Essensauslieferung: «Wir selbst sind die Gewerkschaft»
Auf Ende Oktober hat die Dübendorfer Gastrofirma FWG ihre 170 Velokurier:innen entlassen. Diese haben sich nun einen Sozialplan erstritten.
«Dein ideales Arbeitsumfeld bietet dir Stabilität, gute Vibes und Perspektiven? Dann bist du bei uns genau richtig», wirbt die Familie Wiesner Gastronomie (FWG) auf ihrer Website. Stabilität, gute Vibes und Perspektiven? Nicht für die 170 Velokurier:innen in sechs Städten, denen die FWG den Job strich. Ende August kündigte sie an, ihren Kurierdienst einzustellen (siehe WOZ Nr. 45/25). Vor vierzehn Jahren hatte die FWG diesen aufgebaut und sich als Schweizer Pionierin im Geschäft mit der Essensauslieferung inszeniert. Ende Oktober ersetzte sie die Velokurier:innen vollständig durch günstigere Uber-Eats-Ausfahrer:innen.
Zähe Verhandlungen
Frederico Mancini*, der vier Jahre lang für die FWG als Velokurier tätig war, ist enttäuscht: «Hinter dieser progressiven, bunten, familiären Fassade steckt knallharter Kapitalismus.» Die Uber-Eats-Fahrer:innen unterstehen nicht dem Arbeitsgesetz, weil sie pro forma selbstständig sind. Zwar hat das Bundesgericht im Februar diese Praxis von Scheinselbstständigkeit gerügt, doch gehen viele kantonale Arbeitsämter bisher nicht dagegen vor.
Nach der Massenentlassung forderten die FWG-Kurier:innen einen Sozialplan mit einer Abfindung von 24 Monatslöhnen. Die FWG lehnte dies ab. Nach fast zweimonatigen Verhandlungen haben die Fahrer:innen allerdings einen Teilerfolg erzielt: Sie erhalten eine Abfindung von 2,5 durchschnittlichen Monatslöhnen. Zudem werden sie bei der Stellensuche unterstützt, haben Anrecht auf bis zu tausend Franken für Deutschkurse, eine Besitzstandsgarantie bei internen Stellenwechseln und Zugang zu einem Härtefallfonds.
«Der Prozess war lang und anstrengend», sagt die 23-jährige Velokurierin Laura Zanetti*. Wäre die Gruppe nicht zuvor schon geeint gewesen, wäre es schwierig geworden: «Ich weiss nicht, ob wir es sonst geschafft hätten, zusammenzuhalten und bis zum Ende für den Sozialplan zu kämpfen.» Noch vor drei Jahren gab es laut den FWG-Kurier:innen kaum Austausch zwischen den verschiedenen Städten. Erst das grosse Branchentreffen bei der Schweizer Kurier:innenmeisterschaft 2023 in Bern führte zu ersten Kontakten unter ihnen. Anfang dieses Jahres versuchten die Kurier:innen, sich für eine inflationsbedingte Lohnerhöhung zu organisieren. Doch erst angesichts der Entlassungen gelang die städteübergreifende Zusammenarbeit.
Erfolgreiche Basisorganisierung
Rund um den Beruf der Velokurier:innen existiert eine lebendige Subkultur: von sogenannten «alleycats», einer Art Schnitzeljagden auf dem Velo, bis zu internationalen Meisterschaften. Dieser Zusammenhalt half im Arbeitskampf. Thomas Revell, der sechs Jahre für die FWG arbeitete, betont, wie wichtig die Community für Kurier:innen ist: «Diese haben nicht die Arbeitgeber:innen geschaffen, wir selber haben sie aufgebaut.» Sie sei auch deshalb so wichtig, weil für soziale Kontakte ausserhalb der Arbeit kaum Zeit bleibe, wenn man jeden Tag bis nach 22 Uhr Essen ausliefere.
In einer Zeit, in der Gewerkschaften oft eine schwache Basis haben, ist die Organisierung der FWG-Kurier:innen ein Lichtblick. Ein Satz fällt im Gespräch mit den Kurier:innen immer wieder: «Wir selbst sind die Gewerkschaft.» Der 27-jährige Mancini beschreibt den Arbeitskampf als prägende Erfahrung: «In einer Extremsituation kann man sich nicht auf den Arbeitgeber verlassen, sondern nur auf die Gewerkschaften.»
Die Gewerkschaft Syndicom, die seit fast zehn Jahren Foodkurier:innen organisiert, unterstützte den Arbeitskampf, auch wenn die FWG-Kurier:innen als Gastrobeschäftigte gelten und nicht unter den Kurier:innen-Gesamtarbeitsvertrag (GAV) fallen. Syndicom hatte diesen 2019 für Velokurier:innen und andere urbane Kurierdienste ausgehandelt. Er brachte unter anderem die höchsten Mindestlöhne in der privaten Zustellung. 2022 folgte mit dem GAV Smood der erste Firmen-GAV in der Essensauslieferungsbranche, der in diesen Tagen erneuert wurde. Er bringt höhere Löhne und etwa mehr Spesenentschädigungen sowie mehr garantierte Mindesteinsatzstunden.
* Name geändert.