Lena Urzendowsky : Die Orgelspielerin

Nr. 3 –

Vom dritten Baum von rechts zum Shootingstar im Film und auf der Bühne. Ein Treffen mit der Schauspielerin Lena Urzendowsky in Zürich.

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Portraitfoto von  Lena ­Urzendowsky
Als sie fünf Jahre alt war, weckte ein Musicalbesuch ihre Faszination: Heute bezeichnet sich Lena ­Urzendowsky selbst als «eine Art Schauspielnerd».

Auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Filmkarriere unterschreibt Lena Urzendowsky beim Schauspielhaus Zürich, um sich dem Theater zuzuwenden. Der deutsche Kinofilm «In die Sonne schauen», in dem Urzendowsky eine der Hauptrollen spielt, hat im letzten Mai den Jurypreis in Cannes gewonnen; Stand jetzt ist er auch im Rennen für die Oscars, in der Kategorie Bester internationaler Film. In Zürich ist Urzendowsky bald in Barbi Markovićs Tschechow-Anlehnung «3 Schwestern» zu sehen. Es ist erst Urzendowskys zweite «richtige» Sprechtheaterproduktion, wegen der wir den Interviewtermin erst vorverlegen müssen, wegen der hintenraus doch nicht Zeit für ein ausführliches Gespräch ist – eine Stunde später, um 12 Uhr, wird geprobt, sorry!

«‹Schaffe, schaffe›, das ist ein wichtiges Schweizer Wort, habe ich auch schon gelernt», sagt Urzendowsky beim Rausgehen zum kurzen Spaziergang. Sie lebt jetzt seit etwas mehr als einem Monat in Zürich. Bislang tauge ihr das Leben hier ganz gut. Anders als beim Film, wo jeder Tag vollkommen anders sei, weil sich der Ablauf nach der jeweiligen Szene richtet – ist zum Beispiel Tag oder Nacht? –, habe sie am Theater geregelte Probenzeiten und somit mehr Zeit für den Alltag.

Ein logischer Neuanfang

Vor dem Umzug nach Zürich hat sie mit Regisseur Oliver Grüttner noch einen Film über den deutschen Umgang mit dem Krieg in der Ukraine abgedreht, bei dem sie erstmals zusammen mit ihrem Bruder, dem Schauspieler Sebastian Urzendowsky, vor der Kamera stand. Sie spielen Geschwister: Lena eine Pfarrersanwärterin, Sebastian einen Aspiranten für die Internationale Legion in der Ukraine. Ihr neuer Arbeitgeber ermöglichte den Dreh.

Ins neue Zürcher Ensemble holte sie die Ko-Intendantin Pınar Karabulut, mit der sie bereits 2023 für die Nibelungen-Festspiele in Worms zusammengearbeitet hatte: ihre Bühnenpremiere – als Brynhild. Zwar habe sie schon als Teenager das Gefühl gehabt, dass das Theater mal «eine Rolle in meiner Biografie» spielen würde. Doch zunächst entschied Urzendowsky, sich auf das Filmdrehen zu konzentrieren. Dabei wuchs der Wunsch, Theater zu spielen. Sie sei dann aber fast vom Hocker gekippt, als Karabulut ihr angeboten habe, fest nach Zürich zu kommen.

Generell sei sie ein intuitiver Mensch, auch mal verkopft, aber bei Entscheidungen meist mit einem klaren Bauchgefühl. Dieses hat die Berlinerin jetzt zum ersten Mal aus ihrer Heimatstadt weggeführt. «Es fühlt sich total logisch an, dass ich nach zehn Jahren Filmerfahrung jetzt mal wieder ganz von vorne anfange, mit etwas Ähnlichem, aber trotzdem ganz anderem, wo ich auch wieder mehr lernen kann.»

Die Faszination fürs Schauspiel entdeckte Urzendowsky bereits als Fünfjährige beim Besuch eines Kindermusical-Weihnachtsstücks im Berliner Friedrichstadt-Palast. Neben der Schule besuchte sie dann samstags eine Musicalschule, wo sie Gesangs-, Tanz- und Schauspielunterricht bekam. Es folgte bald die erste Hauptrolle. «Ich glaube, ich war einfach so dankbar, dass ich endlich eine Rolle mit Namen, Text und Geschichte hatte, vorher war ich immer der dritte Baum von rechts gewesen, dass ich diese Chance mit einem grossen Elan ergriffen und mich da sehr reinbegeben habe.»

Praktische Ethik

Kurz vor dem Abitur kam mit «Das weisse Kaninchen» die erste grosse Filmrolle. Hat das ihren Umgang mit den Mitschüler:innen verändert? Eigentlich habe sie immer versucht, das zu trennen, sagt sie. Auch im Philosophie- und Sozialwissenschaftsstudium hoffte sie, unerkannt zu bleiben, Cap und Hoodie taten ihr Übriges. «Es ist auch oft so, wenn Leute mich auf Partys oder so erkennen, dass sie denken: Ist das nicht die Freundin von Dings. Die denken dann nicht: Das ist die, die ich gestern im Kino gesehen habe.» Zum eigenen Amüsement ist sie dann auch mal die Freundin von Dings.

Zum Philosophiestudium führten eine Mischung aus gutem Ethikunterricht als Jugendliche und eine Faszination für Moral sowie für eine Wissenschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht habe, jede Frage in noch kleinteiligere Fragen zu unterteilen. Urzendowsky pflegt aber auch eine sehr praktische Ethik, wenn sie zum Beispiel das Preisgeld, das sie für ihre Darstellung der Brynhild erhält, an Sea-Watch und andere Organisationen spendet: «Ich bekomme ja ein Gehalt für diese Rolle, und jetzt gewinne ich 10 000 Euro, und im Mittelmeer sterben Menschen. Und ich habe im Prinzip alles, um gut zu leben. Es hat sich einfach falsch angefühlt, dieses Geld dann auf mein Konto zu legen.»

Es sind vor allem die Momente, wenn Urzendowsky über ihre Arbeit spricht, in denen sich das Sprechtempo erhöht und sie zwischen den Sätzen nur kurz Luft holt. Wie sie ihre Rolle als jüngste der drei Schwestern in der ersten Zürcher Produktion beschreiben würde? Zwei Grübchen über den Mundwinkeln, während sie ein Wasserglas auf den Tisch stellt: Ihre Figur sei ein «klassisches Kapitalismusopfer», erklärt sie dann. «Ihr grösster Stolz ist eigentlich, dass sie bis zum Umfallen arbeiten kann. Sie ist eben ganz stolz auf das ‹Schaffe› und auf die Fähigkeit, sich selbst auszubeuten.»

Räume füllen

Urzendowsky nennt sich selbst «eine Art Schauspielnerd»: «Ich interessiere mich einfach für alles, was mit Schauspiel zu tun hat, sehr.» Das Interesse am Theater komme indes weniger vom Schauen, da sei die Faszination beim Film oft grösser. «Aber wenn Theater gut ist, dann hat man einen einmaligen Moment geschaffen, voll Atmosphäre, Emotionalität und Sprache – wo dann alles zusammenkommt. Wenn das gelingt, ist das schon was, nach dem man süchtig werden kann.» Ein Moment, der nur in der Erinnerung der Zuschauenden weiterlebt, «der nicht wiederholt werden kann, wie ein Film, den du als Kind toll fandest und den du dir zehn Jahre später noch mal anschaust und dann zum Beispiel merkst: Ah nee, ist ja voll sexistisch, kann ich eigentlich überhaupt nicht mehr vertreten. Und dann ist deine ganze zehnjährige Erinnerung kaputt.»

Filme drehen – zuletzt inklusive Mitarbeit am Drehbuch –, seit kurzem Ensemblemitglied an einem renommierten deutschsprachigen Stadttheater, nebenher noch die Bachelorarbeit für das Berliner Studium: Es scheint, als sei Lena Urzendowsky einer dieser Menschen, die sich gerne produktiv herausfordern. Das begann schon früh. Gegenüber einer Kirche aufgewachsen, lernte sie neben der Geige, dem Schlagzeug und dem Klavier irgendwann auch das Orgelspielen. Das Instrument mit den langen Pfeifen habe sie viel mehr fasziniert als das Klavier, an dem sie trotz acht Jahren Unterricht weitgehend talentfrei geblieben sei. An der Orgel lief es besser: «Ich fand es einfach geil: Du spielst mit beiden Händen etwas anderes und mit den Füssen noch mal eine neue Melodie. Du kannst diesen riesigen Raum füllen!»

Das «geil» ist einer dieser Momente, wo das Mikrofon übersteuert und man sich erinnert, wie das Gesicht der Schauspielerin beim Reden kurz in Lachfalten fiel. Räume füllen wird sie am Schauspielhaus Zürich hoffentlich auch, das Theater könnte es gebrauchen.

«3 Schwestern» von Barbi Marković, Regie: Christina Tscharyiski, wird am 17. Januar 2026 am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Spieldaten: www.schauspielhaus.ch.