Film: Das farbige Unsichtbare

Nr. 8 –

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Filmstill aus «Promis le ciel»: eine Gruppe von Meschen feiert Geburtstag mit Kerzen auf einer Geburtstagstorte
«Promis le ciel». Regie: Erige Sehiri. Frankreich / Katar / Tunesien 2025. Jetzt im Kino.

Es beginnt mit einer Szene von grosser Behutsamkeit: Drei Frauen sitzen im Badezimmer der kleinen Wohnung in Tunis, die sie gemeinsam bewohnen, und baden die vierjährige Kenza. Die Antworten von Kenza auf die Fragen der Frauen, von denen keine ihre Mutter ist, sind so bruchstückhaft, dass sie fast poetisch wirken: «Das Boot ist gekentert. Dann ist die Erde kaputtgegangen.» Im Gegensatz zu anderen habe sie sich nicht den Kopf angeschlagen, und als das Schiff «da runterging», sei sie hier – sie nimmt ihre Hand aus dem Wasser und legt sie auf den Badewannenrand – hochgeklettert.

In der EU wie in der Schweiz ist man froh um Länder wie Tunesien, mit denen sich «Rückkehrpartnerschaften» und Abkommen über eine «gemeinsame Migrationspolitik» schliessen lassen. Um Orte also, an die sich die humanitäre Verantwortlichkeit auslagern lässt, womit gleichzeitig das schlechte Gewissen beruhigt ist, weil so weniger Menschen im Mittelmeer ertrinken. Während Millionen von innerafrikanischen Migrant:innen, gestrandet in Ländern wie Tunesien, darauf hoffen, legal nach Europa weiterreisen zu dürfen, macht die Regierung aktiv Stimmung gegen diese «Horden» von Geflüchteten, die schuld an allen Problemen des Landes sein sollen und es zudem auch noch auf die «Demografie» abgesehen hätten.

Trügerisch schön und farbenfroh, in musikalisch arrangierten Bildern sowie aus einer dezidiert weiblichen Perspektive erzählt Erige Sehiri in «Promis le ciel» von unterschiedlichen solchen gemeinhin verdrängten Realitäten – jenen von Marie, Jolie, Naney sowie der kleinen Kenza. Leiten lässt sich die tunesische Regisseurin dabei wie schon in «Under the Fig Trees» (2021) von der Absicht, «das Unsichtbare sichtbar zu machen». Engagiert, sinnlich und poetisch erzählt sie von den spezifischen Herausforderungen, denen Migrantinnen in Tunesien in den letzten fünf Jahren ausgesetzt waren. Das Wertvollste, das es dabei zu verlieren gibt, ist so schön wie flüchtig und so stark wie zerbrechlich: ihre Solidarität untereinander.