Sachbuch: Die Mär von der Energiewende
Wollen wir den Klimakollaps verhindern, müssen wir schleunigst auf erneuerbare Energien umstellen. So lautet das Mantra all jener, die verstehen, dass die ungebremste Freisetzung von Kohlendioxid schwerwiegende Folgen hat. Zum Glück haben wir eine ähnliche Wende schon mehrmals geschafft.
Irrtum!, hält der Wissenschaftshistoriker Jean-Baptiste Fressoz dagegen und zeigt in seinem neuen Buch, dass es eine «Energiewende» noch nie gegeben hat. Doch wieso reden alle von links bis liberal davon?
Befürworter:innen der Atomkraft propagierten vor fünfzig Jahren, AKWs sollten das versiegende und klimaschädliche Erdöl ablösen, so wie dieses die Kohle verdrängt habe – und diese vorher das Holz. Seither geistert dieses Energiewendemodell durch die Klimadebatten, auch beim Weltklimarat IPCC. Dumm nur, dass wir uns darauf verlassen, obwohl das Modell schlichtweg falsch ist.
Zwar habe sich der relative Anteil der Energieträger tatsächlich stark verschoben, schreibt Fressoz. Trotzdem wird heute viel mehr Holz verbraucht (Zalando-Päckli!) als am Höhepunkt der Holzära; auch Kohle wird weiterhin in grossen Mengen verfeuert. Und obwohl der Anteil an Solar- und Windenergie wächst: Der Verbrauch fossiler Energien steigt bis heute und ist nach wie vor um ein Vielfaches höher als derjenige alternativer Energien.
Neue Energieträger ersetzen die alten nicht, sondern ergänzen sie. Viele industrielle Produktionsprozesse – etwa die Herstellung von Stahl, Zement, Dünger und Plastik – sind aktuell auf fossile Brennstoffe angewiesen, auch der Flugverkehr wird noch lange Kerosin benötigen. Und in der Produktion von Windrädern und Solaranlagen steckt ebenfalls fossile Energie. Das gesamte System ist für einfache Lösungen viel zu komplex.
Fressoz’ Buch, bisher auf Englisch und Französisch erschienen, ist ein Mahnruf. Verlassen wir uns auf eine sogenannte Energiewende, die mit etwas gutem Willen möglich sein soll, machen wir uns etwas vor. Nötig wäre vielmehr, so der Autor, die Wirtschaft von Grund auf anzupassen, eine Wohlstandsreduktion in Kauf zu nehmen und unseren Lebensstil zu ändern …