Ein Traum der Welt: Noch schnell ein Ei
Annette Hug sucht nach letzten Versen
Im Pflegeheim fehlen meiner Verwandten die Worte. Was manchmal noch Sätze hervorkitzelt, ist ein altes Lied: «Ich weiss nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin …» Wenn sie dann mitsingt, vom «Märchen aus uralten Zeiten», dann treten ihr Tränen in die Augen. «Nein!», sagt sie laut, und ich verstehe: «Themenwechsel!» Oder sie widerspricht: «Ich weiss doch!» – «Was denn?» – «Dass ich bin.»
In Hannover, wo meine Verwandte 1940 zur Welt kam, lernte man das Lied von der Loreley offensichtlich auswendig. So auch im nahe gelegenen Osnabrück, wo Eva Klein eine Generation früher zur Schule gegangen war. Sie konnte 103 Jahre alt werden, weil sie rechtzeitig Deutschland verliess. In Algerien heiratete sie einen jüdischen Arzt, zog zwei Kinder gross und reiste nach Frankreich, kurz bevor sie aus Algerien vertrieben worden wäre. In mindestens zehn Büchern ihrer Tochter Hélène Cixous ist sie die treibende Kraft. Irgendwo habe ich gelesen, dass das Lied von der Loreley auch für Ève Cixous zu den letzten erinnerten Versen gehörte.
Georges-Arthur Goldschmidt, eine Lichtgestalt der französisch-deutschen Verständigung, konnte sich als Jugendlicher nach Frankreich retten. In einem Gespräch, das der französischen Ausgabe von «Der versperrte Weg» (2021) beiliegt, erzählt er von seiner Schule in Reinbek bei Hamburg. Einmal kam er nach Hause und fragte, ob der Autor des Gedichts «Die Loreley» Unbekannt heisse oder ob er unbekannt sei. Die Eltern mussten dem Jungen erklären, dass die Nazis das urdeutsche Gedicht offenbar nicht verbieten wollten, obwohl es vom Juden Heinrich Heine stammte, also behielten sie es ohne Heine.
Radikaler waren die Schulbehörden in der deutsch besetzten Tschechoslowakei, erzählte Erica Pedretti, als sie 2013 den Schweizer Literaturpreis für ihr Lebenswerk erhielt. Als Schülerin in Mähren sei sie aufgefordert worden, das Lied «Leise zieht durch mein Gemüt, ein liebliches Geläute» zu überkleben. Der Text war von Heinrich Heine und die Melodie von Felix Mendelssohn.
Im algerischen Oran drohte der Familie Cixous Verfolgung durch das französische Vichy-Regime, ausserdem kam Hélènes Bruder unter einen Jeep. Rekonvaleszent lag er im Bett, und Mutter Ève bastelte ein Marionettentheater. Sie spielte Shakespeare, Hitler-Szenen und Wilhelm Busch. In diesem Theater bleibe ich auf meiner Suche nach der Loreley stecken, Bücher stapeln sich zwischen Tastatur und Bildschirm.
Hélène Cixous wird nächstes Jahr neunzig und schreibt noch immer jedes Jahr ein grandioses Buch. 2024 erschien «Et la mère pond vite un dernier œuf» (Mutter legt noch schnell ein letztes Ei), da tauchen Max und Moritz im Marionettentheater der Mutter auf. Die übersetzt Busch auf Französisch, aber nicht konsequent, denn «Pfui» und «Schwuppdiwupp» sind unverzichtbar.
Die Kinder lernen «Outreallemand», da amüsiert sich eine Sprache mit der andern, während draussen der Krieg tobt. «Vilaine Bouche», verstehen die Kinder, ein rotzmäuliges Weib sorgt mit brutalen Geschichten für Aufregung. Das sei wie Kafkas «Strafkolonie» für Kinder, sie habe fürs Leben gelernt, schreibt Cixous. Vielleicht bin ich auch deshalb süchtig nach ihren Büchern, weil in ihrem Französisch das Deutsch von Eva Klein anklingt, ein geretteter Karneval von Wörtern.
Annette Hug ist Autorin in Zürich.
Zahlreiche Bücher von Hélène Cixous kann man gleich zweimal lesen, weil sie wunderbar erfindungsreich ins Deutsche übersetzt sind, manchmal von Claudia Simma, manchmal von Esther von der Osten. Ein Hoch auf den Passagen-Verlag!