Nr. 48/2008 vom 27.11.2008

Ein Brief an Pier Paolo Pasolini

Im November 1975, wenige Tage nach der Ermordung Pier Paolo Pasolinis, erschienen die «Freibeuterschriften» des Schriftstellers und Regisseurs. Eine Auseinandersetzung mit seinen Gedanken zur «Zerstörung der Kultur des Einzelnen».

Von Adrian RiklinMail an Autor:in

Lieber Pier Paolo Pasolini. Es ist November 2008, und die Konsumgesellschaft, von der Sie Anfang der siebziger Jahre geschrieben haben, steht kurz vor ihrer Vollendung. Dazu genügt der Blick auf die Gesichter der NachrichtensprecherInnen: Das verständige Kommentieren, intelligente Bedauern, die diskrete Anteilnahme, selbst die leise Trauer ist bildschirmgerecht aufbereitet: Das Weltgeschehen wird nachrichtenweise portioniert.

Permanente Krisenerklärung. Man nennt es Weltfinanzkrise. Und auch die Figuren, die schuldig gesprochen werden, sind ausgewählt: Bankerinnen und Topmanager, die die Spielregeln des zeitgenössischen Kapitalismus beherrschen und traumwandlerisch nüchtern die Alchemie der grossen Geldvernichtung zelebrieren.

Die wahre Krise, das haben Sie schon damals gesagt, liegt tiefer. Schuldig gesprochen werden bloss besonders gelungene Verkörperungen jener «anthropologischen Mutation» - wie Sie den Übergang des alten Faschismus in die neue Herrschaft beschrieben haben -, die sich hinter den schmucken Fassaden der Konsumgesellschaft versteckt: ein «neuer Faschismus, der mit seiner Diktatur des Konsums die Körper und Köpfe gleichschaltet». Es sind grosse Worte, die Sie gewählt haben. Aber manchmal braucht es das: um zu bekräftigen, dass es sich um mehr als um eine historische Entwicklung handelt. Dass sich dieses Denken nicht nur hinter der Maske des Finanzkapitalisten verbirgt, sondern ebenso hinter der des Nachrichtensprechers und auch hinter der Maske der Revolutionärin.

Es gibt Leute, die sagen: Es liegt was in der Luft. Auf dem Zürcher Paradeplatz, wo die grössten Schweizer Banken ihren Hauptsitz haben, wird regelmässig demonstriert. Über die Konsumgesellschaft zu wettern, gehört seit längerem zum guten Ton. Leisten können ihn sich vor allem jene, die noch über das nötige Kapital verfügen. Der Kapitalismus wird verflucht, aber konkret infrage gestellt wird er nicht. Zu tief hat er sich eingenistet.

Sie haben recht: «Rechte und Linke sind körperlich eins geworden.» Den Niedergang der italienischen Linken haben Sie ja schon in den frühen siebziger Jahren prognostiziert. Italien wird derzeit übrigens von einem milliardenschweren Medienunternehmer regiert. Sieben Millionen Menschen leben dort unter der Armutsgrenze, bald könnten es doppelt so viele sein. Ich möchte nichts beschönigen: In Italien sind kaum noch Filme von Ihnen zu sehen. Sie werden ignoriert, obwohl (oder gerade weil) zumindest im linksintellektuellen Diskurs längst bestätigt wird, was Sie frühzeitig beschrieben haben: die Vereinnahmung der oppositionellen Subkultur durch die herrschende Kultur.

Sie sagen: «1971/72 begann eine der gewaltsamsten und vielleicht auch endgültigsten Restaurationsperioden der Geschichte.» Dass 1968 einen Modernisierungsschub zur Konsumgesellschaft leistete, haben Sie schon in «Die erste, wahre Revolution von rechts» (1973) erklärt. Wenn ich Sie richtig verstehe, versteckte sich der reaktionäre Vorgang in demokratischer Verkleidung. So wurde damit begonnen, «die Vergangenheit auszulöschen». Vordergründig waren das Mussolini-faschistische und klerikale Traditionen, auf einer tieferen Ebene aber wurden damit auch viel ältere soziale Traditionen vernichtet. Damit meinten Sie nicht in erster Linie Institutionen, sondern vor allem die soziale Praxis unter den Menschen selbst. Was hinter dem Rücken aller Beteiligten durch die Etablierung einer neuen Massenkultur entstand, war also die Zerstörung der wahren humanistischen Tradition in der Bevölkerung.

25 Jahre später hat sich Ihre Prognose bewahrheitet. Die Konsumgesellschaft hat sich noch tiefer in die Körper hineingefressen. Dem Diktat gehorcht nun auch die Geschliffenheit, mit der ein Schüler die Kritik an diesem vorbringt: Kritik als Produkt. Die «Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft», wie sie das nannten, versteckt sich also nicht mehr im Kampf gegen den Konservativismus, sondern in der Kritik selbst.

Sie sagen: «Nie zuvor war das Anderssein ein so schweres Vergehen wie in unserer Zeit der Toleranz.» Die repressive Toleranz hat sich verfeinert. Erwünscht sind Rollenspiele, und so posieren an der Strassenkreuzung uniformierte Fotomodelle, die auf laszive Weise Menschen kontrollieren. Dezent duftet die Gewalt, und der zeitgenössische Polizist ist ein Tourist. Es ist nämlich so, dass die Konsumgesellschaft grosse Teile der Bevölkerung in TouristInnen verwandelt. Hinter der popkulturell zertifizierten Coolness verbirgt sich abgrundtiefes Desinteresse: schwindelerregende Unbeteiligtheit. Vielleicht befinden wir uns gerade in einer zweiten Mutation, und die Konsum- hat sich zur Zuschauergesellschaft entwickelt. Überall Menschen, die einander zuschauen und bewerten. Soziale Anteilnahme erübrigt sich in touristischem Gerührtsein.

Kapitalismuskritik als Freizeitbeschäftigung: So läuft das in der realen Gefühlswirtschaft, in der auch die Empörung massgeschneidert daherkommt. Was die touristische Zuschauerin vom Konsumenten unterscheidet, ist ja die zwischenmenschliche Distanz, die die Zuschauerin einnimmt: innere Distanz, die sich in äusserer Nähe verbirgt. Distanzen, die sich ausdehnen im überfüllten Zugabteil, wenn die Körper sich berühren. Meilen, die sich dehnen, wenn der Berater Kundennähe demonstriert.

Touristen. Nachrichtensprecherinnen. Berater. Und nirgends eine Zeugin. Unbeteiligt ist der Tourist auch im eigenen Quartier. Als solcher trägt er keine Mitverantwortung. Seine Anwesenheit ist die eines Benutzers. Deshalb braucht er die Kioskverkäuferin, bei der er die Zigaretten kauft, keines Blickes zu würdigen.

In der Zuschauergesellschaft hat der Blick seine soziale Bedeutung verloren. Und so sitzen wir im Café und reden über Realwirtschaft. So lautet eines der neuen Wörter, das fortlaufend über die Lippen geht in diesen Tagen. Dann huscht ein Schatten über die Gesichter der NachrichtensprecherInnen, und durch die Schulterreihen des Publikums geht ein Zucken. Denn die Krise soll demnächst in ebendiese Realwirtschaft einschlagen. Einschlagen, heisst es. Es fehlt die tickende Zeitbombe auf dem Nachrichtentisch.

Dabei, und das macht die Ankündigung umso zynischer, ist die Krise längst schon gelandet, lang bevor all diese Begriffe in die Welt geworfen wurden. Sind längst schon unzählige Menschen real entlassen, vereinsamt und verarmt worden. Aber die, so scheint es, zählen schon lange nicht mehr zu dieser Realwirtschaft. Was schon lange eingeschlagen hat, ist nicht registriert worden, weil es sich um einen Prozess handelt, der vielmehr in die Gesellschaft sickerte und sie noch immer durchtränkt: die Nivellierung der Empfindungen, Gefühle und Gedanken der Einzelnen - und damit auch der Anteilnahme.

Es ist wie damals, als mit dem alten Faschismus gleich auch eine viel ältere solidarische Kultur über den Haufen geworfen wurde. Anstatt dass die Menschen die Entsolidarisierung auch untereinander bekämpfen, wird einzig die Raffgier einiger Profiteure verurteilt. Es ist, als ob diese Fixierung auf die obersten Etagen den Blick auf die soziale Realität vollends überblenden würde: Diese besteht ja nicht nur in ökonomischer Benachteiligung, sondern vor allem in gesellschaftlicher Isolierung. Die allgemeine Aufregung ist nur scheinbar eine kollektive Erfahrung: Vor lauter Hinaufschauen wird die Nachbarin, bei der es schon längst eingeschlagen hat, vollends übersehen. Es ist eben nicht so, dass eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage die Solidarität fördert.

Lieber Pier Paolo Pasolini, Sie sagen: «Alle tun also so, als ob sie nicht sähen (oder sie sehen wirklich nicht), welches die wahre, neue Reaktion ist. Und so kämpfen alle gegen die alte Reaktion, die nur Maske ist.» Schade, dass Sie nicht zurückschreiben können. Gerne würde ich wissen, was Sie heute dazu sagen würden. Nun aber höre ich auf. Bald ist Mitternacht, die dressierten Philosophen werden in die Arena gefahren. Und später wird eine Psychoanalytikerin aus der Realwirtschaft zugeschaltet und die Krise als Chance bezeichnen.

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