Queer in Exjugoslawien: Beklemmende Lektüre und Zeugnisse von Widerstand
Der Historiker Franko Dota beschäftigt sich seit Jahren mit der politischen Geschichte der männlichen Homosexualität im sozialistischen Jugoslawien. Nun hat er ein Buch dazu publiziert.
«Die LGBTIQ+-Bewegung ist eine der erfolgreichsten emanzipatorischen Bewegungen der neusten Geschichte», sagt der in Zagreb lebende Franko Dota im Gespräch, «das zeigt auch die Entwicklung in Kroatien.» Bis 1977 waren sexuelle Beziehungen zwischen Männern noch strafbar. 2014, nur 37 Jahre später, führte der Adriastaat die eingetragene Partnerschaft ein, die gleichgeschlechtlichen Paaren nahezu die gleichen Rechte einräumt wie heterosexuellen.
Der 48-jährige Dota, der aus einer italienisch-kroatischen Familie in Istrien stammt, arbeitet unter anderem als Kroatienkorrespondent für die italienische Presseagentur Ansa. Zudem ist er seit über zwanzig Jahren in der LGBTIQ+-Bewegung aktiv und Mitbegründer der Zagreb Pride. Innerhalb dieser Organisation ist er in der Lobbyarbeit tätig und betreut das «Pink Megaphone», eine Plattform, über die Hassverbrechen gegenüber der LGBTIQ+-Gemeinschaft gemeldet werden kann und die Unterstützung für Betroffene bietet. Kürzlich veröffentlichte der Historiker, der seit diesem Jahr auch Dozent am Departement für Geschichte der Universität Rijeka ist, seine Dissertation zur politischen Geschichte der männlichen Homosexualität im sozialistischen Jugoslawien.
Früh habe er begriffen, schreibt Dota darin, dass diese Forschung auch zur Stärkung der heutigen LGBTIQ+-Community beitragen könne: «Deren Identität und gesellschaftliche Position sind nicht vollständig ohne die Kenntnis der eigenen Vergangenheit durch den Aufbau eines Gedächtnisses über unsere ‹Vorfahren› und ‹Vorgänger›, ihre Schicksale, die Ungerechtigkeiten und die Gewalt, die sie erlitten haben, aber auch ihren Widerstand und ihren Stolz.»
Saboteure der neuen Ordnung
Die jugoslawischen Kommunist:innen verfolgten in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg männliche Homosexuelle aktiv: «Der homosexuelle Mann wurde als Antipode der gesunden Männlichkeit aus der Arbeiterklasse verstanden, symptomatisches und sichtbares Beispiel der bourgeoisen Verdorbenheit und der unfruchtbaren Extravaganz», schreibt Dota. Homosexuelle Männer würden die sexuell noch unentschiedene Jugend, die den Sozialismus mitaufbauen sollte, verführen, lautete ein gängiges Vorurteil; sie galten als Saboteure der neuen Ordnung. Das Jahr 1949 stellte den Höhepunkt der Verfolgung dar. In mehreren kroatischen Städten kam es zu Prozessen, die Schauprozessen ähnelten.
Die aktive Verfolgung liess in den fünfziger Jahren und den folgenden Jahrzehnten nach und mit ihr auch die ideologisch geprägte Verurteilung. Von 1945 bis 1977 wurden in Jugoslawien wegen «widernatürlicher Unzucht», wie der Strafbestand genannt wurde, dennoch um die 1500 Männer verurteilt. In der Sozialistischen Republik Kroatien erhielten die meisten eine Gefängnisstrafe von fünfzehn Tagen bis zu einem halben Jahr. Bei etwa der Hälfte der Verurteilten fiel diese bedingt aus. Im europäischen Vergleich seien dies «keine ausgesprochen hohen Zahlen», bemerkt Dota. In der BRD oder in Österreich waren die Zahlen der Verurteilten deutlich höher. Dota schätzt, dass zudem zwischen 3000 und 5000 Männer im erwähnten Zeitraum in Jugoslawien mindestens einmal wegen ihrer Homosexualität auf eine Polizeiwache geführt wurden.
Erzwungene Berichte
Die Verhöre, die dabei entstanden und die er im Buch zitiert, enthalten oftmals detaillierte Schilderungen von sexuellen Handlungen und sind eine beklemmende Lektüre, wenn man bedenkt, dass sie unter starkem Druck und Scham entstanden sein mussten. Dota betrachtet diese Quellen noch aus einer anderen Perspektive, wie er im Gespräch erläutert: «In ihren Zeugnissen sehen wir auch extrem viel Widerstand. Die Verhörten sagen etwa: ‹Ich kann nichts dagegen tun›, ‹Niemand hat sich daran gestört›, ‹Aber das hat sich privat abgespielt›, ‹Aber wir haben das im gegenseitigen Konsens getan›. Durch diese erzwungenen Berichte haben Homosexuelle auch an einem Diskurs über sich selbst teilgenommen. Sie rebellieren, fordern, unbestraft zu bleiben, oder erfinden kreative Antworten zu ihrer Verteidigung.»
Früh gab es in Jugoslawien auch Stimmen, die eine Entkriminalisierung forderten. Der Gesetzesentwurf für das Strafgesetz, das 1951 in Kraft trat, sah keine Bestrafung von einvernehmlichem gleichgeschlechtlichem Sex vor. Die Verfasser orientierten sich dabei auch am Schweizer Gesetz von 1942, das sexuelle Handlungen zwischen Männern ab zwanzig Jahren legalisierte. Der Entwurf stiess jedoch auf Widerstand, und männliche Homosexualität blieb strafbar. Erst 1977 wurde diese in Teilen Jugoslawiens, in Slowenien, Kroatien, Montenegro und der Vojvodina entkriminalisiert. Im restlichen Jugoslawien blieb männliche Homosexualität bis in die neunziger Jahre strafbar. Zum Verlgeich: In den Fünfzigern war männliche Homosexualität etwa in der Hälfte der europäischen Staaten verboten. In den sechziger und siebziger Jahren wurde sie dann in vielen Staaten wie der DDR, der BRD und Österreich entkriminalisiert.
Andere Arten der Repression
Lesbischer Sex, der zu österreich-ungarischer Zeit und später im Zwischenkriegsjugoslawien strafbar war, wurde hingegen bereits 1951 mit dem erwähnten jugoslawischen Strafgesetz legalisiert. Ein Grund bestand darin, dass weibliche Homosexualität weniger sichtbar war als männliche, weshalb argumentiert wurde, dass es sie kaum gebe. Lesbische Frauen erlebten jedoch andere Arten der Repression, betont Dota im Gespräch. Er habe sich auf die Geschichte der männlichen Homosexualität beschränkt, denn die Geschichte der weiblichen Homosexualität unterscheide sich stark von dieser, lasse sich nicht nebenbei abhandeln und verdiene ein eigenes Buch.
Die Entkriminalisierung von Sex zwischen Männern ermöglichte auch die Gründung der ersten slowenischen Schwulenorganisation, die 1984 das Ljubljana LGBT Film Festival organisierte, das erste queere Filmfestival in Europa, das bis heute existiert. Die serbischen und kroatischen LGBTIQ+-Bewegungen, die noch heute aktiv sind, kommen Anfang der 2000er Jahre auf. Mittlerweile gibt es in allen jugoslawischen Nachfolgestaaten Organisationen, die für die LGBTIQ+-Rechte kämpfen. Diese sind laut Dota aber nicht mehr postjugoslawische, sondern nationale und vor allem europäische Bewegungen. Was er im Gespräch besonders hervorhebt: «Die LGBTIQ+-Bewegung hat sich um die Jahrtausendwende als politisches Subjekt konstituiert, sie hat ihre Stimme erhalten, das ist jetzt unsere Stimme, wir reden für uns und überlassen es nicht anderen.»
Auf die abschliessende Frage, wie sich die Homophobie in den letzten Jahren in Kroatien entwickelt habe, antwortet Dota bestimmt: «Homophobie wird weder in der Schweiz noch in Schweden oder Spanien und auch nicht in Kroatien aufhören zu existieren. Das ist nicht möglich.» Die Entwicklung in den letzten gut zwei Jahrzehnten sei jedoch sehr positiv. «Ich war an der ersten Pride in Zagreb 2002, und wenn man bedenkt, wie viele Vorurteile, Gewalt, Widerstand es damals gab – nicht nur aus konservativen, sondern auch aus liberalen Kreisen – und wie unsere Community heute freier, offener, sicherer ist trotz aller Drohungen und Unsicherheiten, die wir überall in Europa erleben, dann wird klar, dass wir riesige Erfolge errungen haben.»