Die Globale Protestwelle: Kein ruhiges Hinterland

Nr. 51 –

Diesen Artikel hören (2:47)
-15
+15
-15
/
+15
Achterbahn-Gleise im Winterkleid
Foto: iStock

Zuletzt ist sie in Bulgarien aufgetaucht, die Comicpiratenfahne, die in diesem Jahr schon Regierungen auf allen Kontinenten das Fürchten gelehrt hat. Und das erneut erfolgreich: Nachdem Zehntausende gegen einen Haushaltsentwurf und gegen die grassierende Korruption im bulgarischen Staatsapparat auf die Strasse gegangen waren, musste die Regierung des liberal-konservativen Ministerpräsidenten Rossen Scheljaskow letzte Woche abdanken. «Mafia raus», hatten die Protestierenden in der Hauptstadt Sofia zuvor aufs Parlamentsgebäude projiziert.

Es ist ein Slogan, der sich wunderbar einfügt in den Sound dieser globalen Protestwelle, die schon vor längerer Zeit Fahrt aufgenommen, 2025 aber noch mal an Wucht zugelegt hat. In den meisten Fällen entlud sich dabei jahrelang angestauter Frust über korrupte Machtkartelle, die den Alltag der Menschen bestimmen und die Aussicht auf eine selbstbestimmte Zukunft verstellen. In Madagaskar brannten schliesslich Barrikaden, in Nepal Ministerien und der Präsidentenpalast; in beiden Ländern kam es zum Umsturz. Andernorts liessen sich immerhin kleinere politische Fortschritte erzwingen.

Bei allen losen Gemeinsamkeiten ist es allerdings wenig aussichtsreich, aus den vielen lokalen Protesten und Revolten ein übergreifendes Ganzes zu konstruieren. Und, ganz zur Enttäuschung linker Kom­mentator:innen von Europa bis Nordamerika, schon gar keine internationale revolutionäre Bewegung: Zu divers und zu heterogen kommen die Pirat:innenproteste daher, auf den ersten Blick oft erratisch und einigermassen chaotisch, ohne Führungsfiguren und politisches Programm. Das macht sie zwar enorm breit anschlussfähig – aber nicht weniger manipulier- und sabotierbar (siehe WOZ Nr. 48/25).

Und während es bei der Mobilisierung überaus hilfreich ist, auf Distanz zu etablierten Parteien und Organisationen zu gehen, erweist sich dies als Hürde, sobald es um den Aufbau tragfähiger Strukturen geht. Noch der grössten Massenbewegung droht deshalb das rasche Verpuffen.

Und trotzdem bringt die aktuelle Protestwelle eine ermutigende Gewissheit mit sich. Die globalen Machtblöcke mögen sich gerade neu konfigurieren und dabei die einstigen Versprechen von Demokratie, Völker- und Menschenrecht endgültig korrumpieren. Aber eines ist gewiss: Auf ein ruhiges Hinterland werden sie auch in Zukunft nicht zählen können.