Licht im Tunnel: Vorbild Regenbogen
Michelle Steinbeck über Haus- und Sorgearbeit
Letzte Woche war Equal Care Day. Dazu versammelten sich in einem Basler Quartiertreff zahlreiche Babys, die auf ihren Fingern herumkauten oder auf denen ihrer Erwachsenen. Letztere leben mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit eine ungerechte Aufteilung der Haus- und Sorgearbeit, was empirisch belegt auf die Beziehung und das Sexleben schlägt. Hoffnungsfroh richtet sich die erwachsene Aufmerksamkeit also auf die Referentin, die einen Weg aus der Misere präsentiert. Der Fokus der Babys blieb derweil auf dem Zahnen.
Vorab ein paar Zahlen: In der Schweiz werden jährlich 9,8 Milliarden Stunden unbezahlte Sorgearbeit verrichtet, den Grossteil davon erledigen Frauen. Oder wie es Referentin und Buchautorin Lisa Bendiek zusammenfasst: «Frauen leisten mehr Arbeit als Männer. Frauen leisten mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Für die bezahlte werden sie ausserdem schlechter bezahlt.» Und ergänzt: «Geschlecht ist nicht binär, aber in der Statistik leider schon.» Die Missstände sind bekannt: Mutterschaft ist weithin Karrierekiller und Armutsrisiko, Vaterschaft nicht. Und während Frauen deutlich mehr Lohnarbeit leisten als noch vor 25 Jahren, machen Männer nicht mehr Hausarbeit. Studien zeigen vielmehr: Väter überschätzen ihren Anteil, sie machen sogar weniger Hausarbeit als Nichtväter. Und den Anteil an kindsbezogener Sorgearbeit, der am Anfang meist grösstenteils von den Müttern übernommen wird, holen Väter quasi nie auf.
In Regenbogenfamilien ist das anders – hier knüpft Bendiek an. Ihr Buch «Lesben sind die besseren Väter» zeigt, wie queere Familien gleichberechtigte Elternschaft leben. «Regenbogenfamilien teilen sich sowohl bezahlte als auch unbezahlte Arbeit gleichmässiger auf als Hetero-Kleinfamilien. Ausserdem sind wir mit unserer Arbeitsteilung deutlich zufriedener […], unabhängig davon, wie diese aussieht.» Sie ist überzeugt, dass es Eltern und Kindern besser ginge, wenn sich Heteroväter an lesbischen Müttern orientierten. Sie greift auf umfassende Forschung zurück, die sich zwar grösstenteils auf den Vergleich zwischen Hetero- und lesbischen Paaren mit Kindern beschränkt. Die wenigen Studien, die es zu schwulen Eltern und Kindern mit trans Elternteilen gibt, weisen aber darauf hin, dass diese eher mit lesbischen Eltern vergleichbar sind.
Das ergibt Sinn: Queere Paare mit Kinderwunsch müssen oft schon vor einer Schwangerschaft grundlegende Dinge verhandeln. Explizite Absprachen über reproduktive Arbeit und Erziehung etwa werden daher meist im Vorfeld getroffen. Elternschaft wird, so Bendiek, grundsätzlich mehr als Praxis denn als biologische Tatsache betrachtet. Auch die Sorgearbeit werde tendenziell priorisiert und alle anderen Arbeiten darum herum organisiert. Nicht zuletzt zeichnen sich queere Eltern durch eine langfristige Rollenflexibilität aus. Darin sieht Bendiek auch den grössten Vorteil: «dass wir uns den grössten Nachteil der typischen cis hetero Familie sparen: die patriarchale Rollenverteilung».
Bendieks Buch ist nicht zuletzt ein antifaschistisches. Es schlägt den Bogen von historischer Antifeminismusforschung zu politischen Errungenschaften für Regenbogenfamilien und zum zutiefst beunruhigenden Heute. Bendiek fragt sich am Ende: «Manchmal denke ich, es ist zu gefährlich, ein offensives Buch über queere Elternschaft zu schreiben. Gefährde ich damit das Leben meines Kindes?» Das Buch ist da, also lesen wir es.
Michelle Steinbeck ist Autorin. «Lesben sind die besseren Väter» von Lisa Bendiek erschien 2025 in der Edition Nautilus.