten von Hausbewohner:innen.

Die Drohne surrt weiter

Sonntagnachmittag. Der riesige Schuttberg türmt sich nun auf der Strasse. Der Bagger ist zurück, um wieder Schaufel für Schaufel, Stunde um Stunde, den Schutt von der einen Seite abzutragen und auf der anderen wieder abzuladen. Den Jungen, der am Freitag als vermisst gemeldet worden war, hat der Zivilschutz inzwischen offenbar gefunden. Sahra wird noch immer vermisst.

Auch Muhanna ist heute wieder da. Er steht auf der Vorderseite des Hauses neben dem Schutthaufen. Er könne nicht anders, als jeden Tag vorbeizukommen, sagt er. Am liebsten würde er auf einer Matratze im Eingang schlafen. Doch das Gebäude ist nicht sicher. Noch am Tag zuvor trugen Männer Möbel aus der Wohnung im ersten Stock, darunter ein Klavier. Heute, sagt Muhanna, hätten sie zwei Diebe erwischt, die in eine der Wohnungen einbrechen wollten. Dann steht der Bagger plötzlich still. «Vielleicht haben sie etwas gefunden», sagt Muhanna und rennt los auf die andere Seite des Hauses. Dort stehen Männer im Geröll und stochern mit dünnen Plastikrohren im Schutt.

«Sie haben ein paar Überreste entdeckt», sagt Muhanna. Diese würden nun dem Labor übergeben, wo die DNA überprüft werde. «Hoffentlich finden sie sie bald. Damit ihre Familien sie begraben können.» Dann verabschiedet er sich – es sei ihm für heute alles zu viel geworden.

Montag, früher Abend. Im Himmel surrt eine israelische Überwachungsdrohne, sie fliegt so tief, dass das weisse Gerät am Himmel gut zu erkennen ist. Unten steht der Bagger still. Muhanna ist heute nicht mehr da. Dafür steht der Zivilschutz-Teamleiter vor dem Schuttberg, der noch immer die ganze Strasse blockiert. Er wirkt erschöpft. Von Sahra fehle noch immer jede Spur, sagt er. Sie sei in Beirut die letzte Person, die nach den Angriffen von Mittwoch noch immer vermisst werde. «Wenn wir sie nicht finden, müssen wir nochmals von vorne anfangen.»