Lyrik: Laut oder leise
Ein posthum erschienener Gedichtband von Endo Anaconda zeigt, wie fliessend die Grenze zwischen Song und geschriebener Lyrik bei ihm war.
seine unverkennbare Stimme zu hören: Endo Anaconda. Foto: Joan Minder
Manchmal meint man, ihn rufen zu hören: Mohnblumenträume! Satansbraten! Weil dieses Rufen von Endo Anaconda aus den vielen Jahren mit seiner Band Stiller Has noch im Ohr liegt, und nicht nur das: sein klarer und kräftiger, auch zärtlicher Gesang, die unterschiedlichen Register, die am richtigen Ort übertriebenen Betonungen, die lang gezogenen Vokale. Endo Anacondas posthum veröffentlichter Lyrik ist anzumerken, dass sie auch laut gelesen funktioniert hätte oder sowieso so gemeint war.
Über den Bettrand
Eigentlich hätte Anaconda nach der Zeit mit Stiller Has Gedichte veröffentlichen, sich mit Spoken Word ausprobieren wollen. Bis auf ein paar wenige Auftritte ist das nicht geschehen: Andreas Flückiger, wie Anaconda bürgerlich hiess, starb im Februar 2022 mit 66 Jahren an den Folgen von Lungenkrebs. Einige Texte hatte er da für einen möglichen Gedichtband schon zusammengetragen. Diese wurden für das nun im Verlag Gesunder Menschenversand publizierte Buch von der Künstlerin (und Tochter von Anaconda) Nina Rieben, Verleger Matthias Burki und Autor Martin Bieri ergänzt. Aus mehreren Jahrzehnten Archiv in insgesamt fünf Bundesordnern kommen die Gedichte, auch einige Songtexte sind in zum Teil etwas abgeänderter Form im Buch vertreten. Hochdeutsche Texte mit teils österreichischer Färbung, kein Berndeutsch.
«Im Gespinst in dem ich wohne» sei ein Lesebuch, keine Werkausgabe, heisst es im Vorwort von Rieben, Burki und Bieri. So fühlt sich das auch an: viel Unfertiges, Angefangenes. Rufe eben, von irgendwoher, natürlich ist davon nicht alles gut. Die Dada-Anleihen etwa wirken dürftig, zu nachlässig hingeworfen. Und am schlechtesten ist Anaconda dort, wo ein halber Reimwille aufkommt: Da werden die Texte schwerer und ungelenker, als sie sein müssten. Leichter bis leuchtend sind sie dafür dort, wo in Miniaturen bloss etwas anklingt, ein Gedanke oder ein Gefühl, oder wo Anacondas Sprachwitz die Worte lustig verbiegt oder neu zusammensetzt, sodass man sie in seiner unverkennbaren Stimme eben schon fast hören kann. Zwangsgrün. Schienensau!
Viele der Themen, die an Anaconda nagen, kennen wir aus der Zeit mit Stiller Has: die Sehnsüchte bis knapp über den Bettrand hinaus, das Fernweh bis zur nächsten Beiz oder doch grad bis nach Tennessee. Oder die Freiheit: «Man wird Konduktör / oder wandert aus» heisst es in «Villach Westbahnhof», in dem schon lange klar ist, dass hier gar niemand weggeht, man höchstens einen ganzen Tag verbringt an diesem vermaledeiten Warteort, bis Punkt zwölf der letzte Zug abgefahren ist. Von Biel weg und nach Villach in Kärnten war Andreas Flückiger im Alter von fünf Jahren mit seiner Mutter gezogen, nachdem der Vater bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war: «jaja diese Stadt / hat Geschichte / jede Ecke voll / Paracelsus, Fugger und Hitler». Auch die strenge Mutter und die schwierige Beziehung zu ihr klingen an, etwa in «Maman»: «Kuchen / backen / fluchen / Brand / im Frühlings / Glanz / Maman». Eine Schwere ist fast durchgehend zu spüren, als Mittel dagegen hilft der leichte Umgang mit der Sprache, der Witz.
Fisch, Wildschwein, Hase
«Geh weida, immer weida Bua», schreibt Anaconda. Und endlich: die blöde Schweiz mit ihren Geranien und Zwängen. Diese Schweiz, die ihm trotzdem ein freieres Leben ermöglichte, gerade mit dem Musikmachen, und die er vielleicht deshalb so unerbittlich wie zugewandt zu beschreiben vermochte. Hoch oben im Gantrisch ist er da einmal, wo ihn, wenn die Wanderer endlich weg sind, dann doch der ewige Frieden stört. Und weiter unten im Tal erzählt er von den Stammtischen in der Berner Altstadt so nah, als sässe man direkt neben ihm: «Dos stangeli señor! Graçias!», und hintendrein: «Wir haben uns so bemüht / so bemüht, dass etwas passieren könnte». «Altstadt» heisst dieses Gedicht, ein alter Songtext eigentlich von Stiller Has aus dem Jahr 1989, in dem Anaconda die «dumpferen Räusche», die mit dem Alter unweigerlich kämen, schon voraussieht. Auch eines dieser wiederkehrenden Themen: wie das Leben einem zusetzt, der Körper müde von den durchwachten Nächten und unterschiedlichen Rauschmitteln. Und dann ist wieder Frühling oder Herbst oder sonst eine Jahreszeit, und Anaconda wird vor lauter Liebe, Lust oder Kummer zum Fisch oder Fuchs, zum «Moudi», Wildschwein oder Hasen.
Balts Nill, Mitgründer und bis 2005 Perkussionist von Stiller Has, hat das Lesebuch mit einem schönen Nachwort versehen. Er beschreibt, wie Endo Anaconda oft mit einer mit Textfragmenten vollgestopften Klarsichtfolie zur Probe kam: keine Liedtexte, Gedichte, «die in keine Form zu bringen waren. Sie waren zum Lesen geschaffen, laut oder leise.» So seien viele Songs entstanden und eigentlich auch die Band Stiller Has: Endo und die Lyrikmappe bei Balts Nill an den Tasten im Atelier, sie übten zwei, drei Songs, dann kam der erste Auftritt an der 1.-Mai-Feier 1989 in der Berner Reitschule. Nill erinnert sich gern. Aber nostalgisch oder rührselig? Ist das alles zum Glück nicht.