Durch den Monat mit Molly Crabapple (Teil 2): Woher kommt Ihr Drang zur Kunst?
Molly Crabapple wusste früh, was sie will: mit dem Zeichnen Geld verdienen, unter Kreativen leben – und männlich-akademische Vorurteile über Seriosität widerlegen.
WOZ: Molly Crabapple, wie sind Sie zur Künstlerin geworden?
Molly Crabapple: Ich habe mit vier Jahren angefangen zu zeichnen. Und ich wusste ziemlich schnell, dass ich entweder Künstlerin oder Autorin werden wollte. Da meine Mutter Illustratorin ist, wirkte dieser Weg greifbarer. Mir gefiel die Idee, etwas mit meinen Händen zu machen. Ausserdem war ich verdammt schlecht in der Schule. Auch auf dem College bin ich einige Male durchgefallen. Ich habe nicht mal einen Abschluss.
WOZ: Wann wurde aus der Leidenschaft fürs Zeichnen ein Job?
Molly Crabapple: So richtig fing es im College an. Damals habe ich Flyer ausgelegt, zum Beispiel in einem Comicladen, um den Leuten anzubieten, ihre «Dungeons and Dragons»-Charaktere zu zeichnen. Oder auch in Kiosken, um die Haustiere von Leuten zu zeichnen. Ich konnte mir jedenfalls nie vorstellen, später mal den ganzen Tag in einem Büro zu sitzen.
WOZ: Hatten Sie eine konkrete Vorstellung, wie Ihr Leben als Erwachsene aussehen würde?
Molly Crabapple: Mit vierzehn fand ich in einem Secondhandladen ein Exemplar von Anaïs Nins Buch «Delta of Venus». Ich war komplett verzaubert von ihrer Darstellung der Bohème, von der Idee des künstlerischen Paris. Für mich war klar, dass ich mal in einer verrückten, kleinen, alten Wohnung leben wollte, umgeben von Büchern und Gemälden, überall Kunst …
WOZ: Also ziemlich genau, wie Sie heute leben!
Molly Crabapple: Sehr viel anders ist es wirklich nicht geworden.
WOZ: Mit siebzehn zogen Sie tatsächlich nach Paris und jobbten dort im berühmten englischen Buchladen «Shakespeare and Company». Zurück in New York studierten Sie am Fashion Institute of Technology, arbeiteten als Aktmodell und Tänzerin. Mit 22 gründeten Sie eine «Anti-Kunstschule», die Zeichnende in Untergrundbars zusammenbringt. Ein Abenteuer nach dem anderen.
Molly Crabapple: Ich weiss einfach nicht, wie Ausruhen geht. Das ist echt ein Problem. Manche meiner Freund:innen treffen sich zum Abhängen, Fernsehen, normale Dinge. Ich kann das nicht. Mein Gehirn kann das nicht.
WOZ: Fühlen Sie sich getrieben?
Molly Crabapple: Ich entwickle schnell eine Besessenheit, wenn es um Themen oder Personen geht. Ich möchte dann alles darüber wissen und die Dinge irgendwie durch Kunst verarbeiten.
WOZ: Wie nähern Sie sich der Kunst?
Molly Crabapple: Das hängt vom Kontext ab. Kürzlich war ich zum Zeichnen in einem Nachtclub, also alles dunkel, die Leute haben sich schnell bewegt. Da muss ich auch sehr schnell im Beobachten und mit dem Bleistift sein: In welchem Winkel steht die Hüfte? Wie fällt ihr Haar? Das ist gewissermassen analytisch. Bei meiner Bildserie «The Chair» war das anders: Ich setzte Freund:innen auf den Stuhl, auf dem Sie jetzt sitzen, und malte sie ohne viel Kleidung. Es ging weniger darum, eine Situation einzufangen, als darum, darzustellen, wer diese Menschen sind.
WOZ: Sie sind im Stadtteil Queens geboren, wuchsen in Long Island auf, wohnten im Finanzviertel von Manhattan. Seit einiger Zeit sind Sie nun in Williamsburg, Brooklyn. Hat der Umzug Ihre Arbeit verändert?
Molly Crabapple: Mein altes Quartier in Manhattan war nicht wirklich eines: Fast nur Büros, ich kannte die Leute kaum. In dem Gebäude, in dem ich jetzt wohne, sind viele puerto-ricanische und dominikanische Familien. Es fühlt sich sehr vertraut an. Mein Spanisch ist viel besser geworden, weil ich es jeden Tag spreche. Ich setze mich auch künstlerisch mehr mit dem Quartier auseinander. Zum Beispiel mit Ralphie und Dead Eye, die den ganzen Tag vor dem Kiosk rumhängen. Ich zeichne sie ab und zu. Gerade die puerto-ricanische Community hier in South Williamsburg ist sehr zusammengeschweisst. Auch, weil sie seit langer Zeit gegen hohe Mieten und Verdrängung kämpft.
WOZ: Sie sagten neulich bei einer Veranstaltung, die Unterscheidung zwischen «sexy» und «seriös» nicht leiden zu können. Wie ist das gemeint?
Molly Crabapple: Als ich als Burlesque-Tänzerin und Aktmodell anfing, gab es diese Vorstellung, dass man als Frau, die so arbeitet, auch nur über bestimmte Dinge reden sollte – wie Sex und Beauty. Ich hasse dieses Vorurteil. Warum stecken wir einander in solch dumme, kleine Schubladen? Auch als ich anfing, mich in linken Räumen zu bewegen, gab es oft die Erwartungshaltung, ein bestimmtes Vokabular zu benutzen, etwa Derrida zitieren zu können. Das hat mich eingeschüchtert. Aber dann kam Occupy Wall Street. Jeder war eingeladen mitzumachen. Die Bewegung hat gezeigt: Politik ist für alle da. Kunst ist für alle da.
WOZ: Neben Kunst und Aktivismus schreiben Sie journalistische Reportagen und Bücher. Gehen Sie Texte anders an als Illustrationen?
Molly Crabapple: Ich hasse es zu schreiben! Man ruiniert sich den Rücken. Zunächst wird man verrückt, wenn man sich in die Leben und Tragödien anderer Menschen vertieft. Und dann wird man beim Schreiben verrückt vor lauter Isolation. Zeichnen dagegen ist für mich wie Atmen.
Die New Yorkerin Molly Crabapple (42) ist Künstlerin, Aktivistin und Autorin. Ihr neues Buch, «Here Where We Live Is Our Country», setzt sich mit der Geschichte des Jüdischen Arbeiterbundes auseinander.