Frag die WOZ : Wieso gibt es kein «faires» Bordell?

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«Wieso gibt es kein Bordell, das zertifiziert ‹fair› betrieben wird?»

M. Y., per Mail

Das ist eine sehr gute und reichlich komplexe Frage – die vor allem mitten hineinführt in die aufgeladene Debatte rund um die Sexarbeit. Denn: Im Kern ginge es bei einer solchen Zertifizierung von Bordellen um die Frage der Ausbeutung. Stellen, die ein solches Zertifikat vergäben, müssten beurteilen: Was für Bedingungen braucht es, damit Sexarbeiter:innen selbstbestimmt und unter fairen Bedingungen arbeiten können? Und wo fängt Ausbeutung an? Und hier liegt die Krux an der Sache: Sowohl weltweit wie auch in der Schweiz gibt es eine starke Lobby für die Idee, dass «Prostitution» per se Ausbeutung sei – also unter keinen Umständen als normale Arbeit betrachtet werden könne.

Als 1992 das bekannteste Fair-Trade-Label der Schweiz, die Max-Havelaar-Stiftung, gegründet wurde, schlossen sich dafür die sechs grossen Schweizer Hilfswerke zusammen – mit dem Ziel, Standards für den Handel von Kaffee oder Bananen aus dem Globalen Süden zu definieren. Die Forderung nach einem Zertifikat für Bordelle dagegen würde grosse Kontroversen auslösen, weil Organisationen wie die Zürcher Frauenzentrale oder der evangelikale Verein «Heartwings» Sexarbeit nicht fairer regeln, sondern abschaffen oder zumindest eindämmen wollen.

Als fair zertifizierte Bordelle wären ohnehin ein grosser Schritt, betrachtet man die aktuelle Realität: Obwohl Sexarbeit in der Schweiz bereits 1942 legalisiert wurde, haftet auch hierzulande weiterhin ein Stigma an der Branche. Bis 2021 galt der Beruf gar noch als «sittenwidrig», was zur Folge hatte, dass Verträge zwischen Sexarbeiter:innen und ihrer Kundschaft zivilrechtlich ungültig waren und Honorare nicht eingeklagt werden konnten. Bis heute werden Sexarbeiter:innen durch Banken und Versicherungen diskriminiert, teilweise schliessen sie keine Verträge mit ihnen ab. Die arbeitsrechtlichen Bestimmungen und Regulierungen variieren von Kanton zu Kanton, was zu einem undurchdringlichen Flickenteppich an Vorschriften führt, der viele Sexarbeiter:innen in die Illegalität treibt.

Sexarbeiter:innen und progressive Fachorganisationen, die für Vereinheitlichungen und bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, stehen indes vor einem Dilemma. Denn jede Neuerung droht auch repressive Elemente zu enthalten – rufen doch die Feind:innen der Sexarbeit am lautesten nach einem nationalen «Prostitutionsgesetz». Fortschritte könnten wie in so vielen Bereichen die Städte bringen, die immer wieder konkrete Projekte zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter:innen umsetzen, wie etwa die Stadt Zürich mit den «Verrichtungsboxen» in Altstetten. 2016 allerdings verpasste sie es, einen noch mutigeren Schritt zu machen: Der Gemeinderat lehnte einen SP-Vorstoss ab, der den Stadtrat beauftragt hätte, eine Liegenschaft für ein städtisch betriebenes Bordell zur Verfügung zu stellen.

Letztlich bedarf es vor allem eines ersten Schrittes, um irgendwann faire Bordelle zu haben: der gesellschaftlichen Verständigung darauf, dass Sexarbeit entstigmatisiert werden muss und Frauen, die diesen Beruf ausüben, nicht an den Rand gedrängt werden dürfen.

Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!