Literatur: Auf dem Absprung

Nr. 51 –

Vom Poetry-Slam zum Mundartroman: Der Wahlbielerin Olga Lakritz gelingt mit «so öppis wie d wahrheit» ein toller Roman über Privilegien und Polizeigewalt.

Diesen Artikel hören (6:00)
-15
+15
-15
/
+15
Portraitfoto von Olga Lakritz
«Verunsicherungen zwingen dich dazu, Haltungen einzunehmen»: Olga Lakritz.

Olga Lakritz versucht nicht, irgendwo anzukommen – zumindest nicht im Schreiben. Stagnation sei unvereinbar mit ihrem Verständnis von Kunst, sagt die Dreissigjährige. «Und es entspricht letztlich der kapitalistischen Logik, zu reproduzieren, was schon einmal funktioniert hat, weil es funktioniert hat.» Als Autorin wolle sie sich vielmehr ausprobieren und auch mal scheitern dürfen. «Ich strebe nicht nach Perfektion. Wenn du wach durch die Welt gehst, kannst du überall noch etwas lernen.»

Als Jugendliche machte sich die Zürcherin einen Namen als Poetry-Slammerin, 2015 wurde sie zur U20-Schweizer-Meisterin gekürt. Diese Erfahrungen seien wesentlich für ihre Entscheidung gewesen, sich voll auf die Literatur zu konzentrieren, erzählt sie. «Ich hatte genügend Erfolgserlebnisse, um weiterzumachen, und ergatterte erste bezahlte Auftritte.» Doch nach einiger Zeit im Poetry-Slam habe sich Routine eingestellt: «Ich konnte jedes Konzept in das Schema abfüllen. Dann klang es zwar wie ein neuer Text, aber eigentlich waren es Variationen des Immergleichen», findet Lakritz. Auch wenn sie nach wie vor Workshops gibt: Von der Slam-Bühne hat sie sich längst verabschiedet. Sie begann, längere Prosa zu schreiben und am Literaturinstitut in Biel zu studieren.

«Polizey» ist niedlich und brutal

Im kürzlich erschienenen Roman «so öppis wie d wahrheit» wendet sie sich erstmals der Mundart zu. Obwohl das für Poetry-Slam nicht ungewöhnlich ist, dichtete Lakritz damals nicht in Dialekt. Auch ihren ersten Roman, «Das Ampfermädchen» (2023), schrieb sie auf Standarddeutsch. «Ich dachte, auf Mundart müsse im Grunde jeder Satz der Frage standhalten, ob jemand so redet.» Erst am Literaturinstitut habe sie realisiert, dass man auch lyrischer mit Dialekt umgehen könne. Und in ihrem neuem Roman stellt sie das eindrücklich unter Beweis.

«so öppis wie d wahrheit» kreist um ein linkes, urbanes Milieu. Nachdem ein Schwarzer Aktivist von der Polizei ermordet worden ist, verliert die schon davor orientierungslose Protagonistin gänzlich den Halt im Leben. Sie hadert mit sich selbst und mit Erinnerungslücken rund um den Tod ihres Exfreunds. Doch statt sich in der Therapie mit ihren psychischen Problemen und ihrer Trauer auseinanderzusetzen, schaut sie lieber den «chräye» zu – bis sie von ihrem Umfeld zur Konfrontation gezwungen wird.

Gekonnt balanciert Lakritz im Roman Leserlichkeit und Verschriftlichung des Dialekts aus. Dieses sprachliche Abwägen habe ihr im Lektorat einiges abverlangt, erzählt sie. «Du sagst ein Wort tausendmal, und dann musst du dich gefühlt einen Moment hinlegen.» Ausgehend von der Aussprache probierte sie verschiedene Schreibweisen aus – die wiederum Konsequenzen für andere Wörter hatten. So ist das auf Standarddeutsch geschulte Auge durchaus mal irritiert. «therapi» fühlt sich vielleicht erst mal falsch an. Doch wenn das «ie» im Buch den im Dialekt als «ie» ausgesprochenen Laut – etwa in «wie» – abbildet, muss das im Standarddeutschen mit «ie» gekennzeichnete lange «i» anders geschrieben werden. Daher ist «therapi» die logische Folge.

Das Lieblingswort von Lakritz ist «polizey»: «Die Schreibweise hat fast etwas Verniedlichendes», findet sie. Das reibt sich mit der rassistischen Polizeigewalt, dem Dreh- und Angelpunkt des Romans. Brüche gefallen Lakritz. Im Innehalten und im Nachdenken über etwas findet sie Momente mit Potenzial: «Verunsicherungen zwingen dich dazu, Haltungen einzunehmen», sagt sie. Das gilt auch für ihren Namen. «Er ist abstrakt genug, um eine Verunsicherung zu schaffen. Man fragt sich, ob es mein echter Name ist.» Ist es tatsächlich nicht: Lakritz heisst bürgerlich Olga Schmitz, ihr Alias begleitet sie seit ihren Poetry-Slam-Tagen.

In Biel angekommen

«so öppis wie d wahrheit» handelt von der privilegierten Position der Protagonistin, die in ihrer Not vollständig von sich selbst und der Erinnerung an ihre Beziehung absorbiert ist. Dieser Blickwinkel ist spannend, weil er die Verantwortung von Nichtbetroffenen in den Blick nimmt. Lakritz beleuchtet die Asymmetrie zwischen jenen, die die Wahl haben, sich zu informieren und gegen Ungleichheiten anzukämpfen, und jenen, die aus existenziellen Gründen Widerstand leisten müssen. «freyheit bedütet d wahl z ha», heisst es einmal im Roman. Und so seziert «so öppis wie d wahrheit» vordergründig die Orientierungslosigkeit einer jungen Frau, verhandelt aber genauso die Relevanz von Verbündeten und Zeug:innenschaft.

Ruhelos in ihrem Schaffen, hat Olga Lakritz in Biel zur Sesshaftigkeit gefunden. Ursprünglich für das Studium von Berlin hierhin gezogen, ist sie nach einem zweiten Abstecher in die deutsche Hauptstadt inklusive abgebrochenem Filmstudium nach Biel zurückgekehrt. Sie sagt: «Hier geht es mir besser als andernorts, vieles fällt mir hier leichter.» Bereits arbeitet Olga Lakritz am nächsten Projekt – wieder auf Standarddeutsch. Das sei schon etwas merkwürdig, sagt sie: «Mit dem Buch dann in Erscheinung zu treten, wenn ich selbst noch am wenigsten damit zu tun habe.»

Buchcover von «so öppis wie d wahrheit»
Olga Lakritz: «so öppis wie d wahrheit». Roman. edition spoken script, Der gesunde Menschenversand. Luzern 2025. 245 Seiten.