Film: Coole Boomer
Sein äusserliches Markenzeichen – die schon zu Teenagerzeiten ergrauten Haare – habe ihm, wie auch das Interesse für Kunst und Kultur, die Mutter vererbt. Von den achtziger Jahren an, als er mit seinem Mentor William S. Burroughs um die Häuser zog und Werke wie «Stranger than Paradise» und «Down by Law» schuf, bis zur Jahrtausendwende verfügte kaum jemand über eine solch mühelos wirkende Aura gegenkultureller Coolness wie Jim Jarmusch. Zu seinem untrüglichen Musikgeschmack gesellte sich die Fähigkeit, mit unkonventionellen Darstellern wie Tom Waits und Iggy Pop jenen spezifischen, unaffektiert melancholischen Humor zum Vibrieren zu bringen. Alles eine Frage des Timings – im Filmschnitt wie in der Resonanz mit dem Zeitgeist.
Hatte man sich nach «The Dead Don’t Die» (2019), dieser ziemlich unlustigen Zombiekomödie voller Boomergejammer, noch Sorgen gemacht, dass dem im Pensionsalter angekommenen Jarmusch das poetisch-lakonische Gespür abhandengekommen sei, scheint die Erleichterung über den erbrachten Gegenbeweis dermassen gross gewesen zu sein, dass «Father Mother Sister Brother» in Venedig flugs mit dem Goldenen Löwen bedacht wurde. Kaum zufällig handeln dessen drei trügerisch banale Episoden von der Schwierigkeit eines wirklichen Dialogs zwischen den Generationen. Von jener nahezu unübersetzbar als «awkward» bezeichneten Stimmung, die sich bei den selten gewordenen Besuchen erwachsener «Kinder» bei ihren Eltern unweigerlich einstellt: Wenn es gilt, sich durch unbewältigte Kränkungen und aktuelle Abhängigkeiten zu navigieren. Auf die besorgten Floskeln folgt der angestrengte Humor sowie bald schon der verstohlene Blick zur Uhr.
Über die Figuren und den konkreten Inhalt der Episoden sei hier nicht mehr verraten, als dass es erneut grössten Spass bereitet, wie Jarmusch Darsteller:innen wie Cate Blanchett oder Adam Driver gegen ihren Typ agieren lässt. Wie auch der Umstand, dass er die eigene Generation von Tom Waits und Charlotte Rampling vertreten lässt, denen punkto Coolness nach wie vor niemand etwas vormacht.