Herat ist immer noch von Nachbeben betroffen
Dass in Afghanistan die Erde bebte, erhielt in der Schweiz bislang kaum Aufmerksamkeit. Im Schatten des Kriegs in Israel hat das Beben der Stärke 6,3 auf der Richterskala am Samstagvormittag die afghanische Region Herat erschüttert. Es war das stärkste Erdbeben im Land seit 1998.
Afghanistan ist bereits von einer schweren Wirtschafts- und Nahrungsmittelkrise betroffen, und seit der Machtergreifung der Taliban im August 2021 haben sich viele internationale Hilfswerke zurückgezogen. Wer leistet jetzt vor Ort noch Hilfe?
Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) vermeldet, dass der Bund das Land mit einem Beitrag an den «Afghan Humanitarian Fund» unterstütze. Er wird von der Uno verwaltet. 1,5 Millionen Franken seien bislang in diesen Fonds geflossen, schreibt das EDA. Es werde «diesen Betrag nach dem Erdbeben mit dieser zusätzlichen Zahlung auf insgesamt 3,8 Millionen Franken erhöhen».
Auch manche private Schweizer Hilfswerke sind noch in Afghanistan aktiv. Das grösste von ihnen ist die Afghanistanhilfe. Die Organisation stehe seit Sonntag mit Partnerorganisationen vor Ort in Kontakt, sagt ihr Präsident Michael Kunz auf Anfrage: «Nach dem Erdbeben haben die Taliban alle lokalen Organisationen zur Hilfe aufgerufen», so Kunz. «Daraufhin haben sich einige unserer Partnerorganisationen bei uns gemeldet». Bisher habe die Organisation 30'000 Franken für Soforthilfegüter gesprochen. Diese würden jetzt von Helfer:innen aus anderen Landesteilen nach Herat transportiert.
Als eine von wenigen internationalen Organisationen ist Ärzte ohne Grenzen bereits vor Ort. Sie leistet in den lokalen Spitälern Hilfe. «Herat ist immer noch von Nachbeben betroffen, was für alle beunruhigend ist», berichtet ihr Programmleiter in Afghanistan, Yahya Kalilah. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums und des Regionalspitals wurden bisher 2445 Todesfälle und 2440 Verletzte gemeldet. Betroffen seien demnach meist Frauen und Kinder, die zum Zeitpunkt des Bebens zu Hause waren. Zur Frage, wie es in den nächsten Tagen weitergehen soll, sagt Kalilah: «Der dringendste Bedarf im Regionalspital von Herat besteht derzeit darin, Unterkünfte für die Menschen zu finden, die alles verloren haben.»
In den nächsten Wochen wird vermutlich noch weitere Hilfe vor Ort eintreffen. Carlos Diaz, Leiter Not- und Katastrophenhilfe bei Save the Children Schweiz, sagt: «Gemeinsam mit Partnerorganisationen sind wir aktuell dabei, die Hilfe zu koordinieren, um sicherzustellen, dass so viele Menschen wie möglich erreicht werden können.» Geplant sei unter anderem die Verteilung von Bargeld an Familien, sagt Diaz: «Um sie beim Kauf von Materialien für den Wiederaufbau ihrer Häuser zu unterstützen.»