Nr. 12/2021 vom 25.03.2021

Wo würde Jesus einkaufen?

Yvan Sagnet hat Italiens ersten Streik migrantischer LandarbeiterInnen aus Afrika lanciert. Nun spielt er den Jesus im neuen Film von Milo Rau. Trotzdem zieht er den Aktivismus dem Schauspiel vor.

Von Alice Galizia

«Der Film war für mich eine Möglichkeit, das Leben der Landarbeiter sichtbarer zu machen»: Yvan Sagnet (vorne) spielt in «Das neue Evangelium» sich selbst – und Jesus. Still: Vinca Film

«Was bitte», fragt Yvan Sagnet und wedelt mit einem Rosenkranz vor der Laptop-Kamera hin und her, «was bitte hat das mit Religion zu tun? Bedeutet Religion, in die Kirche zu gehen?» Nein, sagt Sagnet, der bei seiner katholischen Grossmutter aufgewachsen und bis heute gläubiger Katholik ist: «Religion passiert in dir drin. Sie hat viel mit deinem Herzen zu tun.» Das ist der einzige Moment im Interview, in dem der 35-Jährige wirklich aufgebracht ist; da mag man ihm das Pathos verzeihen. Er sagt: «Jesus hat zu allen Leuten geschaut. Und von ‹Italy first›, wie es etwa Matteo Salvini propagiert, hätte er genau gar nichts gehalten.» Yvan Sagnet ist Aktivist, Gewerkschafter – und seit neustem auch Schauspieler. In Milo Raus Film «Das neue Evangelium» spielt er den Jesus.

In der süditalienischen Region Basilikata liegt das Städtchen Matera, bekannt für seine Altstadt, die zu grossen Teilen aus «sassi» besteht, Höhlensiedlungen, die sich an einen Hügel kuscheln. Sieht ein bisschen wie ein biblisches Jerusalem aus: Das dachte sich Pier Paolo Pasolini, als er «Das 1. Evangelium – Matthäus» (1964) dort drehte; später zog es auch Mel Gibson hierhin, für «Die Passion Christi» (2004). Zu Zeiten Pasolinis war Matera noch Ausdruck der extremen Armut im Süden Italiens; seither ist die Stadt, vor allem durch den Tourismus, reich geworden. 2019 war sie europäische Kulturhauptstadt.

Als Milo Rau angefragt wurde, aus diesem Anlass in Matera zu drehen, entschied er sich, an die filmische Tradition anzuknüpfen. Einen heutigen, politischen Jesus-Film wollte er drehen – auf den Spuren Pasolinis, aber nicht nur. Verlässt man das Städtchen und fährt ein paar Autominuten weiter raus, ist vom Reichtum bald nichts mehr übrig. Auf den Feldern, die sich um Matera erstrecken, arbeiten meist MigrantInnen aus Afrika zu niedrigsten Löhnen. Sie leben in dreckigen Baracken, in Flüchtlingslagern rund um die Stadt, von ihren Vorgesetzten werden sie psychisch und physisch unter Druck gesetzt.

«Das ist moderne Sklaverei», sagt Sagnet, «den Leuten wird ein Leben in Würde verunmöglicht.» Das System des «caporalato», das eng mit der Mafia verbunden ist, sorgt für ein noch extremeres Ausbeutungsverhältnis: Caporali vermitteln Arbeitskräfte an die LandwirtInnen und streichen dabei einen guten Anteil des Lohnes der ArbeiterInnen ein. Die Fahrten zu den Feldern, Wasser und Essen müssen diese zusätzlich bezahlen. Da bleibt am Ende des Tages kaum etwas – und die billige Passata bei uns im Laden gibt es nur zum Preis dieser Ausbeutung.

Es ist 2021, und auf den Feldern, die Europa mit Gemüse versorgen, arbeiten Menschen unter sklavereiähnlichen Bedingungen: Was würde Jesus tun?

Aufstand der Würde

Yvan Sagnet kennt die Situation der LandarbeiterInnen gut. Geboren 1985 in Kamerun, kam er 2008 nach Italien, um am Polytechnikum in Turin zu studieren. 2011 rasselte er durch zwei Prüfungen, die Universität strich sein Stipendium. Um das Studium weiterhin finanzieren zu können, reiste er in den Süden, wo er über den Sommer als Tomatenpflücker Geld verdienen wollte. Sagnet war entsetzt über die dort herrschenden Zustände, das Elend. Und so organisierte er den ersten Streik migrantischer LandarbeiterInnen in der Geschichte Italiens. Zwei Monate legten sie ihre Arbeit nieder, organisierten Strassensperren – und hatten schliesslich Erfolg. Nicht nur, dass sie Unterstützung von der italienischen Bevölkerung bekamen – eine Woche vor Ende des Streiks verabschiedete das italienische Parlament das erste Gesetz gegen den Caporalato.

Seither arbeitet Sagnet nicht mehr selber auf den Feldern, sondern ist im ganzen Land als Aktivist unterwegs. Er schloss sich der CGIL an, der grössten Gewerkschaft Italiens, und gründete 2017 die Organisation NoCap mit, die sich gegen den Caporalato und für bessere Arbeitsbedingungen der ErntehelferInnen einsetzt. NoCap arbeitet ausserdem mit LandwirtInnen zusammen; gemeinsam produzieren und vertreiben sie faire Lebensmittel.

Die perfekte Besetzung für einen gegenwärtigen Jesus also, dachte sich Milo Rau, und Sagnet sagte zu. «Jesus ist definitiv ein Vorbild für mich», sagt Sagnet, die Anfrage sei eine Ehre gewesen. «Ich bin kein professioneller Schauspieler. Aber der Film war für mich eine Möglichkeit, unsere Arbeit sichtbarer zu machen.»

«Das neue Evangelium» nun ist beides: Spielfilm und Dokumentation. Der Film folgt der Geschichte Jesu nach dem Matthäusevangelium, wie bei Pasolini. Die Apostel werden dabei von ErntehelferInnen gespielt, Johannes der Täufer von jenem Schauspieler, der bei Pasolini Jesus verkörperte; Maria ist dieselbe Maria wie bei Mel Gibson, und die BewohnerInnen Jerusalems, die am Ende den Tod Jesu mit beschliessen, sind LaienschauspielerInnen aus Matera. Im dokumentarischen Teil sehen wir die Lebens- und Arbeitsbedingungen der TomatenpflückerInnen, die während der Zeit des Drehs zusammen mit Sagnet und Rau die Protestbewegung «Rivolta della dignità», den «Aufstand der Würde», gründen. «Wenn Jesus heute leben würde», sagt Sagnet, «wäre er genau dort: bei den Armen und bei den Migranten.»

Sie gelingt nicht nur gut, diese filmische Mischform. Das liegt vielleicht daran, dass die Szenen, in denen das Evangelium gespielt wird, den dokumentarischen Teilen immer untergeordnet bleiben. Es macht den Eindruck, als wären sie, abgesehen von ihrer rahmenden Funktion, gar nicht so wichtig; kaum je entfalten sie eine eigene Kraft – bis auf den Schluss, als eine wütende Meute, Affengeräusche nachahmend, Jesus den Berg hochjagt, wo er gekreuzigt wird. «Bringt den Schwarzen um», rufen sie: Die Geschichte Jesu verknüpft sich hier auf schmerzhafte Weise mit dem sehr realen, alltäglichen Rassismus in Italien.

Ein Schwarzer Jesus: Kann das heute noch irgendwen provozieren? Die rechte italienische Tageszeitung «La Verità» zeigte Sagnet schon während der Dreharbeiten gross auf der Titelseite, dazu die Schlagzeile: «Der schwarze Jesus lässt die Migranten zu uns kommen». Und im Artikel hiess es dann: «Könnten sie tatsächlich über Wasser gehen, hätten wir ein echtes Problem» – der Film sei eine Beleidigung für das Christentum. Absurd, sagt Sagnet dazu: Wer sich über einen Schwarzen Jesus aufrege, habe von dessen Botschaft nichts begriffen, das Evangelium nicht verstanden.

Ein Dach über dem Kopf

Dass Yvan Sagnet mittlerweile einigermassen bekannt ist, nützt zwar dem Projekt, ist für ihn aber nicht ungefährlich. «Seit ich vor zehn Jahren mit diesem Kampf begonnen habe, bekomme ich ständig Drohungen», sagt er. «Du kannst dich entscheiden: Entweder lässt du dich einschüchtern und hörst auf. Dann gewinnen sie. Oder du machst einfach weiter.» Aber ein Märtyrer will Sagnet nicht sein: «Es geht nur darum, nicht aufzugeben.» Von den Leuten erwartet er ein gewisses Bewusstsein, wenn sie im Supermarkt einkaufen – die Passata ist eben nur deswegen so billig, weil die TomatenpflückerInnen am untersten Ende der Kette ausgebeutet werden.

Mit der Figur Jesu hat er sich gern beschäftigt, aber es ist klar, dass ihm die Arbeit als Aktivist näher liegt als die schauspielerische. Er sagt: «Das Ziel war, nach Abschluss der Dreharbeiten etwas dazulassen. Damit sich das Leben der Leute dort nachhaltig verbessert.» Tatsächlich hat die «Rivolta della dignità», so erzählt Sagnet, in Matera fünfzig ArbeiterInnen ein sicheres Dach über dem Kopf gegeben, mit Strom und Zugang zu Hygiene. Hunderte haben zudem erstmals einen echten Arbeitsvertrag erhalten; ausserdem wurden Busse gekauft, um die ErntehelferInnen sicher auf die Felder und wieder zurück zu bringen. Die Religion mag in dir drin passieren. Aber da draussen gibt es auch noch einiges zu tun.

Ab dem 1. April 2021 im Streaming auf www.dasneueevangelium-film.ch.

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