«Unsere Recherchen erschweren das Wirken der Faschos» Das Markenzeichen der Antifa Bern, der dienstältesten antifaschistischen Gruppierung der Schweiz, ist eine ebenso wichtige wie unterschätzte Praxis: die Recherche.
WOZ: Keine Namen, keine Gesichter – die Antifa Bern tritt stets als anonymes Kollektiv auf. So auch für dieses Interview. Warum eigentlich?
Antifa Bern: Wir wollen nicht ins Visier gewaltbereiter Nazis geraten. Und auch nicht von staatlichen Behörden, die «die Antifa» dem linksextremen Milieu zuordnen, überwacht und eingeschränkt werden. Und wir finden eine klare Trennung von Lohnarbeit und unserer freiwilligen antifaschistischen Tätigkeit sinnvoll.
WOZ: Wie sieht diese Tätigkeit konkret aus?
Antifa Bern: Seit den Anfängen Mitte der neunziger Jahre ist das Recherchieren über rechtsextreme Strukturen in der Schweiz unsere Kernarbeit. Vorbilder für uns sind die Journalisten Jürg Frischknecht und Hans Stutz mit ihren langjährigen Recherchen über die rechtsextreme Szene, die sie ja auch in der WOZ publiziert haben. Wir führen diese Arbeit weiter – nicht als Journalist:innen, sondern als aktivistisches Kollektiv. Dank der Kontinuität und Qualität dieser Recherchen sind wir für viele Medien eine verlässliche Quelle.
WOZ: Was hat damals zur Gründung der Antifa Bern geführt?
Antifa Bern: 1995 überfielen Rechtsextreme ein antifaschistisches Konzert im luzernischen Hochdorf und verletzten mehrere Besucher:innen. Fast zeitgleich endete eine von Blocher angeführte Anti-EU-Demo in Zürich mit Angriffen von Rechtsextremen auf linke Gegendemonstrant:innen. Diese konkreten Angriffe gegen die linke Szene führten zur Einsicht, sich organisieren zu müssen. Da müssen wir aber selbstkritisch sagen, dass rechtsextreme Gewalt schon viel länger ein Problem war. Es gab teils tödliche Angriffe auf Migrant:innen, wie den Brandanschlag in Chur 1989. Das hat damals noch zu keiner breiten antifaschistischen Organisierung geführt.
WOZ: Was bringt das antifaschistische Recherchieren?
Antifa Bern: Indem wir genau hinschauen und immer wieder aufzeigen, was in der rechtsextremen Szene abgeht und wer federführend aktiv ist, erschweren wir deren Aktivitäten. So können wir etwa Konzerte verhindern. Und es ist wichtig, Entwicklungen zu dokumentieren und einzuordnen, so wie aktuell bei neuen Rechten, die sehr öffentlichkeitswirksam auftreten: Auch wenn sie sich nicht auf den Nationalsozialismus beziehen und sich gesellschaftlich anschlussfähig geben – am Ende sind das eindeutig Rechtsradikale, die eine zutiefst rassistische und autoritäre Ideologie propagieren.
WOZ: Die hiesige rechtsextreme Szene pflegt enge Verbindungen zu rechtsextremen Strukturen in Österreich und Deutschland. Wie sieht das bei euch aus?
Antifa Bern: Gerade weil die rechtsextreme Szene wie schon in den Neunzigern derart vernetzt ist, stehen auch wir seit jeher in engem Austausch mit Gruppierungen insbesondere in Deutschland und Österreich. Dadurch konnten wir etwa im Nachgang des grossen Nazikonzerts in Unterwasser im Herbst 2016 sehr rasch die entscheidenden Akteur:innen und Finanzflüsse aufdecken und enge Verbindungen zwischen Deutschschweizer und Thüringer Strukturen belegen. Auch deshalb waren das mediale Echo und die öffentliche Empörung damals so gross. Ein ähnlich grosses Konzert hat in der Schweiz seither nicht mehr stattgefunden.
WOZ: Wie schätzt ihr die Lage des rechtsextremen Lagers in der Schweiz ein?
Antifa Bern: Die Schweiz gilt heute als ruhiges Hinterland. Aber auch wenn die «wilden Zeiten» vorbei sind, bestehen die rechtsextremen Strukturen und Verbindungen fort, und es ist wichtig, diese weiter zu beobachten. In jüngster Zeit fällt uns jedoch auf, dass sich gerade Jüngere im Berner Umland wieder sichtbarer rechtsoffen zeigen. Und natürlich ist der gesamtgesellschaftliche Rechtsruck deutlich spürbar. Wenn wir heute eine Recherche publizieren, die enge Verbindungen von SVP-Politiker:innen zu rechtsextremen Strukturen aufdeckt, löst das kaum noch Empörung aus. Das war vor einigen Jahren noch anders. Insgesamt und global betrachtet ist die Lage besorgniserregend.
WOZ: Gibts auch positive Entwicklungen?
Antifa Bern: Durch den Rechtsruck und das Erstarken von extrem rechten Kräften haben auch der Antifaschismus und die Bewegung dahinter mehr Aufmerksamkeit erhalten. Wir spüren ein grösseres Interesse an unserer Arbeit als auch schon. Überall im Land entstehen gerade neue offene antifaschistische Treffen, sogenannte OATs. Das ist erfreulich.
Infos zur Antifa Bern gibts unter antifa.ch. Dort ist auch die «Antifarevue #2» (PDF-Datei) abrufbar, das derzeit umfassendste Kompendium über die rechtsextreme Szene der Schweiz.