Das Imperium schlägt zu
US-Interventionen von Panama über Irak bis Venezuela
Man muss schon ein sehr selektives Gedächtnis haben, um die Entführung von Präsident Nicolás Maduro und seiner Frau Cilia Flores aus Venezuela als „Rückkehr“ Washingtons zu einer „imperialistischen“ Politik zu bezeichnen, welche die USA seit 1945, wenn nicht gar seit 1918 nicht mehr praktiziert hätten.
Dass dieses Adjektiv in Bezug auf das Weiße Haus neuerdings von Medien verwendet wird, die es bislang nur für den Kreml reserviert hatten, wirkt naiv und ist auch unglaubwürdig. Seit dem Ende des Kalten Kriegs sprechen allein die Operationen unter der US-Präsidentschaft von George H. W. Bush (1989–1993) für sich.
Im Dezember 1989 starteten die USA ihre größte Militärintervention seit Vietnam. Sie wurde damals ebenfalls als Drogenbekämpfungsmaßnahme verkauft und stellte eine flagrante Verletzung des Völkerrechts dar: die US-Invasion in Panama und die Entführung von Diktator Manuel Noriega. Allerdings hatte dieser – anders als Maduro – zuvor jahrzehntelang als Agent für die CIA gearbeitet.
Ihren Höhepunkt erreichten die US-Interventionen mit der Invasion im Irak im März 2003 unter der Präsidentschaft von Bushs Sohn George W. Bush (2001–2009). Die Besatzung Iraks und die Intervention in Afghanistan (Operation Enduring Freedom) nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York, Washington, D. C., und Shanksville entwickelten sich schnell zu einem Sumpf, aus dem sich die USA nur mit großen Verlusten und viel Aufwand befreien konnten: 2011 zogen sie aus dem Irak ab, zehn Jahre später verließen die letzten US-Truppen nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 Afghanistan.
Infolge dieser beiden katastrophalen Langzeitoperationen wurde das Land wieder vom „Vietnam-Syndrom“ eingeholt – insbesondere durch das Scheitern im Irak, wo die USA wesentlich mehr personelle und finanzielle Mittel aufgewendet hatten. Die Lehren aus den Erfahrungen im Nahen und Mittleren Osten waren eindeutig: keine langwierigen Besatzungen mehr, nur begrenzte Zielsetzungen, sofortige massive Militärschläge über einen kurzen Zeitraum und statt Bodentruppen nur noch unbemannte Flugzeuge, die sich vom Computerarbeitsplatz aus der Ferne steuern lassen.1
Bushs Nachfolger Barack Obama, der sich rühmte, die Irak-Invasion von Anfang an abgelehnt zu haben, brach alle Rekorde bei den Luftschlägen aus der Ferne, insbesondere mit Drohnen; Donald Trump hütete sich während seiner ersten Amtszeit davor, diesen Kurs zu ändern; und Joe Biden, vormals Vizepräsident unter Obama, setzte dessen Strategie ebenfalls fort.
Was also ist neu an Trumps Aktion in Venezuela? Einige Beobachter sehen darin eine Rückkehr zum Regime-Change-Konzept der 1990er Jahre, das nach dem Irak-Fiasko aufgegeben wurde. Diese Interpretation missversteht jedoch sowohl die eigentliche Bedeutung des Konzepts als auch Trumps Politik. Der Begriff Regime-Change war in George W. Bushs erster Amtszeit sehr beliebt in der Regierung, in der vor allem im Pentagon die Neocons das Sagen hatten. Deren Wortführer forderten, die „realistische“ Politik aufzugeben, die sich früher selbst mit den brutalsten Diktaturen arrangiert hatte, solange sie den Interessen der Vereinigten Staaten dienten.
Nach dem Endes des Kalten Kriegs, so die damals weitverbreitete Ansicht, müsse Washington seinen Worten nun auch Taten folgen lassen und überall auf der Welt den demokratischen Wandel fördern. Der Regime-Change im Irak sollte einhergehen mit einem Prozess des Nation-Buildings – dem Aufbau eines neuen Staats unter Aufsicht der US-Besatzungsmacht, ähnlich wie nach 1945 in Westdeutschland und Japan.
Der Irak sollte zum Vorzeigeland eines demokratischen Wandels im Nahen Osten werden. Die Hoffnung war, dass die Strahlkraft dieses Beispiels – und Washingtons Druckmittel – andere Staaten in der Region dazu bewegen würden, diesem Modell zu folgen. Endlich würden die USA imstande sein, eine Welt nach ihrem Bild zu schaffen.
Dass diese Perspektive den autokratischen Regimen im Nahen Osten nicht gefiel, versteht sich von selbst – angefangen bei den Vasallenstaaten Washingtons, die lange Zeit von der „realistischen“ Akzeptanz ihrer Despotien durch ihren Lehnsherrn profitiert hatten. Daher begannen sie, die Neocons in der Bush-Regierung gezielt zu bekämpfen. Mit Unterstützung des Außenministeriums und der CIA versuchte insbesondere die saudische Führung, den US-Präsidenten davon zu überzeugen, seine Ambitionen aufzugeben, den irakischen Staat radikal umzubauen.
Über den irakischen Oppositionellen Ijad Allawi als Mittler, der auch von der CIA alimentiert wurde, schlugen die Saudis den Amerikanern vor, sie sollten sich stattdessen mit der irakischen Armeeführung zusammentun und sie dabei unterstützen, Saddam Hussein zu stürzen.2 Dann stünde die Armeeführung quasi in ihrer Schuld der USA, und der Irak könnte in eine Richtung gelenkt werden, die den US-Interessen in der Region entgegenkam. Damals erklärte Allawi in einem Interview, die Opposition hätte nur die oberste Führungsebene beseitigen wollen, der Rest des Regimes sollte jedoch intakt bleiben.3
Als aber die mit den US-Neocons verbündete irakische Exilopposition davon Wind bekam, schlug sie öffentlich Alarm. Unter Führung von Ahmad al-Dschalabi, dem Parteivorsitzenden des Irakischen Nationalkongresses (INC) mit Sitz in London, beschuldigte sie eine arabisch-amerikanische Clique, den „Saddamismus ohne Saddam“ fortsetzen zu wollen. Mit Unterstützung des damaligen britischen Premierministers Tony Blair setzten sich die Neocons schließlich durch.
Doch ihr Plan sollte sich für die USA als katastrophal erweisen: Die Zerschlagung des irakischen Staats im Namen der „De-Baathifizierung“, nach dem Vorbild der Entnazifizierung Deutschlands nach 1945, führte direkt ins Chaos: Iran gewann die Dominanz über die schiitische Mehrheit im Irak und gleichzeitig formierte sich in den Regionen mit sunnitischer Mehrheit eine sowohl antiamerikanische als auch antischiitische Guerilla mit al-Qaida als Hauptakteur.
Ahmad al-Dschalabi wurde bereits 2004 von Washington wieder fallen gelassen. Er wurde beschuldigt, für das schiitische Regime in Teheran zu arbeiten. Im folgenden Jahr, nach Bushs Wiederwahl, mussten Neocons wie Donald Rumsfeld und Paul Wolfowitz die Regierung in Washington verlassen. 2006 formulierte der US-Kongress eine Exitstrategie, mit der die Träume vom demokratischen Wandel begraben wurden.
Unter dem Schlagwort „Lessons from Iraq“ hieß es nun, dass es ein fataler Fehler gewesen sei, den irakischen Staatsapparat zerschlagen zu haben, den man zur Regierung des Landes hätte erhalten müssen. Gegen den militärisch erzwungenen Regimewechsel setzte Obama auf Demokratisierung von unten. Er wollte die Aufstände des Arabischen Frühlings mit Hilfe Katars begleiten und bezog die Muslimbrüder mit ein. Doch der Militärputsch in Ägypten 2013, bei dem Präsident Mursi und die Muslimbrüder mit Unterstützung Riads und gegen den Willen Washingtons abgesetzt wurden, besiegelte das Ende auch dieser Politik.
Danach blieb nur noch die von den Saudis vor der Besetzung des Iraks propagierte Strategie übrig: Wo wichtige Interessen auf dem Spiel stehen, ist es besser, die bestehenden Regime zu zwingen, sich den Wünschen Washingtons zu fügen, als zu versuchen, sie zu stürzen und damit ein Chaos zu riskieren.
Diese Lektion war auch Donald Trump nicht entgangen. Er reagierte auf das Irak-Fiasko, indem er den Einsatz von Gewalt nur befürwortete, wenn sie dazu diene, sich die Ölvorkommen des Landes anzueignen – ein Vorgehen, das später seine Präsidentschaft prägen sollte.
Als die US-Truppen 2011 den Irak verließen, kritisierte er Obama scharf, dass er sich aus dem Land zurückgezogen habe, ohne sich vorher dessen Ölvorkommen gesichert zu haben. In seinem Buch „Time to Get Tough: Making America #1 Again“, das im selben Jahr erschien, widmet er dem Thema Irak ein ganzes Kapitel unter der Überschrift „Nehmt das Öl“ und dem Abschnitt „Dem Sieger gehört die Beute“.4
Seit Januar 2025 haben die USA sieben Länder bombardiert
Hier erklärt er, dass sich die USA das irakische Öl hätten aneignen müssen, um zu verhindern, dass das Teheraner Regime die Ressourcen seines Nachbarlands unter seine Kontrolle bringt. Ganz ähnlich argumentiert Trump heute in Bezug auf Venezuela und Grönland, die beide durch China und Russland bedroht seien.
Trump äußerte sich zunehmend kritisch über das Regime-Change-Konzept als Vehikel einer Demokratisierung und zog daraus Konsequenzen: Während seiner ersten Amtszeit ab 2017 verhandelte er mit den Taliban über den Abzug der USA aus Afghanistan, der dann unter seinem Nachfolger Joe Biden bekanntermaßen auf katastrophale Weise vollzogen wurde.
Inspiriert durch die Erfahrungen im Irak knüpfte die Trump-Regierung 2018 auch Kontakte zu venezolanischen Militärs, die einen Staatsstreich in Caracas vorbereiteten – allerdings standen einige von ihnen auf einer Sanktionsliste der US-Regierung: wegen schwerer Verbrechen und Beteiligung am Drogenschmuggel.5 Trumps erster Versuch, einen Putsch in Venezuela zu initiieren, verlief bald im Sande. Ein zweiter Versuch scheiterte im April 2019, weil es weder gelang, die Armee einzuspannen, noch, die Bevölkerung zu mobilisieren.
Eine Schlüsselfigur dieses Unternehmens war Manuel Cristopher Figuera, Direktor des venezolanischen Geheimdienstes Sebin (Servicio Bolivariano de Inteligencia Nacional). Erst kurz zuvor, im Februar 2019, hatte die US-Regierung ihn auf die Sanktionsliste gesetzt wegen „Massenfolter, massiver Menschenrechtsverletzungen und Massenverfolgung von Oppositionellen, die einen demokratischen Wandel in Venezuela anstreben“.6 Nachdem der Umsturzversuch gegen Nicolás Maduro am 30. April gescheitert war, flüchtete Manuel Cristopher Figuera in die USA, und die gegen ihn verhängten US-Sanktionen wurden aufgehoben.
Für Trump war der gescheiterte Putschversuch ein herber Schlag. Während seiner ersten Amtszeit war er von seinem Team dazu gedrängt worden, Juan Guaidó, den Präsidenten der damals von der Opposition dominierten Nationalversammlung, im Namen der Demokratie als Präsidenten Venezuelas anzuerkennen. Doch Guaidó brachte nicht den erhofften Wandel. Diese Enttäuschung verstärkte Trumps Abneigung, sich für die demokratische Sache einzusetzen.
Wie schon in seiner ersten stattete Trump auch in seiner zweiten Amtszeit seinen ersten Auslandsbesuch dem Königreich Saudi-Arabien ab. Dort kritisierte er im Mai 2025 in aller Schärfe die Idee, im Nahen Osten die Demokratie zu fördern, und behauptete gleichzeitig, er finde wenig Gefallen am Einsatz von Gewalt.
Diese leere Rhetorik, gepaart mit seinem Anspruch, als nobelpreiswürdiger Friedensstifter bewundert zu werden, erweckte bei einigen den falschen Eindruck, Trump sei ein neurechter Isolationist. Tatsächlich hat er sich jedoch stets gerühmt, ein „Hardliner“ zu sein, der im Gegensatz zu Obama nicht zögern würde zuzuschlagen, wenn sich die Gelegenheit ergibt – was er in seiner ersten Amtszeit, insbesondere in Syrien und im Irak, bewies und noch häufiger seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus. Sieben Länder attackierten die USA seit Januar 2025 mit Luftschlägen: Jemen, Somalia, Irak, Iran, Syrien, Nigeria und Venezuela.
Donald Trump gilt als unberechenbar, dabei ist seine imperiale Politik durchaus kohärent. Sie folgt seiner Vorstellung davon, was den USA wirtschaftlich wie strategisch nützen könnte, seine persönlichen Ambitionen und gelegentlich auch die seiner Familie behält er dabei immer im Blick.
Seine Vorgehensweise folgt dabei den Lehren aus dem Irakkrieg, wie der Fall Venezuela deutlich zeigt: Trump gibt nicht mehr vor, die Demokratie fördern zu wollen. So hat er noch nicht einmal freie Wahlen gefordert. Und er erklärte, dass María Corina Machado, die führende Persönlichkeit der venezolanischen Opposition, die bislang von den westlichen Hauptstädten unterstützt wurde, vorläufig ungeeignet sei.
Trump setzt stattdessen auf die Kontakte, die seine Regierung innerhalb des Maduro-Regimes knüpfte, unter anderem zur Vizepräsidentin Delcy Rodríguez, die inzwischen zur Interimspräsidentin ernannt wurde. Er ist der Meinung, dass das venezolanische Regime nach der Machtdemonstration des US-Militärs, den ständigen Androhungen neuer Gewalt und dem verschärften wirtschaftlichen Druck keine andere Wahl hat, als seinen Forderungen nachzukommen. Dazu gehört vor allem, dass Caracas die Interessen Chevrons, dem einzigen US-Ölkonzern, der in Venezuela tätig ist, sowie anderer Trump-Verbündeter befriedigt (siehe den Beitrag von Manfred Kriener: „Schwarzer Brei aus Venezuela“).7
Mike Johnson, republikanischer Sprecher des Repräsentantenhauses, fasste es vor laufenden Fernsehkameras treffend zusammen: „Es geht nicht um einen Regimewechsel, sondern um die Verhaltensänderung eines Regimes.“8 Genau den gleichen Ansatz verfolgt Trump, wenn er Kuba und Iran dazu auffordert, „ein Abkommen“ mit ihm zu schließen – natürlich unter Androhung von Gewalt.
In der imperialen Politik von Trumps zweiter Amtszeit verschmilzt ein Zynismus, den manche mit Aufrichtigkeit verwechseln,9 mit roher Gewalt im Dienst einer Weltanschauung, zu der sowohl der unverhohlene Anspruch auf die Vorherrschaft („America First“) als auch die sogenannte Donroe-Doktrin gehören, eine neue Version der Monroe-Doktrin, die den gesamten amerikanischen Kontinent zum Revier der Vereinigten Staaten erklärt.
Und wenn sich Trump nicht wie seine Vorgänger scheinheilig als Verfechter der Demokratie darstellt, dann hat das bestimmt nichts damit zu tun, dass er davor zurückschreckte, sich in die Angelegenheiten anderer Länder einzumischen. Er und die Mitglieder seiner Regierung unter der Führung von Vizepräsident J. D. Vance scheuen sich keineswegs, Gleichgesinnte überall auf der Welt offen zu unterstützen – angefangen mit Südamerika; man denke nur an den Argentinier Javier Milei oder den brasilianischen Bolsonaro-Clan.
1 Siehe Laurent Checola und Edouard Pflimlin, „Aufspüren und vernichten“, LMd, Dezember 2009.
2 Diese Absprachen wurden fünf Monate nach Beginn der Irak-Invasion durch eine Recherche der New York Times aufgedeckt: Douglas Jehl und Dexter Filkins, „After the war: covert operations. U.S. moved to undermine iraqi military before war“, The New York Times, 10. August 2003.
3 Das Interview wird im Artikel von Jehl und Filkins zitiert (s. Anm. 2)
4 Siehe Donald J. Trump, „Time to Get Tough: Making America #1 Again“, Washington (Regnery Publishing) 2011.
5 Ernesto Londoño und Nicholas Casey, „Trump administration discussed coup plans with rebel venezuelan officers“, The New York Times, 8. September 2018.
6 „Treasury sanctions officials aligned with former president Nicolas Maduro and involved in repression and corruption“, U. S. Department of the Treasury, 15. Februar 2019.
7 Malcolm Moore und Jamie Smyth, „Donald Trump’s first Venezuela oil sale deal goes to megadonor’s company“, The Financial Times, 16. Januar 2026.
8 „Johnson reacts to Venezuela briefing, says ‚this is not a regime change‘“, CBS News, 6. Januar 2026.
9 „The radical honesty of Donald Trump“, The Economist, 7. Januar 2026.
Aus dem Französischen von Jakob Farah
Gilbert Achcar ist emeritierter Professor für Entwicklungsstudien und Internationale Beziehungen an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London.