«Unser zentrales Aktionsfeld sind digitale Räume» In Brasilien haben neonazistische Aktivitäten während der Bolsonaro-Regierung zugenommen. Für die Antifa geht es nun auch um die Rückeroberung der Strassen.
WOZ: Gralha, wie sind Sie Antifaschist:in geworden?
Gralha: Über mich selbst kann ich nichts sagen, das könnte mich in Gefahr bringen. Was ich sagen kann: Ich bin Teil eines antifaschistischen Hacktivismus-Kollektivs. Wir führen Cyberangriffe durch, unter anderem legten wir Websites von Verbündeten des Expräsidenten Jair Bolsonaro lahm. Kürzlich gerieten wir ins Visier der Bundespolizei, weshalb wir derzeit besonders vorsichtig sein müssen.
WOZ: Wenn man im Ausland an Brasilien denkt, kommen einem nicht unbedingt Nazis in den Sinn …
Gralha: In Brasilien gibt es zahlreiche neonazistische Gruppen, insbesondere im Süden und Südosten des Landes. Diese Regionen sind geprägt von italienischer und deutscher Einwanderung. Rassistische Vorstellungen sind dort sehr präsent: Viele Menschen verstehen sich als dem ärmeren und stärker afro-indigen geprägten Norden überlegen. Faschismus ist in Brasilien kein neues Phänomen. Das Land hatte in den dreissiger Jahren mit der Ação Integralista Brasileira die grösste faschistische Massenbewegung ausserhalb Europas, stark orientiert am italienischen Faschismus.
WOZ: Und heute?
Gralha: Heute sind es unter anderem sogenannte Neo-Integralisten, die insbesondere während der Amtszeit Jair Bolsonaros von 2019 bis 2023 durch zahlreiche Angriffe auf Minderheiten in Erscheinung traten. Daneben existieren auch klassische neonazistische Gruppen, meist in klandestinen Zellen organisiert, etwa die Misanthropic Division. Auch in der Musikszene finden sich zahlreiche Bands mit Verbindungen zu internationalen Neonazinetzwerken wie den Hammerskins. Schliesslich gibt es viele misogyne Influencer, ihre Narrative sind teilweise bis in den gesellschaftlichen Mainstream vorgedrungen. Das Ökosystem des Bolsonarismus im Internet fungiert als Sammelbecken für viele dieser Akteure.
WOZ: Die Aktionen dieser Gruppen nahmen während Bolsonaros Amtszeit also zu?
Gralha: Ja, diese Gruppen fühlten sich durch die Politik Jair Bolsonaros eindeutig ermächtigt. Es kam zu einer klaren Zunahme neonazistischer Aktivitäten. Das belegen offizielle Statistiken und Presseberichte sowie auch unsere eigenen Recherchen.
WOZ: Was bedeutet Antifaschismus für Sie?
Gralha: Antifaschismus heisst für uns vor allem, uns zu organisieren sowie Strategien und Taktiken zu entwickeln, um Faschismus entgegenzutreten. Wir kämpfen dabei nicht in erster Linie auf der Strasse. Unser zentrales Aktionsfeld sind digitale Räume. Dort unterbrechen wir die Kommunikation extrem rechter Akteur:innen, schränken ihre Reichweite ein und machen problematische Strukturen sichtbar. Das heisst aber nicht, dass wir nur online aktiv sind. Alle von uns sind auch ausserhalb des Netzes engagiert.
WOZ: Mit welchen Risiken ist Ihre Aktivität verbunden?
Gralha: Antifaschistische Arbeit ist immer mit Risiken verbunden. Wir stellen uns Menschen und Strukturen entgegen, die zu schwerer Gewalt fähig sind. Es gab Fälle, in denen Antifaschist:innen angegriffen oder sogar getötet wurden. Aufgrund laufender Ermittlungen der Bundespolizei agieren wir derzeit zurückhaltender.
WOZ: Wie sieht das typische Profil von antifaschistischen Aktivist:innen in Brasilien aus?
Gralha: Vor allem die ältere Generation kommt stark aus der Punkszene. Daneben gibt es viele Antifaschist:innen aus der Rapszene sowie aus anarchistischen Bewegungen. Ausserdem existieren antifaschistische Gruppen innerhalb der Torcidas organizadas [Fussballultras, Anm. d. Red.].
WOZ: Während der Amtszeit der Bolsonaro-Regierung hatte man den Eindruck, dass die Rechten klassische Taktiken der Linken wie etwa Demos oder Strassenblockaden übernommen haben.
Gralha: Das begann bereits 2013. Damals kam es zu Massenprotesten und zunächst linken Demos gegen Fahrpreiserhöhungen und die Fussball-WM. Diese Proteste wurden jedoch relativ schnell von rechten Akteur:innen gekapert. Wir als Linke haben damals die Strasse verloren. Ein Teil der Linken hatte danach schlicht Angst, wieder auf die Strasse zu gehen. Inzwischen sehen wir eine langsame Rückeroberung. Der Bolsonarismus hat deutlich an Präsenz verloren. Wir hoffen, dass das so bleibt. Denn im Oktober findet hier die Präsidentschaftswahl statt.
Gralha (Pseudonym) ist antifaschistische:r Aktivist:in aus Brasilien und Mitglied der Gruppe C. H. A. M. A. Antifa.