Literatur: Wo der Hammer fällt
Ein Hammer, der vom Balkon fällt und einen Menschen erschlägt; aufgebrachte Nachbar:innen, die sich am jugendlichen Sohn des vermeintlichen Unfallverursachers zu rächen versuchen; eine Hundemeute, die einen Mann anfällt, bis alles voller Blut ist und er meint, seine Knochen splittern zu hören: Die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen beginnt ihren Roman mit ineinander verketteten Ausnahmesituationen und zeigt, wie die Figuren im Buch damit klarzukommen versuchen.
Im Zentrum von «Ungebetene Gäste» stehen die junge Mutter Naomi und ihr Mann Juval mit ihrem einjährigen Sohn, der den Hammer vom fünften Stock gestossen hat. Für den Unfall verantwortlich gemacht wird letztlich jedoch der arabische Handwerker, der sein Werkzeug auf der Balkonbrüstung deponiert hatte. Juval nutzt seine Privilegien als Militär und gut verdienender Israeli, um den Gerichtsprozess zugunsten seiner Familie zu entscheiden.
Um Distanz zu gewinnen, ziehen sie für mehrere Monate nach Nigeria. Naomi, die zu Beginn des Romans mit der langweiligen Routine zwischen Stillen, Brei und Einschlafspaziergängen beschäftigt ist, wird nun mit ihrer Schuld und Verantwortung konfrontiert: Der Sohn des Handwerkers ruft in den Nächten bei ihr an und fordert Geld von ihr, um die Prozesskosten zu begleichen. Derweil problematisiert ihre neu gewonnene nigerianische Freundin Ayobami die Zusammenarbeit von israelischen mit nigerianischen Militärs – und damit die Tätigkeit von Naomis Mann.
Gundar-Goshen lotet anhand individueller Geschichten ihrer Protagonist:innen die gesellschaftlichen Machtverhältnisse aus. Und wie bereits in ihren früheren Büchern rekonstruiert sie dabei die Abgründe, die sich auftun, wenn Menschen längere Zeit schicksalhafte Erlebnisse verbergen. Die Autorin, die auch als Psychologin tätig ist, schildert überzeugend das Innenleben ihrer Figuren und zieht uns mit einer vielschichtigen, episodenhaft aufgebauten Erzählung in ihren Bann.