Nr. 16/2011 vom 21.04.2011

Blatters Berater

In der «Weltwoche» führte er ein unterwürfiges Interview mit Joseph Blatter. Jetzt berät er den Fifa-Präsidenten in Medienfragen: Walter de Gregorio, «Sportjournalist des Jahres», sieht keinen Interessenkonflikt.

Von Carlos Hanimann

Walter de Gregorio ist ein angesehener Journalist. In der Vergangenheit reiste er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften durch die Welt, schrieb Reportagen und führte Interviews. Als Korrespondent für die «SonntagsZeitung», die «Zeit» und die «Weltwoche» berichtete er aus Rom, danach war er Sportchef und Mitglied der Chefredaktion beim «Blick». Derzeit verdient sich de Gregorio seinen Lebensunterhalt als freier Journalist: Beim «Magazin» des «Tages-Anzeigers» arbeitet er in einem festen Anstellungsverhältnis mit Schwerpunkt Italien; bei der «Weltwoche» hat de Gregorio mit seiner wöchentlichen Sportkolumne einen festen Platz im Blatt. Dafür wurde der Aargauer mit italienischen Wurzeln 2010 zum «Sportjournalisten des Jahres» gekürt. Ende vergangenen Jahres fiel er auf, als er in bester «Weltwoche»-Manier «gegen den Mainstream» anschrieb und gemeinsam mit seinem Chef Roger Köppel ein ausgesprochen unkritisches Interview führte, in dem er den Fifa-Präsidenten Joseph «Sepp» Blatter die nachweislich falsche Behauptung aufstellen liess, im Weltfussballverband gebe es keine Korruption.

Was bisher nicht bekannt war: De Gregorio hat seit kurzem eine neue Einnahmequelle – er arbeitet als Berater für Joseph Blatter.

Blatter zahlt persönlich

Anfang April ist de Gregorio von Blatter über einen Mittelsmann angefragt worden, ob er während der folgenden sechs Wochen dessen Medienarbeit übernehmen wolle. Blatter befindet sich derzeit im Wahlkampf. Am 1. Juni kandidiert der Walliser für eine vierte Amtszeit als Fifa-Präsident. War er vor vier Jahren noch per Akklamation wiedergewählt worden, hat er Mitte März Konkurrenz erhalten: Mohammed bin Hammam, 61-jähriger Katarer und Präsident des asiatischen Fussballverbands, macht seinem alten Freund den Thron streitig. 1998 hatte er Blatter zu seiner ersten Wahl verholfen, indem er ihm unter anderem einen Privatjet für den Wahlkampf zur Verfügung stellte.

Da Blatter gemäss Fifa-Reglement in den kommenden sechs Wochen nicht auf die hausinterne Infrastruktur zurückgreifen kann (der Herausforderer wäre benachteiligt), kontaktierte er de Gregorios Beratungs- und Kommunikationsfirma WDG Communication and Consulting. Der 46-jährige de Gregorio liess sich das Angebot durch den Kopf gehen und suchte daraufhin das Gespräch mit «Weltwoche» und «Magazin». Diese Woche erscheint in der «Weltwoche» seine vorläufig letzte Sportkolumne. Danach trete de Gregorio für die Dauer des Mandats «in den Ausstand», sagt Chefredaktor Roger Köppel. Auch sein zweiter Arbeitgeber, «Das Magazin», bestätigt, dass de Gregorio vorübergehend freigestellt wurde.

Über das Honorar für den Temporärjob schweigt sich de Gregorio aus. Dass er für das Blatter-Mandat einen hohen sechsstelligen Betrag erhalten soll, will er nicht kommentieren. Zur WOZ sagt er bloss: «Der Job ist ein Spitzenmandat und wird okay bezahlt. Da Sepp Blatter für den Wahlkampf kein Geld von der Fifa verwenden darf, zahlt er das Honorar aus der eigenen Tasche.» Und welche Aufgaben nimmt de Gregorio als Blatters Berater wahr? Wird der renommierte Journalist jetzt zum Lobbyisten? «Nein, das werde ich nicht. Ich könnte zwar eine Reihe von Kollegen anrufen und sagen: Hey, schreibt mal ein bisschen positiver über Blatter und die Fifa. Aber erstens kann ich in sechs Wochen das Image der Fifa nicht drehen. Und zweitens entscheiden nicht die Medien über die Wiederwahl, sondern die 208 Landesverbände.» De Gregorio sei lediglich für die Kommunikationsflüsse, das Monitoring, die Koordination von Interviews zuständig: «Das Lobbying bei den Verbänden gehört nicht zu meinem Mandat», sagt er. «Ich mache nur ganz gewöhnliche Medienarbeit.» Dafür hat de Gregorio ein kleines, internationales Team zusammengestellt, in dem auch Journalisten aus anderen Ländern arbeiten, etwa der ehemalige britische BBC-Sportreporter Brian Alexander.

Warum aber hat der Fifa-Präsident ausgerechnet Walter de Gregorio für dieses Mandat ausgesucht? «Im Februar wurde ich zum ‹Sportjournalisten des Jahres› gewählt. Vielleicht hat das geholfen.»

Den Titel erhielt de Gregorio für seine Sportkolumnen, die immer wieder auch Sport und Politik vermischten: «Interessante Sportgeschichten», «beweist, dass Sportjournalismus auch ein intellektuelles Vergnügen sein kann», heisst es in der Begründung zu seiner Auszeichnung, «gute Schreibe, eigenständiger Blick».

Als er 2008 Sportchef beim «Blick» wurde, befürchteten einige Kollegen, dass de Gregorio seinen Ruf aufs Spiel setze. Doch de Gregorio gefiel der Boulevard, das Polarisierende: «Es braucht Denkstücke, Provokation, Sex and Crime, Dramen, auch im Sport. Wenn ich Titten zeigen kann, zeige ich sie. Wenn es Sinn macht», sagte de Gregorio damals dem Medienmagazin «Klartext».

Auch als Sportkolumnist in der «Weltwoche» zeichnete sich de Gregorio durch unkonventionelle Artikel aus. Als die Fifa letzten Herbst einmal mehr der Korruption beschuldigt wurde, schrieb er eine Kolumne mit dem Titel «Ich gebe, damit du gibst»: «Wieder werden Bestechungsvorwürfe gegen Fifa-Mitglieder erhoben. So what? Die Korruption ist Teil unseres Alltags. Mehr noch die Scheinheiligkeit.» Der Text, eine machiavellistische Polemik wider die Heuchelei: «Der Betrug ist Teil des Sports», schrieb de Gregorio. «Natürlich ist die Fifa korrupt. So wie wir alle korrupt und korrumpierbar sind.»

«Wie hoch ist Ihr Preis?»

Sprach er damals vor allem von sich selbst? «Sie meinen, dass ich korrupt bin?», fragt er zurück. «Seien wir doch ehrlich: Wer hat sich noch nie einen klitzekleinen Vorteil ermogelt, im Restaurant, beim Coiffeur? Natürlich bin ich nicht heilig. Aber wie hoch ist Ihr Preis?» Diejenigen, die den Betrug im Fussball nicht akzeptieren wollten, sollten den TV-Empfänger doch lieber gleich abschalten, sagt de Gregorio. «Ich tue das nicht. Ich will spannende Champions-League-Spiele sehen.»

De Gregorio bestritt die Korruption im internationalen Fussballgeschäft nie. Sie sei «systemimmanent», sagte er verschiedentlich. Und doch liess er sich vergangenen Dezember von seinem Chef Roger Köppel an ein Interview schleppen («Köppel ist mehr der Hockeyspezialist»), das mit einem resolut-souveränen Joseph Blatter auf dem Cover der «Weltwoche» endete und der unwirklichen Schlagzeile: «In der Fifa gibt es keine Korruption». Das Interview war mit faktischen Fehlern gespickt und bot Blatter eine willkommene Gelegenheit, kritische Journalisten namentlich anzugreifen und Unwahrheiten zu verbreiten. Dass sie nicht kritisch nachhakten, gehörte offensichtlich zum Konzept des Interviews. De Gregorio: «Wir wollten Blatter eine Möglichkeit geben, seine Sicht der Dinge darzulegen.» Das passt wenig zum Slogan der Zeitschrift («überraschend, scharfsinnig, unabhängig»); umso mehr aber zu der grundsätzlichen Aussage, die Roger Köppel neulich an einem Podium machte: «Ich halte kritische Unternehmensberichterstattung für riskant und sogar für unnötig.»

Der Mörgeli der Fifa

Jetzt, da bekannt ist, dass de Gregorio – zumindest vorübergehend – die Mannschaft wechselt, liest sich die Fifa-Berichterstattung in der «Weltwoche» wie ein einziges, grosses Bewerbungsschreiben. Fürchtet de Gregorio nicht um seine journalistische Unabhängigkeit, die er einmal als «oberstes Gut» bezeichnete? Um seinen Ruf als Journalist? «Nein. Das hat man mich schon gefragt, als ich damals zum ‹Blick› ging. Ich glaube nicht, dass es jetzt ein Problem gibt, denn mein Mandat ist ja auf sechs Wochen befristet. Beim ‹Magazin› schreibe ich nicht über Sport, und wenn ich in der ‹Weltwoche› über Alex Frei oder Marco Streller schreibe, sehe ich keinen Interessenkonflikt.» Es sei ihm aber durchaus bewusst, dass er in Zukunft wohl nicht mehr über Blatter schreiben könne. Anders sieht dies Roger Köppel. Er wolle nicht «a priori ausschliessen», dass de Gregorio auch nach seinem Blatter-Mandat über die Fifa schreibe, selbst wenn er längerfristig dort arbeiten sollte: «Christoph Mörgeli, der einer grossen, Ihnen wohl bekannten Partei angehört, schreibt für uns auch über Politik.» Ein vielsagender Vergleich: Walter de Gregorio als Mörgeli der Fifa.

P.S.: In seiner Sportkolumne über die Korruption in der Fifa schrieb de Gregorio im letzten Herbst: «Es ist nicht zuletzt unsere Heuchelei, die das System am Leben erhält. Wären wir konsequent und ethisch so erhaben, wie wir alle glauben, wir würden die Finger lassen vom Fussball und vom professionellen Wettkampfsport allgemein. Wer beginnt damit?»

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