Nr. 14/2022 vom 07.04.2022

Das richtige Gegengift

Ehemalige Deliveroo-Kurier:innen bauen eine Genossenschaft auf – und machen vor, wie Uber, Airbnb und Co. basisdemokratisch organisiert werden könnten. Ein Vorabdruck aus dem Buch von WOZ-Autorin Nina Scholz.

Von Nina Scholz

Solidarität leben statt resignieren: Das Berliner Kollektiv Khora bietet eine Alternative zu den grossen Lieferdiensten. Foto: Clemens Niedenthal

Etwa vier Jahre nach seinem offiziellen Start in Deutschland kapitulierte Deliveroo vor der Konkurrenz und verkündete im August 2019, die deutsche Filiale des Unternehmens zu schliessen. Einige Berliner Deliveroo-Fahrer:innen entschlossen sich, trotzdem weiterzumachen. Allerdings nicht als privatwirtschaftliches Plattformunternehmen – mit Börsengang als Ziel und Investoren als Zielgruppe –, sondern als Kooperative, bei der alle Fahrer:innen gleichberechtigte Anteilseigner:innen sind. Sie gründeten Kolyma2.

Die Gründung geht auf die Idee der Plattformgenossenschaften, auf Englisch «platform coop», zurück. Sie wurde in den vergangenen Jahren von den beiden Wissenschaftlern Trebor Scholz und Nathan Schneider von der New School in New York City massgeblich vorangetrieben. Scholz und Schneider wollten umsetzbare Alternativen entwickeln, bei der die Arbeiter:innen ihr Techunternehmen selbst besitzen und demokratisch verwalten, statt Profite für wenige Eigner zu erwirtschaften.

Die Grundidee ist nicht neu, wie mir Scholz 2016 berichtete: «Plattformgenossenschaften sind Arbeiterkooperativen. Die Firma gehört den Arbeiter:innen. Ich möchte die 170 Jahre alte Idee der kooperativen Organisation ins 21. Jahrhundert bringen. Es geht darum, sie mit dem technologiebasierten Arbeitsmarkt, wie Uber oder Airbnb ihn etabliert haben, zu verknüpfen – ohne deren unfaire Businessmodelle zu verwenden.» Für Scholz ist dabei die Eigentumsfrage zentral, denn alle Arbeitskämpfe stossen an Grenzen: «Die Arbeiter:innen bleiben stets in der Bittstellerposition, wenn ihnen die Firma nicht gehört. Natürlich können sie Jeff Bezos von Amazon anflehen, dass er sie fair bezahlt und die Arbeitsbedingungen verbessert. Aber das ist sinnlos. Nicht nur, weil Amazon ein riesiges Unternehmen ist, sondern auch, weil sein Modell darauf beruht, dass einige Mitarbeiter:innen sehr schlecht verdienen.»

Weg von Einwegverpackungen

Kolyma2 in Berlin könnte ein kleiner, erster Schritt sein auf dem Weg zur Vergesellschaftung der grossen Techkonzerne. Zeigen, wie es geht. Das war die Hoffnung vieler, die sich mit alternativen Wirtschaftsformen beschäftigen. «Flache Hierarchien, alle verdienen das Gleiche oder zumindest einen fair verteilten Lohn. Wir wollen transparent mit allen Einnahmen und Ausgaben umgehen und weg von den Einwegverpackungen», skizziert Stefano Lombardo die Idee hinter Kolyma2. «Wir wollen guten Service bieten und ansprechbar sein. Das war bei Deliveroo anders. Viele der Kund:innen sind begeistert von unserem Konzept. Sie wollen lieber mit einem guten Gefühl ihr Essen bestellen.» Dabei sollen die Kund:innen nicht draufzahlen: «Der Preis der Auslieferung ist bei uns nicht teurer als bei Deliveroo.» Vor allem aber sollte Kolyma2 langfristig die ökonomische Sicherheit bieten, die es bei Deliveroo für Lombardo und seine Kolleg:innen nicht gegeben hatte.

Das klingt vielversprechend, aber Lombardo und seine Mitstreiter:innen waren nicht auf die Schwierigkeiten vorbereitet, die ein Kollektivbetrieb in Deutschland mit sich bringt. «Bei Organisationen mit flachen Hierarchien muss sich jeder mit mehr als nur dem Essenausfahren beschäftigen. Auch das demokratische Aushandeln wichtiger Fragen kostet Zeit – und die hatten wir nicht.» Zudem musste der Laden in Schwung gebracht werden. Richtig schlecht lief es nicht, wenn man bedenkt, dass es keine Werbung gab, sondern nur Mundpropaganda. Dennoch: Fünfzig Bestellungen an einem Wochenende, an dem immerhin zwölf Fahrer:innen arbeiteten, und achtzig in der Woche darauf – damit lässt sich kein Lebensunterhalt bestreiten. Deshalb legten Stefano Lombardo und die anderen erst mal eine Pause ein.

Unterstützung bekamen sie von Ela Kagel: Sie betreibt mit anderen den «Supermarkt». Dort gibt es aber nichts zu kaufen. Der «Supermarkt» ist Büro, Herz, Netzwerkstube, Veranstaltungsraum des alternativen Wirtschaftens in Berlin. Warum haben es die Plattformgenossenschaften im Gegensatz zu ihren privatwirtschaftlichen und auf Profit ausgerichteten Konkurrenten so schwer? Am Interesse der Kund:innen, bei einem Unternehmen zu bestellen, das es besser meint mit Arbeitsbedingungen, Daten und Löhnen, scheint es nicht zu liegen. Denn die Kritik an Deliveroo, Lieferando, Uber und anderen wachse, weiss Ela Kagel: «Die Öffentlichkeit wird immer wacher und bewusster, was die Rolle der grossen Plattformen angeht. Es geht nicht nur darum, dass unsere Daten verwertet werden, und nicht nur um die Macht- und Geldkonzentration, die es in dieser Form so noch nie gegeben hat – es geht auch um die Infrastruktur unserer Gesellschaft und um das, was uns da draussen in den Städten umgibt.» Die Plattformgenossenschaften treten auf demselben Markt an, auf dem die anderen Unternehmen bereits miteinander in Konkurrenz stehen, und auch sie müssen mit den Netzwerkeffekten und Monopolisierungstendenzen umgehen. Platform Coops und kleine Genossenschaften brauchen Startkapital, denn sie konkurrieren mit Unternehmen, die in den ersten Jahren keine schwarzen Zahlen schreiben, sondern vor allem wachsen müssen.

Mini-Coops über Nacht

Ein weiterer Grund für die Schwierigkeiten ist juristischer Art. Es seien ausgerechnet die deutschen Genossenschaftsverbände, die Kolyma2 das Leben schwer gemacht hätten, erklärt Kagel: «Das Verfahren ist kompliziert. Wer eine Genossenschaft gründen möchte, braucht Experten und Berater, die sich gut bezahlen lassen und die kein Interesse daran haben, dass sich am deutschen Genossenschaftssystem etwas ändert. Die grossen Genossenschaften in Deutschland, die Volksbanken oder Wohnungsbaugenossenschaften, die Supermärkte wie Edeka oder Rewe, sind nicht für demokratische Strukturen oder Transparenz bekannt. Deutschland ist ein sehr trauriges Beispiel dafür, wie die Genossenschaften sich vor Jahren eine Lobby aufgebaut haben und nun jede Reform verhindern.»

Kagel hätte für dieses Problem eine Lösung parat: «Es muss endlich die Möglichkeit geben, Mini-Coops zu gründen, die auch mal über Nacht entstehen können.» Doch Unterstützung aus der Politik fehlt bisher. Stattdessen wirbt Berlin um grosse Techunternehmen wie Google, Amazon und Tesla, auch wenn diese dafür bekannt sind, Steuerschlupflöcher zu suchen, gewerkschaftsfeindlich zu agieren und weiterzuziehen, wenn sie politischen Gegenwind spüren.

Doch wie lässt sich in solidarisches, alternatives Wirtschaften investieren? «Viele hoffen, dass es irgendwo gutes, reines Geld gibt, im Gegensatz zum bösen, das in Start-ups gesteckt wird», sagt Kagel. «Aber das ist eine Illusion. Derzeit geben vor allem Stiftungen, Privatpersonen, Förderprogramme der Open Society und Genossenschaftsbanken Geld. Und manchmal kommt es von den grossen Gegnern.» Sie spielt darauf an, dass Trebor Scholz für die Weiterentwicklung der Plattformgenossenschaften eine Million US-Dollar von der Google Foundation angenommen hat. Viele aus der Bewegung haben das kritisiert. Mit dem Geld entwickelte sein Team einen Open-Source-Entwicklungsbaukasten, damit nicht alle Plattformgenossenschaften – zum Beispiel beim Entwickeln von Apps – immer wieder bei null anfangen müssen.

Wichtiges Experimentierfeld

Der kollektive Kurierdienst in Berlin nutzt mittlerweile die App Coopify, die Open Source programmiert wurde. Damit können die Kund:innen wie gewohnt ihr Essen bei Restaurants bestellen. Gebaut wurde sie von einem jungen Franzosen, dessen Freundin bei Deliveroo gearbeitet hat. Er sah die App des Unternehmens, über die die Fahrer:innen ihre Aufträge bekommen, und dachte sich, dass er das besser könne. Konnte er auch, bestätigt Stefano Lombardo, und nicht nur das: «Durch seine Freundin hat er auch Einblick in die Arbeitsbedingungen bei Deliveroo gehabt und darüber, wie die Unternehmen die Apps nutzen. Deswegen wollte er die App für Kollektive freigeben. Wir müssen einen geringen symbolischen Betrag zahlen und bestimmte Bedingungen wie kollektive Entscheidungsstrukturen haben.» Die App wird mittlerweile von vielen verschiedenen Plattform-Genossenschaften in Europa genutzt, die sich auch darüber vernetzen, und sie wird stetig weiterentwickelt. Noch etwas hat Coopify verbessert: Die Deliveroo-Fahrer:innen kritisierten, dass die App des Unternehmens für sie eine Black Box gewesen sei. Sie wussten nie, warum sie eine lange, eine kurze oder gar keine Fahrt zugewiesen bekamen, und dadurch entstand das Gefühl, etwas «falsch zu machen». Auch das habe sich erledigt, erzählt Anderson Stone*, der wie Lombardo beim Berliner Kurierkollektiv arbeitet: «Wir arbeiten alle als Auftraggeber:innen und Fahrer:innen, haben also alle beide Erfahrungen und machen die Entscheidungen, warum zum Beispiel ein Fahrer eine längere Strecke fahren muss, auch transparent.»

Zwei Jahre hat das Berliner Kurierkollektiv gebraucht, um nach den ersten Startschwierigkeiten auf die Beine zu kommen. Inzwischen hat es einen neuen Namen: Kolyma2 heisst jetzt Khora. Denn Kolyma ist eine Region in der ehemaligen Sowjetunion, deren Name im Russischen synonym mit Gulag, also Lager, verwendet wird, und weckte negative Assoziationen.

Bisher blieb Khora klein. Auch die Coronapandemie und die vielen Bestellungen helfen dem Kollektiv nicht beim Abheben. Und mittlerweile fahren neben Lieferando auch Wolt und Ubereats durch Berlin. Doch auch wenn sie noch ganz am Anfang steht: Die Platform-Coop-Bewegung ist das richtige Gegengift. Sie zeigt, dass anderes Arbeiten möglich ist, und baut dort Alternativen auf, wo mitunter Resignation herrscht. Und sie stellt die richtigen Fragen nach den Eigentumsverhältnissen, die uns auch bei den grossen Plattformen beschäftigen sollten: Die, die arbeiten, sollten auch darüber bestimmen, was mit den Einnahmen und den Daten passiert und wie die Arbeitszeiten geregelt werden.

Wie Unternehmen arbeiten, die nicht auf Wachstum ausgerichtet sind, davon haben wir gesellschaftlich noch kein Verständnis. Ebenso wenig haben wir Erfahrung damit, wie Techunternehmen demokratisch verwaltet werden können. Wenn aber ein paar Unternehmen entstehen, die solidarisch wirtschaften, in denen Menschen sich selbst organisieren und faire Produktionsketten aufbauen, dann gibt es durchaus Grund zur Hoffnung.

Wie gross sind demnach die Chancen, dass junge Genossenschaften tatsächlich eine Alternative zum bestehenden Kapitalismus mit seinen mächtigen Techunternehmen bilden können? Aktuell sind sie gering. Aber sie sind ein wichtiges Experimentierfeld, um die Idee von den demokratisch verwalteten Unternehmen aus der Theorie in die Praxis zu bringen. Denn während einige schon davon träumen, Amazon zu vergesellschaften, zeigt sich an Khora und Co. ganz konkret, wo die Stärken und die Schwächen liegen.

* Name geändert.

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