Nr. 22/2022 vom 02.06.2022

Gedenken am Maschsee

Annette Hug zwischen den Kriegen

Von Annette Hug

Jetzt ist die Cafeteria im Pflegeheim wieder voll. Die Stimmung ist hervorragend, kann aber jederzeit kippen, zumindest an unserem Tisch. Da sitze ich mit meiner Verwandten, die ihre eigene Geografie im Kopf hat. Bei Nebel blicken wir durch die Fensterfront übers Meer. Seit in den Nachrichten, die sie sofort vergisst, Kriegsbilder zu sehen sind, denkt sie in der Cafeteria an einen Schutzraum. Die Ausmasse seien in etwa dieselben. Die Szene wiederholt sich: «Stell dir das vor», sagt meine Verwandte unvermittelt, «da sassen die Leute dicht gedrängt, und die Erwachsenen haben gezittert wie Espenlaub.»

Beim Wort «Espenlaub» beginnt sie jedes Mal zu zittern. Eine Art Schüttelfrost überkommt sie, dann muss man sie in den Arm nehmen, bis sie ihre Tränen verdrückt und sehr bestimmt sagt: «Vorbei. Es ist vorbei.»

Jener Schutzraum stand in Hannover, wo die Verwandte kurz nach Kriegsbeginn zur Welt kam. Sie erinnert sich an brennende Häuser und an einen Ritt auf dem Gepäckträger, als die Mutter mit dem Fahrrad aus der Stadt floh, und an die Gartenlaube, in der sie dann wohnten. Schön sei der Maschsee gewesen und der Stadtwald Eilenriede. «Ich war ja ein Arbeiterkind und hatte den Armeleuteblick, andere sahen luxuriöser», sagte sie, als ich nach weiteren Sehenswürdigkeiten fragte, weil ich kürzlich zum ersten Mal in Hannover haltmachte. «Am besten fragst du dort, was man sich anschauen soll.»

Am 9. Mai hatte ich also Zeit, zwischen zwei Terminen ein paar Stunden in Hannover spazieren zu gehen. Gleich hinter den Einkaufsmeilen aus der Nachkriegszeit führte ein Hannah-Arendt-Weg durch alte Bäume, einen Kanal entlang, zum Maschsee. Er war viel kleiner, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Gleich hinter der Uferpromenade stachen die Farben Gelb-Blau und Weiss-Rot ins Auge. In kleinen Gruppen hatten sich Leute vor Trauerkränzen versammelt. Eine Schautafel, erstellt von der Heinrich-Heine-Schule, klärte mich auf: Hier lagen Zwangsarbeiter:innen begraben. 60 000 sind im Zweiten Weltkrieg in die Rüstungsfabriken Hannovers verschleppt worden, viele davon aus der ehemaligen Sowjetunion.

Auf dem Stadtgebiet gab es mehr als 500 industrielle Lager, ausserdem 7 Aussenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Einen Monat vor Kriegsende trieben Aufseher die Insass:innen des strafverschärfenden Arbeitserziehungslagers Lahde durch die Stadt. Einer kleinen Gruppe gelang die Flucht. Die anderen wurden daraufhin gezwungen, ihre eigenen Gräber auszuheben, dann haben die Aufseher sie erschossen. Nur einer entkam, er hiess Peter Palnikow. Als er nach der Befreiung der Stadt die Alliierten über das Massaker informierte, liessen die Briten die Leichen exhumieren – «für eine würdevolle Bestattung am Nordufer des Maschsees», steht auf der Schautafel neben den Gräbern, wo sich am 9. Mai 2022 kleine Gruppen schweigend versammeln. Da und dort ist Murmeln in einer slawischen Sprache zu hören.

Frische Kränze sind niedergelegt vom Landesverband der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, der Gewerkschaft IG Metall, vom Generalkonsulat der Ukraine in Hamburg, von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und der Maschsee AG. Russische und ukrainische Fahnen stecken zwischen den Blumen. Da ist es wieder, das Zittern.

Annette Hug ist Autorin und wurde kürzlich mit dem ZKB-Schillerpreis ausgezeichnet.

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